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Auf Umwegen - Moskau im November / Dezember 2004 (Teil 2) "Für einen verrückten Hund sind sieben Werst kein Umweg."

13/03/2005

Auf Umwegen - Moskau im November / Dezember 2004 (Teil 2)

"Für einen verrückten Hund sind sieben Werst kein Umweg." (russisches Sprichwort)7. Etappe: Station Sakolniki – Awiamotornaja-Station – 3. Dez., bei Tag

Habe heute beide Hände frei, um ungehindert auszuschreiten – vorbei an einer Schule zwischen Wohnsiedlungen, an einem weitläufigen Krankenhaus in einem ehemaligen Villenviertel, Richtung Süden, zum Jausa-Fluss. Eine Brücke nur für Fußgänger, dahinter beginnt der Neue Weg, Nowaja Doroga. Wo er endet, beginnt ein großer Friedhof, der Wwedenskij-Friedhof, den man der Länge nach durchqueren kann (später, am Stadtplan, stelle ich fest: sämtliche Friedhöfe der Stadt befinden sich am 3. Auto-Ring). Die Gräber mit ihren schwarzen, eisernen Einfassungen erinnern mich an Gehschulen. Ein aufgebrachter Schwarm von Krähen beruhigt sich erst wieder, nachdem ich an ihnen vorüber bin. „Fridericus Joseph Haas, geb. 1830“ kann ich entziffern, der restliche Grabstein ist von Eis und Schnee überzogen.

Komme durch einen Park, Kinder rutschen rund um eine Vertiefung eine Böschung hinunter (ein ausgelassener Teich?), auf Schlitten, Bob oder Plastiksackerl. Beslan fällt mir ein. Schon zuvor bei der Backstein-Schule habe ich daran gedacht: Wie real die Terrorgefahr in Moskau auch ist, es ist doch unmöglich, die gesamte Stadt in ein riesiges, überwachtes Gefängnis zu verwandeln.

Auf dem letzten Kilometer fliegen mir laufend Schneebälle um die Ohren. Die Studenten eines Energie-Instituts toben sich am Weg zur Metro aus. Ich erreiche die „Chaussee der Enthusiasten“.

8. Etappe: Awiamotornaja-Station – Station Tekstilschtschiki – 7. Dez., bei Tageslicht

Eine Fabrik reiht sich an die nächste. Die alten Kesselhäuser sind beredte Zeugen einer großartigen Industriegeschichte. Viele Gleise sind zu überqueren, mehr als auf der Karte eingetragen sind. Der Rückbau von stillgelegten Bahnkörpern ist in vollem Gang, der frei werdende Raum wird für Strassen benötigt. Treffe auf den ersten Bahnübergang mit Schranken.

Sämtliche noch fahrtaugliche LKWs aus den letzten Jahrzehnten scheinen unterwegs zu sein, beladen mit Schnee, Autowracks, Baumaterial usw. Wohin wird der Schnee transportiert, vor die „Tore“ der Stadt? Es taut seit Tagen, die Autoreifen spritzen den Dreck der Strasse quer über die Gehsteige. Am Rjasanskij-Prospekt, dem östlichsten Punkt meiner Wanderung, wimmelt es rund um ein Gebäude von Autos, LKWs und Menschen. „Moskwa XXI“ steht in riesigen Lettern auf der Fassade. Russische und polnische LKWs entladen Obst und Gemüse. Die Halle ist ein Kühlhaus.

Hinter den Gleisen – ich marschiere jetzt Richtung Süd-Westen – wird es ruhig. Anschließend gehe ich durch ein ausgedehntes Wohngebiet, sehe viele heruntergekommene Wohnblöcke, die mit dem Grün der Bäume im Sommer weniger triste wirken mögen. Mir begegnet der erste Betrunkene, der sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Drei Hunde umspringen wild bellend jedes durchfahrende Auto, Fußgänger lassen sie unbehelligt passieren. Alte Menschen erledigen ihre Besorgungen, gefährlich zwischen Eis und Wasserlacken dahinlavierend.

9. Etappe: Station Tekstilschtschiki – Kaschirskaja-Station – 9. Dez., bei Tag

Die Chaussee-Strasse begleitet mich nach Süden. Ich treffe auf das traditionsreiche Autowerk ASLK (Autofabrik der Lenin-Komsomolzen), hier wird der berühmte „Moskwitsch“, der Moskauer, hergestellt – heute in Zusammenarbeit mit Renault (Foto 3: Museum ASLK).

Ein toter Schäferhund liegt im Schnee an der Straßenböschung, ohne sichtbare Verletzungen.

Am Hafen öffnet sich der Blick auf den teilweise zugefrorenen Moskau-Fluss, der hier breit ist wie ein See (Foto 4: Hafen mit halber half-pipe).

Als ich die Treppe zu einer Brücke hochsteige, die mich über zwei Inseln an das andere Ufer bringen soll (laut Stadtplan), erwartet mich bereits ein Wachmann mit Kalaschnikow. Ob ich die Tafeln nicht gesehen hätte? Nur Arbeiter der Moskauer Wasserwerke dürften diese Brücke benützen. Alles Reden nützt nichts. Doch ich bekomme den Tipp, eine Station mit dem Vorortzug zu fahren, denn außer der Eisenbahnbrücke gäbe es auf einer Strecke von sieben Kilometern keine Möglichkeit, den Fluss zu queren.

Mit Hilfe einer älteren Frau finde ich den richtigen Bahnsteig. Sie ist zur Bibelstunde unterwegs, steigt auch an der nächsten Station aus, in Moskworetschje („Jenseits des Moskau-Flusses“, Samoskworetschje, hat abwertend bedeutet, in der Provinz zu leben, vom Kreml aus betrachtet, der diesseits liegt – nachzulesen etwa in A.N. Ostrowskijs „Aufzeichnungen eines Bewohners von Samoskworetschje“, 1847). Bin also in der ehemaligen Provinz gelandet, ein erzwungener Umweg. Wohnen, Kleidung und Essen gehen sich mit ihrer Pension gerade aus, erzählt die Frau noch, Reisen leider nicht mehr. Sie wünscht mir „Gute Reise mit Gott“ – habe gewissermaßen meine Mutter hier getroffen.

Vom südlichsten Punkt der Wanderung gehe ich die Kaschirskaja-Chaussee entlang nach Nord-Westen, vorbei an neuen Geschäften, Hochschulinstituten, an einem Kino. Für kurze Zeit setzt heftiger Schneesturm ein. Trockene Schneekugeln, wie aus Styropor, überzuckern den grau-braunen Altschnee. Wenig später ist die Sicht klar. Im Süden und Osten der Stadt verdecken die wuchernden Wohnsilos der Satelliten-Städte den Blick auf den Horizont.

10. Etappe: Kaschirskaja-Station – Profsajusnaja-Station – 10. Dez., tagsüber

Das wuchtige Gebäude in U-Bahn-Nähe ist mir gestern bereits aufgefallen. Es ist ein Krankenhaus (Foto 5: Onkologie). Dahinter wird ein langgestrecktes Gebäude sichtbar. An seiner Schmalseite ankommend, beginnen sich die Fluchten des Gebäudes scheinbar zu krümmen (Foto 6: Krankenhaus Nr. 7) – ob das nur auf meinen Astigmatismus zurückzuführen ist?

Eine noch nicht auf der Karte verzeichnete Verbindungsstrasse führt unter der Kaschirskaja-Chaussee Richtung Westen. Zusammen mit einer dritten Strasse, der Warschawskaja-Chaussee, ergibt sich ein schwindelerregendes Gewirr an Zu-, Aus- und Auffahrtsstrassen. Zurückblickend sehe ich noch einmal beide Krankenhäuser (Foto 7).

Durchquere ein Wohnviertel. Stoße zwischen den Wohnblöcken auf ein mit einfachsten Mitteln gestaltetes Denkmal zur Erinnerung an einen Terroranschlag, dem im September 1999 Kinder und erwachsene Bewohner dieser Siedlung zum Opfer gefallen sind.

Quere die Warschawskaja-Chaussee, die hier über eine Eisenbahntrasse führt (Foto 8: Bahnböschung, Männer am Feuer), und komme in den Nachimowskij-Prospekt, eine geschäftige Einkaufsmeile, Universitäts- und Wohngegend.

11. Etappe: Profsajusnaja-Station – Sperlingsberge – 12. Dez., bei Tag

Bin das erste Mal in Begleitung unterwegs, mit Karin und Dima (Foto 9: Wohngebäude (?) am Nachimowskij-Prospekt). Wir kommen zu einem gut besuchten Markt in der Nikolaus-Kopernikus-Strasse. Ich kaufe Honig ein, Lebkuchen aus Pokrow und einen Puck. Wir passen uns den Puck auf den vereisten Gehsteigen zu, bilden einen Sturmangriff, rufen uns die Namen der sowjetischen, der russischen Eishockey-Stars zu, die uns einfallen.

Der Blick von den Sperlingsbergen auf die Stadt und den Fluss ist etwas besonderes. Die höchste natürliche Erhebung der Stadt, geschätzte 200 Höhenmeter, kann mit Sessellift und Sprungschanze aufwarten. Die Lomonosow-Universität, im Rücken, lässt sich auch aus der Entfernung von ca. 600 Metern mit einem Normalobjektiv nicht zur Gänze ablichten. Zu lang bzw. breit sind die Sockelgebäude dieses stalinistischen „Gotik“-Baus, des höchsten Gebäudes der Stadt.

Heute ist Feiertag, der Tag der Konstitution – deshalb also die vielen Kinder vor dem Staatszirkus und im Vergnügungspark, vorhin. Wir beschließen, den Weg zum Moskau-Fluss zu nehmen, werden aber von der Ausgelassenheit der Kinder und Jugendlichen angesteckt, die den Berg hinunterrutschen. Es wird einer der schnellsten Teil-Abschnitte, die ich bisher zurückgelegt habe: am Hosenboden abwärts, in einer Eisrinne, direkt auf den Fluss zu.

12. Etappe: Station Universität – Borodino-Panorama – 14. Dez., tagsüber

Bin mit Juris unterwegs, es ist bitter kalt, windig. Während wir an der Mauer des „Krankenhauses für die Geschäftsführer des Präsidenten der russischen Föderation“ am Mitschurinskij-Prospekt entlang gehen, erzählt Juris von den Verlierern der Wende von 1991: alle Pensionisten und viele Jugendliche am Land, die ohne Aussicht auf Arbeit sind. In Moskau, im „Hongkong von Russland“, herrschen Ausnahmebedingungen, und es ist ein streng überwachtes Privileg, hier arbeiten und leben zu dürfen.

An der Minskaja-Strasse entstehen die ersten Gebäude eines Wohnviertels für Neureiche (Foto 10: Kabelverleger). Am westlichen Rand des Geländes, das von zwei Flüssen geprägt wird, Ramenka und Setun, steht eine Moschee (Foto 11).

Wir betreten den „Park des Sieges“ durch den hinteren Eingang. Er ist dreiecksförmig angelegt (Höhe 1,5 Kilometer, Basis 1 Kilometer). Die symmetrische Anlage zieht den Blick und den Besucher in ihr Zentrum – vorbei am abseits gelegenen Denkmal für die Opfer im „Großen Vaterländischen Krieg“ (1941-45), vorbei am Museum, in ein Säulenhalbrund: zu einem riesigen Obelisk (Foto 12: Detail Obelisk, Hl. Georg der Drachentöter, Schutzpatron Moskaus). Juris muss zu einer Verabredung, ich bin allein. Ich umrunde den Obelisk, quere den gestuften Platz, gehe bis an die Spitze des Dreiecks und drehe mich um (Foto 13: Totale, Park des Sieges). Ein Mann fragt mich, wo das Museum sei. Ich schicke ihn in die Richtung, aus der ich gekommen bin. Ich sehe ihm nach und erlebe, wie er im langsamen Verschwinden wiederherstellt, was im Krieg und in der triumphalen räumlichen Darstellung des Sieges verloren geht: den menschlichen Maßstab.

Wenige Schritte fehlen noch – an einem Triumphbogen vorbei – bis zum Borodino-Panorama; dorthin, an meinen Ausgangspunkt, wo die Erinnerung an den „Vaterländischen Krieg“ (1812) wachgehalten wird. Das Schlachtenbild des slawophilen Malers Francois Roubauld vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigt auf einer Fläche von 140 mal 10 Meter den Kampf der allrussischen Verteidiger gegen die napoleonischen Truppen in Borodino, vor den Toren Moskaus. Vom in sich geschlossenen Rundbild fällt der Blick des Betrachters in eine nachgebildete Landschaft aus Karton und Styropor: verbrannte Hütten, Laufgräben, Kanonen, Zäune – die fließend in die Zwei-Dimensionalität des Bildes übergehen.

Eine Dame des Aufsichtspersonals wird später, nachdem ich eingetreten bin, so begeistert von den kunstvollen Effekten dieses Panoramabildes erzählen, als wäre es eben erst fertiggestellt worden.

Meine Umkreisung hat geendet, ohne sich zu schließen.

Verfasser/in:
Markus Gfrerer
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12. Etappe: Foto 11
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8. Etappe: Foto 3
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8. Etappe: Foto 4
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10. Etappe: Foto 5
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10. Etappe: Foto 6
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10. Etappe: Foto 7
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10. Etappe: Foto 8
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11. Etappe: Foto 9
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12. Etappe: Foto 10
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12. Etappe: Foto 12
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12. Etappe: Foto 13

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