sonnTAG 044

Frühschoppen, Kirchgang oder SonnTAGs- geschichten lesen... sonnTAG 044. "Zwischen Lebensräumen - Gedanken zum Nomadischen" von Ute Angeringer

12/09/2004

Zwischen Lebensräumen – Gedanken zum Nomadischen. 7. – 8. September 2004, Sheremetyevo, Flughafen Moskau, Transitraum: 17 Stunden Aufenthalt zwischen Mongolei und Österreich

von Ute Angeringer

Als mit dem Internet Informationen über alle Grenzen hinweg, Mauern durchlöchernd überall hin fluteten und jederzeit abrufbar wurden und das Mobiltelefon die Kommunikation vom Ort löste, fand rechtzeitig zur Jahrtausendwende ein Paradigmenwechsel statt: Vom industriellen zum postindustriellen oder Informationszeitalter. Vorstellungen von Raum- und Zeitkonstruktionen waren in Auflösung begriffen, herkömmliche Arbeits-, Freizeit- und Lebenswelten sollten sich grundlegend ändern. Optimisten entwickelten die Utopie vom „access for all“, eine bessere Welt mit Zugang zu Information für alle. Pessimisten sagten den „digital devide“ in „information poor und information rich“ voraus. Das Ende der Sesshaftigkeit wurde proklamiert und ein neuer Menschenschlag war angesagt: Die Neonomaden. Ortlos und zeitungebunden sollten sie den gesamten Globus zum eigenen Handlungs-und Lebensraum ernennen.

Ein Szenario.

Von der Gleichenfeier des neuen Communication Centers in Ulan Bator kommend (die persönliche Anwesenheit war für zukünftige Aufträge ganz einfach wichtig), ermöglichen Laptop und Handy Sarah N. die Wartezeit am Flughafen Sheremetyevo sinnvoll zu gestalten. Es ist gerade Mitternacht – Zeit für die Gute-Nachtgeschichte für Antonia und Jakob, die in den Ferien erst um 22.00 Uhr (Ortszeit in Wien) ins Bett müssen. Wenn das Kindermädchen gerade keine Zeit hat, übersetzt das Sprachprogramm des Computers die per e-mail gesandte Geschichte; noch schnell ein Foto mitgeschickt mit dem Gute-Nacht-Kuss. In Tokio (07.00 Uhr) öffnen soeben die Börsen – eine gute Zeit, schnell ein paar Aktien zu kaufen; der japanische Projektpartner hatte ihr den Tipp gegeben.

Freundin Clarisse feiert in Paris gerade Geburtstag – per Chat die guten Wünsche, ein wenig Smalltalk und gleich auch die Besprechung der Änderungen der letzten Details: die Farbe der Lampen korrespondiert nicht mit der der Wandbeläge.

In Mexico City eröffnet Jorge gerade die Ausstellung mit den neuesten Funden in Palenque – ein toller Erfolg und sehr gute Ergebnisse für die Wissenschaft. Schade eigentlich, dass aus dem Urlaubsflirt nicht mehr geworden war...

Um 09:00 Uhr in der Früh freuen sich die Kinder über das gemeinsame Frühstück mit Mama – ein seltenes Ereignis; um 10:30 Uhr ist der nächste wichtige Termin im Café Landtmann.

7. September 2004: 17 Stunden Warten im Transitraum sind anstrengend. Flughäfen sind Orte des Durchzugs, der flüchtigen Begegnungen, der Nervosität und der kulturellen Differenzen, der Gleichzeitigkeit von rasend schnell und endlos langsam, ohne Bodenhaftung. Gedanken nach sechs Wochen Umherziehen im Land, in dem die Nomaden zuhause sind. Eine Zeit- und Ortsverschiebung:

Die Weite des Landes erfahrend (spätestens 70 km außerhalb von Ulan Bator endet die Asphaltstraße und der Zustand der – wenn überhaupt – vorhandenen Pisten bestimmt die Reisegeschwindigkeit), versuchte ich fasziniert und irritiert zugleich die Anziehungskraft dieses Landes zu begreifen, das eng verknüpft ist mit den ebenso vagen wie romantischen Vorstellungen des Nomadischen. Und das hat sehr wenig zu tun mit der Unbestimmtheit und Beliebigkeit, die ich hier im Transitraum empfinde. „Wer eilt, der friert,“ lautet ein mongolisches Sprichwort, das ich nach und nach während der Reise ein wenig zu verstehen beginne.

Die Mongolei ist 20 Mal so groß wie Österreich und hat 2 Millionen Einwohner, von denen ca. 60 Prozent als Nomaden, als Viehherden weidende und mit ihnen umherziehende Menschen leben; eine auf lange Tradition aufbauende und an die Gegebenheiten der Natur angepasste – und wohl auch einzig mögliche – Lebensweise in der Steppe; Jahrhunderte wechselvoller Geschichte; Dschingis Khan konnte für kurze Zeit das größte jemals eroberte Weltreich halten und wird noch immer und überall besungen – 70 Jahre kommunistische Planwirtschaft, ebenso sichtbar wie unbeliebt, und auch die Jahrtausendwende haben daran wenig geändert.

In der unermesslichen Weite des Landes, der sich ständig ändernden Landschaften ohne Zäune mit scheinbar lose umherziehenden Viehherden und wie zufällig hingestreuten Jurten – in diesem „grenzenlosen“ Lebensraum haben sich, um ein sinnvolles Miteinander und Überleben zu garantieren, sehr klare Raumkonstruktionen etabliert, die nach wie vor bestehen. Raumgrenzen werden nicht durch Zäune gebildet, sondern durch Übergangsrituale, die eine Annäherung und Kommunikation zuerst nonverbal ermöglichen. Daran haben auch die vor den Jurten parkenden Autos und Mopeds sowie die mit Generatoren oder Fotovoltaikzellen betriebenen Fernsehapparate mit Satellitenempfang nichts geändert. Die Wege der Nomaden zwischen Sommer- und Winterquartieren sind bestimmt, die Orientierung in Raum und Zeit folgt festgelegten Regeln.

„Schweifendes Wohnen“ (Definition Alfons Dworsky) erfordert konsequente, für alle gültige und verständliche Strukturen, ein wohldurchdachtes System in allen Belangen des Lebens – und Improvisationstalent. Und Kommunikation. Denn Begegnungen gibt es überall, sie finden ganz selbstverständlich statt, um den Informationsfluss zu garantieren. Und sei es nur, um bei einer Tasse Tee gestikulierend, sich als Österreicher zu outen, die Schönheit des Landes zu bestätigen und die Pferde zu loben. Ein Aneinandervorbeigehen ohne Austausch – unmöglich. Kommunikation funktioniert, Informationen fließen, auch ohne Internet und Mobiltelefone.

Und manchmal beobachte ich und staune: Wir haben am See unser Schlauchboot ausgepackt. Und bald eilen andere Wochenendausflügler, Stadtmongolen, die eine für uns abenteuerliche Reise zu diesem beinahe unzugänglichen See unternommen haben, herbei – Boote sind etwas Außergewöhnliches. Aber was veranlasst jemanden dazu, neben drei Generationen – elf Personen im Jeep, am Autodach das Holz für das abendliche Feuer – auch noch ein Fischernetz hervorzuzaubern, welches auszubringen ohne Boot unmöglich ist? – Ich erfahre es nicht. Was ich stattdessen erfahre: Mongolen mögen keinen Fisch und können nicht schwimmen.

Während Flugzeuge landen und starten, habe ich Bilder von weiterziehenden Nomaden im Kopf. Alles Lebensnotwendige, die zerlegte Jurte samt Mobiliar auf zwei Yaks gepackt, wandern die Familien mit ihren Herden ins Winterlager – untrügliches Zeichen des nahenden Winters. Mich trennen noch sieben Stunden Warten, zweidreiviertel Flugstunden, eine halbe Busstunde und zweieinhalb Zugstunden von Zuhause.

Unterschiedliche Geschwindigkeiten, Orts- und Zeitverschiebungen verwirren mich.

Neben mir haben fünf Koreaner vier Tische besetzt, um die Speisekarte durchzutesten, und mit dem Personal einen Streit begonnen. Eine indische Familie in drei Generationen reist sehr elegant. Zwei junge Italiener haben wie wir in der Mongolei Steine gesammelt.

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Flughafen Sheremetyevo, Moskau
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Transitraum
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Transitraum
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Transitraum
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Ulan Bator, Mongolei
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Ulan Bator, Mongolei
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Ulan Bator, Mongolei
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Ulan Bator, Mongolei
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Ulan Bator, Mongolei
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Ulan Bator, Mongolei
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Ulan Bator, Mongolei
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Ulan Bator, Mongolei
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Flughafen Sheremetyevo, Moskau
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Flughafen Sheremetyevo, Moskau

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