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Frühschoppen, Kirchgang oder SonnTAGs- geschichten lesen... sonnTAG 045. "Der urbane Wohnraum" von Günter Hainzl, Graz / London

19/09/2004

Der urbane Wohnraum

von Günter Hainzl, Graz / London

Immer wieder sind wir konfrontiert mit der Idee des transitären Raumes. Diese Idee scheint uns alle nicht mehr loszulassen. Ist dieser im Titel benannte "urbane Wohnraum" einer jener transitären Räume und Gefüge? Bevor wir uns jedoch dieser Frage nähern, müssen wir erst zwischen Transitraum und transitärem Raum zu unterscheiden versuchen.

Ich verstehe den Stadtraum nicht als Umschlagsort oder Zwischenort auf einer Reise von A nach B, oder nach C, wobei dieser Transitraum als kontextloser Nirgendsort zurückbleibt. Ich sehe den Stadtraum als transitär an – als ein sich ständig änderndes Erfahrungs- und Gedankengerüst. Freilich wird der urbane Raum zumeist aus der Sicht des Transit wahrgenommen, andauernd gleiten wir mit unseren Autos und anderweitigen Verkehrsmitteln durch dessen Volumen. Die Geschwindigkeit unserer Fortbewegung ist in den meisten Fällen viel zu groß, um einer örtlichen Erfahrung gerecht zu werden (die Wahrnehmung eines Flughafengebäudes ist im Vergleich hierzu zu tiefst ortsverbunden – stundenlanges Warten in öden Bars und Duty-Free-Läden ist doch eher statisch und lokal).

Folglich sollte man schließen, dass der urbane Raum, wenn als Transitraum verstanden, nicht als Wohnraum geeignet sei, und man müsste diesen als ortlosen Überrest des städtischen Bauvolumens bezeichnen. Auf den ersten Blick mag sich uns der Straßen-, Gassen- und Platzraum nicht als "Raum" zu erkennen geben, da wir normalerweise diesen Begriff eher mit unseren Wohn- und Arbeitsschachteln gleichsetzen. Obgleich wir uns eingestehen sollten, dass "Raum" mehr als eine physische Tatsächlichkeit ist, nämlich eine Erfahrung und Empfindung dessen.

Wenn wir "Raum" als Erfahrung anerkennen, eröffnet sich im Stadtraum eine Vielfalt an räumlichen Potentialen, darunter auch die Fähigkeit zum Wohnraum. Ja, wenn wir den urbanen Raum als transitär und nicht als Transit verstehen, dann ist der urbane Raum der Inbegriff von Ortsverbundenheit, der vielleicht Ortlosigkeit (Transit) gewährt, aber niemals den Anspruch als Ort verliert. Dieser Raum ist dann auch bewohnbar und belebbar.

Darin besteht sein Potential: Der urbane Raum ist Wohnraum und Lebensraum.

Ähnlich der heimeligen Zimmer ist auch der urbane Wohnraum möbliert. Stühle, Bänke, Stufen sind angenehme Sitzgelegenheiten. Tische gewähren die Möglichkeit zur privaten, aber meist gemeinsamen Zusammenkunft. Man trinkt, isst, schreibt und redet viel an diesen Orten. Sonnenschirme und Bäume geben erfrischenden Schatten. Auch der Wind, der durch die Gassen streicht, ist in der Hitze ein willkommenes Geschenk. Arkaden, Balkone, überhängende Friese und Dächer sind schützende Elemente gegen Regen und Schnee. Wasserspiele, bronzene und steinerne Bildhauereien tun unserem städtischen Befinden gut. Vogelgezwitscher, Getratsche, Motorengeräusch und das Tosen des Flusses sorgen für eine einzigartige Beschallung.

Der Boden ist bedeckt mit unzähligen Variationen von Pflastersteinmustern, aber auch belegt mit standardisierten Steinplatten – stramm in Reih und Glied. Der Plafond unseres Wohnraums ist bemalt mit der Pracht des Himmels. Das an den Wänden reflektierende Sonnenlicht hüllt uns in einen pastellfarbigen Schleier von Wärme. Die Fassaden – mit ihren unzähligen Matrizes von Fenstern, Eingängen und Nischen, mit ihren Mansarden und Dachformen und mit dem nicht enden wollenden Spiel von Verzierungen und Beschmückungen – sind die Tapeten des urbanen Wohnraums.

Die Öffnungen in den Baumassen zeigen sich manchmal banal, ein andermal als prunkvolles Relief eines klassischen Ideals. Obgleich diese Öffnungen immer als eine Form von ‘aediculum’ erscheinen – als ein verniedlichtes Gebäude oder ein Tempel, welche dem städtischen Raum angehören und diesem vielleicht auch Ehre erweisen. Die Fassaden gleichen einem Setzkasten von individuellen Wohnräumen, welche den urbanen Raum säumen.

Natürlich könnte man sagen, dass jedes einzelne Haus und jede Wohnung darin sich durch die Fassade nach außen projizieren. Versteht man jedoch den Stadtraum, den "Überrest" von der Baumasse, als positiven Raum, so strahlt das Leben des Ortes durch die architektonischen Ebenen hindurch – von den gassenseitigen Wohnzimmern bis hin zu den Feuchträumen und den Treppenhäusern, wo es schließlich versiegt. Die Architektur selbst wird zu einem grazilen Spiel von kollektiven und persönlichen Wohnnischen.

Wenn man die Stadt aus dieser umgestülpten Perspektive betrachtet, erkennt man, wie sich das soziale und politische Gefüge der Gassen, Straßen und Plätze auf die Fassaden mit Hilfe architektonischer Mittel zu präsentieren vermag; dass die Fassade eine Projektion von innen nach aussen ist, wobei die bauliche Masse als das Außen zu verstehen ist. Hat eine Fassadenreihe die Gemeinschaft eines Bezirkes zu vertreten, so ist der Anspruch groß.

Kairäume sind besondere Beispiele, die diesen Anspruch auf regionale Identität aufzeigen. Der Fluss stellt sich als städtisch stark definierendes Element heraus. Durch dessen Präsenz erfahren wir die Spannung des urbanen Raumes, eine Spannung zwischen Stadtteilen und Bezirken. Diese Spannung ist jedoch nicht eine Besonderheit des Flusses, sondern sie ist bis zur kleinsten städtischen Einheit hindurch erfahrbar. Sie ist eine Energie, die sich wie ein Funke zwischen die Baumassen spannt.

Diese Energie – die Energie des Stadtraumes – ist ständig im Wandel. Aus diesem Wandel und der Wandlungsfähigkeit heraus vermag der urbane Wohnraum, im Gegensatz zu den meisten privaten und geschlossenen Räumen, anspruchslos und unbesetzt zu sein. Die von Architektur gesäumten Straßenschluchten, Gassen und Plätze können aber durchaus einen intimen und distinkten Raum offenbaren, oder auch eine Vielzahl an Räumen, welche sich im Stadtraum ausdehnen und verjüngen.

Der urbane Wohnraum ändert sich immer: als subjektiv empfundener Raum, als gesellschaftlicher und ritueller Raum (Feste, Umzüge, Paraden, etc.) und wohl auch als tatsächlicher Raum. Man möchte dies den Urtyp des transitären Raumes nennen. Veränderungen sind essentiell für sein Fortwähren. Sobald dieser Raum der persönlichen und sozialen, sich ständig verändernden Strukturen verloren ginge, würde er zu einem statischen und besetzten Raum werden. Man könnte sich die Frage stellen, ob jener paradoxe Drang zum Transitären nicht genau jene Eigenschaft ist, welche den urbanen Raum zum Ort und auch zum Lebensraum macht.

Bücher:

Auge, Marc. Non-places

Harbison, Robert. Eccentric Spaces,

Rowe, Colin. Collage City

Sennet, Richard. Flesh and Stone

Summerson, John. Heavenly Mansions

Günter Hainzl:

Studium der Architektur, London

Studium der Architekturgeschichte und Theorie, London

nebst privaten Bauprojekten, Arbeit in Architekturbüros (Graz, London)

derzeitiger Aufenthaltsort: Graz, demnächst London

Verfasser/in:
ausgewählt von Ute Angeringer und Markus Gfrerer

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