Wo der Weltgeist wohnt
Hoch über Dornach bei Basel liegt ein faszinierender Koloss – das Heiligtum der Anthroposophen
Von Susann Sitzler
Am Ende ist man verstört. Völlig vergeistigt angesichts eines unförmigen Betonkolosses, der hoch über dem Dorf steht. Man glaubt sogar, die Sprache seiner grauen Masse zu verstehen. Aber davon ahnt man am Anfang noch nichts. Dornach, zwanzig Tramminuten südlich von Basel, ist ein ganz normales, wohlhabendes Schweizer Dorf. Es gibt die Feldschützen, die Freischützen, einen Dart-Club, einen Jodler-Club. Es gibt Bäckereien, Metzgereien, Kleingewerbe und Reste einer Metallindustrie, eine reformierte und eine katholische Kirche. Dann bemerkt man vielleicht, dass überdurchschnittlich viele ältere Herren eine Baskenmütze tragen. Diese Herren sind Wesen aus einer zweiten Welt, die innerhalb von Dornach und der Nachbargemeinde Arlesheim existiert. Sie macht sich zunächst nur in Andeutungen bemerkbar. Im Lebensmittelmarkt liegt neben den Frauenzeitschriften der Gastronomische Planetenreigen – Gedanken zur Getreideküche. Gegenüber dem Coop wirbt Die Sichellaute, Schule für Leierspiel. Im Supermarkt neben den Pril-Flaschen stehen ökologisch korrekte Sprudeltabs für die Geschirrspülmaschine, angeschrieben in der Waldorf-Schrift, die man von Weleda-Produkten kennt. Diese Zeichen gehören in die Welt der Anthroposophie. Ihr Zentrum liegt auf dem Hügel über dem Dorf und heißt Goetheanum. Dass es so kam, ist eigentlich Zufall. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasste der Österreicher Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, vier so genannte Mysteriendramen, die seine Lehre veranschaulichen sollten. Im Kern geht es – frei nach Goethe – darum, die geistige Welt mit der Sinneswelt in Einklang zu bringen. In München wollte er dafür eine eigene Bühne bauen, aber die Stadt verweigerte die Genehmigung. Der Dornacher Zahnarzt Emil Grossheintz stellte daraufhin sein Land zur Verfügung, und Steiner baute dort sein Goetheanum. Schon die Baustelle lockte viele Anhänger an – meist Deutsche, die sich nach etwas sehnten, das sie aus der Erstarrung von Korsett und Kaiser befreite, ohne sie völlig orientierungslos zu machen. Einige von ihnen ließen sich am Hügel nieder.
Wenn man in Dornach unterwegs ist, erkennt man die Anthroposophen leicht. An den aufwändigen Zopfkonstruktionen, mit denen die Damen ihre Haare hochgesteckt haben. An den exakten, ruhigen Schritten, die wirken, als gäbe es außerhalb des eigenen Körperradius nichts, dem man Aufmerksamkeit schenken muss. Als Besucher möchte man manchen gerne unauffällig ein bisschen folgen. Etwa dem knorrigen Denker, der mit einem Stoffbeutel in der Hand den Hügel hinunterschreitet und die umwölkte Stirn gesenkt hält, bis er sein Ziel erreicht hat: das Vollwertbrot-Regal im Bioladen.
Verbunden werden die beiden Welten in Dornach vom Ortsbus. Pünktlich jede halbe Stunde startet er am Bahnhof. Die alten Dornacherinnen haben sich auf den hinteren Bänken eingerichtet und bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand der Dinge.
Auf der Weg zum Goetheanum hält der Bus vor dem Gemeindehaus. Hier regiert Kurt Henzi, der Gemeindepräsident. Sein mageres, stolzes Gesicht und seine präzisen Gesten geben ihm den Glamour eines Stummfilmschauspielers. »Wir wissen nicht, wie viele Anthroposophen in Dornach wohnen. Darüber erheben wir keine Daten.« Von seiner Sekretärin holt er einen Zettel mit den aktuellen Einwohnerzahlen: 6300 Einwohner, davon 1500 Ausländer. »Aber das sind nicht alles Anthroposophen.« Henzi ist in Dornach aufgewachsen. Vor vielleicht fünfzig Jahren wartete er mit den anderen Kindern am Bahnhof auf die Fremden, die kamen, um die Mauern anzufassen, die Rudolf Steiner angefasst hat. Gegen ein Taschengeld zogen die Kinder ihnen die Koffer mit dem Leiterwagen den Hügel hinauf. »Sonst hatte man nicht viel miteinander zu tun.« Nur an Weihnachten wurde die Dorfbevölkerung zu den Christspielen eingeladen und stieg hoch.
Als gemeinnützige Organisation zahlt das Goetheanum in Dornach keine Steuern. Kurt Henzi würde niemals sagen, dass ihn das ärgert. Er sagt: »Früher haben sie bei den Veranstaltungen wenigstens noch Billettsteuer gezahlt. Aber die wurde abgeschafft.« Vor ein paar Jahren wollten Gemeindemitglieder erwirken, dass in Dornach keine weiteren anthroposophischen Gebäude mehr bewilligt werden. »Aber die hatten«, sagt Henzi, »in der Gemeindeversammlung keine Chance.« Grobe Verbote passen nicht zur hiesigen Mentalität. Als Schweizer schaut man darauf, dass sich jeder an die Regeln hält, und lässt einander ansonsten in Ruhe.
Der Bus durchquert die Dorfteile Brüggli – geprägt vom Gewerbe –, Apfelsee und Oberdornach, den Dorfkern; die Straße wird immer steiler. Nach und nach sind die Alten mit dem derben Dialekt ausgestiegen. Wenn überhaupt, wird jetzt nur noch Hochdeutsch gesprochen. In den Polstern sitzen nun schmale Damen mit geradem Rücken. Sie halten ruhige Gesichter gegen das milde Winterlicht, faltige junge Mädchen. Die Männer tragen Wollwesten und packen anspruchsvolle Tageszeitungen aus.
Je näher wir dem Goetheanum kommen, desto öfter sieht man Türfüllungen oder Fensterrahmen, die ohne rechte Winkel auskommen und leicht verzerrt wirken. Die Häuser haben auf einmal ungewohnte, asymmetrische Grundrisse; Dächer wölben sich organisch. In der anthroposophischen Baukunst sind Architektur und plastisches Gestalten nicht starr voneinander getrennt. Nach einer Viertelstunde erreicht der Bus die höchste Haltestelle. Fremd wie ein Raumschiff steht das Goetheanum auf der Wiese, mit dem festen Gewicht eines uralten Elefanten. Aber gleichzeitig scheint der klobige Korpus aus hellem Beton frei zu schweben. Die Wirkung ist stark, auch wenn man sich gegen die Anthroposophie sträubt. Steiners Bau ist 1928, noch unvollendet, in Betrieb genommen worden. Das erste, aus Holz gebaute Goetheanum fackelten Brandstifter in der Silvesternacht 1922 ab. Drei Jahre später starb Steiner, während der Bauarbeiten zum zweiten Goetheanum. Heute ist es Zentrum der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und Sitz der Hochschule für freie Geisteswissenschaft sowie Theater, Kongresszentrum und Tagungsstätte. In diesem Sommer wurde zum sechsten Mal eine anthroposophische Inszenierung des Fausts geboten. Werktreue 21 Stunden lang, verteilt auf drei Tage.
Direkt an der Bushaltestelle steht das Speisehaus. Die Decke des Restaurants besteht aus einer lindgrünen asymmetrischen Betonwölbung. Praktisch das ganze Goetheanum verpflegt sich hier. Heute gibt es Hafer-Quark-Braten. Dazu gedünstete Grünkohlblätter, die sich den Zähnen nicht widerstandslos fügen. Die Kürbisschnitze strahlen so viel Vollwertautorität aus, dass man nicht wagt, nach dem Salz zu greifen. Die Stimmung ist heiter und konzentriert. Niemand brüllt in ein Handy. Aber es liegt auch etwas Übergründliches, Rechthaberisches in der Luft, eine Verbissenheit, mit der man die anderen bei der persönlichen Vervollkommnung zu übertrumpfen versucht. Wer Essen als sinnliche Angelegenheit betrachtet, scheint dabei nicht weit zu kommen. Am Fenster spricht eine grauhaarige Frau mit ihrem Tischnachbarn darüber, wie wunderschön es wäre, »wenn ER mal wieder runterkäme«.
Die Verklärung und Verkitschung der Anthroposophie ist Jens Roland Prochnow ein Dorn im Auge: »Diese lila Tanten! Dieser Drang, sich in eine Strohhutwelt hineinzuromantisieren!« Wenn es in der Bewegung junge Rebellen gibt, ist Prochnow einer. Solange er noch gegrüßt wurde, saß er beinahe täglich im Speisehaus. Dann bemerkte die Hügel-Szene, dass der Düsseldorfer mit der gepiercten Augenbraue sein Stipendium des Rudolf-Steiner-Archivs nicht nur zum Forschen nutzte, sondern auch zum Schreiben spöttischer Kolumnen.
Die Anthroposophie beschäftigt Prochnow schon sein halbes Leben. Das ist beachtlich, weil er erst 31 ist. In Steiners Werk kennt er sich so gut aus, dass er vor zwei Jahren in der ZDF-Wissensshow Risiko den Hauptpreis gewonnen hat. »Ich bin Anthroposoph, aber ich kann nicht einmal Eurythmie«, sagt er. »Nur das T.« Er macht eine Geste, in der Eingeweihte der Popkultur die Bewegung zum M des Discohits YMCA erkennen: Die gestreckten Finger deuten von oben auf den Scheitel, die Ellbogen sind zur Seite abgewinkelt. Eurythmie ist die Bewegungskunst der Anthroposophen, eine ritualisierte Abfolge von Bewegungen, mit denen Sprachlaute ausgedrückt werden. Prochnows Interesse an Steiner ist rein intellektuell: »In seiner Lehre habe ich etwas gefunden, das voller Widersprüche ist und trotzdem ein Ganzes ergibt.« Damit das so bleibt, versucht er den Meister vor seinen allzu aufdringlichen Verehrerinnen zu schützen. Viele kommen nach Dornach, weil sie hier die konservierte Welt Steiners vorzufinden hoffen. Aber selbst am Hügel haben sich die Zeiten gewandelt.
Die Anthroposophen geben sich mehr Mühe als früher, mit dem Dorf in Kontakt zu kommen«, sagt Gemeindepräsident Henzi. Im Gegenzug wagen sich auch die Dornacher aus dem Dorf gelegentlich zu Vorträgen oder Aufführungen ins Goetheanum hinein. Dabei macht es das Gebäude unvorbereiteten Besuchern nicht leicht. Die äußere Würde verwandelt sich jenseits der Pforte in herrische Autorität. Klotzige Betonträger ragen schief in die Räume, asymmetrische Fenster lenken den Blick in den leeren Himmel, der Atem hallt merkwürdig in den düsteren Treppenhäusern. Alles ist riesig und klobig. Jede Ecke weist den Besucher darauf hin, dass er den Sinn dieser ganzen Schiefheit nicht ohne weiteres verstehen kann. Die Einweihung, so scheint das Goetheanum im Innern zu sagen, muss man sich erarbeiten, und das wird bestimmt kein Spaß. Wer dazu nicht bereit ist, sucht betreten den Ausgang.
Beim Warten auf den Bus kann man den Betonkoloss noch einmal aus sicherer Distanz auf sich wirken lassen. Es ist eine strenge und gleichberechtigte Verbindung, die Masse und Körperlosigkeit miteinander eingehen. Geschaffen wurde sie zu einer Zeit, in der Beton als Baustoff noch nicht gebräuchlich war. Plötzlich ist die visionäre Kraft spürbar, die von diesem Ort einmal ausgegangen sein muss. In überwältigender Klarheit scheint das Gebäude plötzlich einen Gedanken auszudrücken: Die größte Freiheit und das größte Glück des Menschen liegen darin, denken zu können. So etwas kann ein Gebäude sagen? Einfach mittels gebogener Betonmauern? So etwas verstört den skeptischen Besucher.
Der Bus fährt bergab eine kürzere Strecke und erreicht nach wenigen Minuten den Bahnhof. Unten kommt die Erleichterung. Die zweite Welt, die Welt der Anthroposophen, ist hier nur noch in feinen Zeichen zu sehen. Und die verzerrten Gebäude am Wegesrand haben während der Fahrt geschwiegen.Susann Sitzler wurde 1970 in Basel geboren. Studium der Germanistik, Philosophie
und Kunstgeschichte. Journalistische Arbeit seit 1993; lebt seit 1996 als
freie Printjournalistin und Radioautorin in Berlin. Reportagen und Porträts
für Zeitungen und Magazine, publizistische Beiträge in Anthologien. Features
und Reportagen für DeutschlandRadio Berlin, Schweizer Radio DRS u.a.
2004 erschien im Ch. Links Verlag Berlin von der Autorin eine Mentalitätsgeschichte der Schweizer unter dem Titel "Grüezi und Willkommen. Die Schweiz für Deutsche«
ISBN 3-86153-331-6."
Dieser Beitrag erschien am 24. Nov. 04 in der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit". Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Karin Tschavgova
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