sonnTAG 066

Auf Umwegen - Moskau im November / Dezember 2004 (Teil 1) "Für einen verrückten Hund sind sieben Werst kein Umweg." (russisches Sprichwort)

06/03/2005

Auf Umwegen - Moskau im November / Dezember 2004 (Teil 1)

"Für einen verrückten Hund sind sieben Werst kein Umweg." (russisches Sprichwort)

Moskau auf halben Weg zwischen Zentrum und Peripherie zu Fuß zu umkreisen – dieses Vorhaben habe ich noch in Graz gefasst. Schritt um Schritt, habe ich mir vorgestellt, möchte ich diese Stadt begehen, begreifen. Eine Stadt, in der ich schon einmal war.

Im Gehen wird der menschliche Körper als Maßstab erfahren. Einverstanden, werden viele denken – nur, ausgerechnet in einer Großstadt auf dem Gehen zu beharren, ist verwunderlich. Und die Reaktion der Menschen, die ich unterwegs nach dem Weg gefragt habe, war denn auch durchwegs folgende: mir die nächste Bushaltestelle, Straßenbahnstation zu zeigen – denn zu Fuß sei es doch viel zu weit. Ein unausgesprochener Affront tritt zu Tage: Im Gehen wird eine Metropole erneut zu einer Agglomeration von Dörfern erklärt; sie wird an ihre Geschichte erinnert, die sie doch mit allen Mitteln zu verschleiern sucht (in der Benennung vieler Metrostationen sind allerdings die Dorfnamen erhalten geblieben). Fortschritt ist seit der Zeit der Moderne das Zauberwort jeder Stadt, die etwas auf sich hält. Im Schreiten, im Fortschreiten, denke ich, wird im wörtlichen Sinn die Erinnerung an Fortschritte wach gehalten (bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts begegnet das Substantiv ausschließlich in der Pluralform). Dem Vielfältigen und Ungleichzeitigen einer Großstadt wollte ich in Moskau nachgehen.

Die Figur meiner Umkreisung in zwölf Etappen ähnelt einem Netz, zähle ich die An- und Rückfahrtswege hinzu. Sie wäre ohne die Benützung von Bus und Metro (eine der schönsten, die ich kenne) nicht zustande gekommen. Mein wiederholter Ausgangspunkt war die Metrostation Oktjabrskaja, südlich an der Kreis-Linie gelegen.

1. Etappe: Borodino-Panorama – Schmitowskij-Verbindungsstrasse – 23. Nov., früher Abend

Ich gehe Richtung Borodino-Panorama. In der Nähe habe ich mit meinem Bruder 1991 gewohnt. Hier im Westen der Stadt möchte ich die Umkreisung beginnen. Seit letztem Wochenende versinkt die Stadt im Schnee. Menschen strömen zum Bahnhof und zur Metrostation Fili. Mütter mit Kindern, Arbeiter, alte Menschen kehren nach Hause zurück. Die hell erleuchtete Kirche in der Nowosawodskaja-Straße ist versperrt. Auf der gewaltigen Brücke über den Moskau-Fluss treffe ich nur wenige Menschen, dafür reißt der Strom an Fahrzeugen nicht ab.

Am Tag danach notiere ich: „Ich erwandere mir eine neue Sprache, sie liegt auf den Straßen und Brücken, auf den Durch-, Über-, Auf- und Eingängen, auf den Haltestellen der Stadt. Ich begegne den Menschen auf ihren Heimwegen, Kindern, die von der Schule kommen, höre sie lachen, schreien. Das Sichtbare, Hörbare, das Riech- und Fühlbare dieser Stadt ist wie eine Sprache, die ich im Gehen kennen lerne.“

Ich werde Aljoscha über sein verwirklichtes Projekt „lesa w lesu“ (Baugerüst im Wald) näher befragen, über das mir Iwan bei unserem ersten Wiedersehen erzählt hat. Mein Gerüst ist die Sprache der Menschen, die Sprache der Stadt.

2. Etappe: Begowaja-Station – Schmitowskij-Verbindungsstrasse – 24. Nov., abends

Ich finde den Bus Nr. 4 an der Krasnopresnenskaja-Station nicht mehr, um an meinen gestrigen Endpunkt zurückzukehren. Ich entscheide deshalb, die Etappe verkehrt herum anzugehen. Von der Begowaja-Station in die Rosanowa-Strasse Richtung Süd-Westen reihe ich mich zwischen die ungeehrten „Helden der Arbeit“ ein. Ich stapfe einen vereisten Trampelpfad entlang, zwischen einer Mauer aus Beton-Platten und dem Böschungsrand einer tiefer gelegenen Bahntrasse. Es riecht nach Kohle und Schmieröl. Die im Bau befindlichen Brücken über den 3. Auto-Ring zwingen mich zu einem Umweg – immer knapp an den dahinbrausenden Autos und Lkws entlang.

Riesige Fabriksareale (eine „promsona“, erfahre ich später) reihen sich aneinander, aus den Schloten steigt Wasserdampf in den rosa-orangefarbenen Nachthimmel. Die Lkws und Busse scheppern auf den schlecht geräumten Straßen vor sich hin. Es ist bitter kalt. Ich habe einen Industriemoloch durchquert, eine Stalker-Zone. Und doch: ich sehe die Spuren der Kinder im Schnee, sie rutschen die Böschung zum Bahndamm hinunter, haben ihren Spaß.

Später, vor dem Einschlafen, begegnet mir eine weitere Art von Aneignung – diesmal aus der Geschichte. „Radio-Retro“ wiegt uns über das Handy mit der Stimme Breschnews in den Schlaf, die Satz-Perioden seiner Rede über den Außenhandel sind mit Technobeats synchronisiert. Russkij disco – geschickte Verharmlosung oder zynische Entlarvung?

Beim Frühstück erklärt mir Aljoscha die Topographie Moskaus anhand des Ziffernblattes einer Uhr. Die Kreislinie der Metro zählt zwölf Stationen. An der Komsomolskaja-Station ist es zwei Uhr, an der Belorusskaja-Station elf, an der Oktjabrskaja-Station, in deren Nähe ich wohne, sieben.

3. Etappe: Begowaja-Station – Hippodrom – Leninskij-Prospekt – 25. Nov., abends

Heute durchquere ich Wohngebiete, bin zumeist auf Gehsteigen unterwegs. Ich überschreite den 3. Auto-Ring, um das Hippodrom, eine Pferderennbahn aus den 1930er Jahren, aus der Nähe zu bewundern. Sie ist auch im Winter in Betrieb, von Donnerstag bis Sonntag. Die Eintrittskarten kosten von 30 Rubel aufwärts, ein für Moskauer Verhältnisse billiges Vergnügen.

Die Hinweise auf Geschäfte in den Kellern vieler Wohnhäuser fallen mir auf. Werde aber auf der schummrig beleuchteten Kellerstiege unsicher, ob ich hier richtig bin.

Als ich in den Leningradskij-Prospekt einbiege, mache ich auf eine Zigarettenlänge Halt. Hier bin ich letzten Sonntag von Riga kommend mit dem Bus entlanggefahren. Der Prospekt ist breiter, als viele Gassen in Graz lang sind. Das Dinamo-Stadion auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird von vier Scheinwerfer-Masten beleuchtet. Jeder einzelne von ihnen trägt mehr Leuchten als alle Scheinwerferanlagen im Grazer Arnold-Schwarzenegger-Stadion zusammen.

4. Etappe: Dmitrowskaja-Station – Station Dinamo – 27. Nov., bei Tageslicht

Bei Schneefall mache ich mich gegen den Uhrzeigersinn auf den Weg – zwischen Wohnhäusern und rostfarbigen Garagen entlang. Mache unfreiwillig Bekanntschaft mit streunenden Hunden, die ihr Revier erfolgreich verteidigen: aufgelassene Siedlungen, Brachen.

Ich betrete eine orthodoxe Backsteinkirche, meine Brille beschlägt sich. Bin ganz Nase und Ohr: Weihrauchduft und Stille. Muss plötzlich an eine Freundin denken und mache zur Erinnerung ein Foto (Foto 1: Kirche des Hl. Mitrofan, Petrowsko-Rasumowskij-Verbindungsstrasse). Endlich habe ich die hinausgeschobene Entscheidung über den Umgang mit dem Fotografieren treffen können – bzw. sie hat mich getroffen: Moskau löst in mir Erinnerungen aus an Menschen, die abwesend sind. Diese Erinnerungen will ich im Bild als Erinnerung festhalten.

Am Leningradskij-Prospekt (Foto 2: Petrowskij-Reise-Schloss, wird restauriert) zieht es mich zum Oval des Dinamo-Stadions. Ich umrunde es zum Abschluss der Etappe.

Igors Lieblingsstelle des „Stalkers“ sind die zwei Szenen in der Bar, vor und nach dem Betreten der Zone – der runden Stehtische wegen. Sie stammen aus der „Swesda“, einer berühmten Café-Bar, die A. Tarkowskij gekannt hat. Und Igor zeichnet den Tisch – runde Marmorplatte, runde Eisenplatte als Boden, beide durch vertikale Stäbe verbunden – auf eine Zigarettenschachtel.

5. Etappe: Dmitrowskaja-Station – Riga-Bahnhof – 29. Nov., bei Tag

Der gut drei Kilometer entfernte Fernsehturm „Ostankino“ leuchtet im Licht der Nachmittagssonne auf. Er ist mit seiner Höhe von 540 Metern mein Wegweiser für diese nördlichste Etappe. Hinter einer Zollstation reiht sich ein Autohändler bzw. eine Autowerkstätte an die nächste. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Autos in der Stadt auf heute mehr als drei Millionen Fahrzeuge verzehnfacht.

Die hell erleuchtete Kirche an der Scheremetjewskaja-Straße ist versperrt – Igor wird mich später auf ihren Namen aufmerksam machen: Slutschainaja Radost (deutsch: Zur unerwarteten Freude).

Durch ein ausgedehntes Wohngebiet, von einer Eisenbahnlinie durchschnitten, gelange ich zum Riga-Bahnhof. Und eines steht fest: Ohne die Personenkontrollen durch die Miliz, die seit den Terroranschlägen der letzten Jahre auf sämtlichen Bahnhöfen sowie Metrostationen regelmäßig stattfinden, hätte ich das unvergleichliche Lokal am Riga-Bahnhof wahrscheinlich nicht entdeckt. Nach der aufwendigen Prozedur zur Klärung meiner noch unerledigten Aufenthaltsgenehmigung trieb mich der Durst in das nächste „Kafe“. Vier Tische á vier Sessel, eine Budel, Rauchverbot, keine Musik. Bestelle trotzdem einen Tee und 50 Gramm Moskowskaja-Wodka. Zahle 18 Rubel (später erfahre ich von meinen Freunden, dass sie kein billigeres Lokal in der Stadt kennen). Trinke den 2,5-fachen Schnaps in einem Zug aus – die Stimmung fordert keine unnötigen Bewegungen.

Als ich vor die Tür trete, um zu rauchen, schießt es mir in den Sinn: hier bin ich vor acht Tagen in dichtem Schneetreiben in Moskau angekommen, an der Bushaltestelle, 15 Meter entfernt von diesem „Kafe“. Ab heute trägt es für mich einen Namen: Kafe Zur unerwarteten Freude.

6. Etappe: Riga-Bahnhof – Station Sakolniki – 1. Dez., Abenddämmerung

Es schneit bei Minus-Graden. Rutsche bereits am Anfahrtsweg zur Etappe zweimal aus, liege der Länge nach am Boden. Die beiden Plastiksackerl und die Tasche mit Fotoapparat klatschen neben mir aufs Eis. – „Ist ihnen was passiert?“ – Die Menschen sind im direkten Kontakt (anders als beim Autofahren) rücksichtsvoll und hilfsbereit.

Die Schneeflocken frieren an der Kleidung fest. Der Pjatnitskoj-Friedhof lässt sich nicht durchqueren, schaue dennoch auf einen Sprung hinein. Die von Bäumen umgebenen Gräber versinken im Schnee. Das Knirschen der Schuhe übertönt das ferne Summen des Straßenlärms. „Auf dem Friedhof ist alles ruhig“ – mir fällt die mehrdeutige Liedzeile von W. Wysotzkij ein, die ich jetzt wörtlich nehme. Die Stille des verschneiten Friedhofs dämpft den Klang meiner Stimme.

Durch den vier Quadratkilometer großen Sakolniki-Park schaffe ich es nur nach mehrmaligem Fragen. Bin bis zuletzt orientierungslos. Am südlichen Ende des Parks, an einem großen Platz, wo die radialen Straßen sich treffen, dringt Musik aus Lautsprechern, traditionelle Tanzmusik mit Technobeats unterlegt. Hunderte ältere Paare, ihre (Akten-)Taschen neben sich gestellt, tanzen im Freien. Nur mittwochs?

Verfasser/in:
Markus Gfrerer
sonntag_66_mamo_01finalkl.jpg
4. Etappe: Foto 1
moskaujuris1finalkl.jpg
Foto: (c) Juris Vulis
sonntag_66_mamo_02finalkl.jpg
4. Etappe: Foto 2

Artikelempfehlungen der Redaktion