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Frühschoppen, Kirchgang oder SonnTAGs- geschichten lesen... sonnTAG 041."Die Urlaubssimulanten" Strandvergnügen zu Hause oder: seltsame Moden der Großstädter im Sommer 20

22/08/2004

DIE URLAUBSSIMULANTEN

von Sven Hillenkamp, Redaktion Leben, DIE ZEIT.

Es gibt in diesem Jahr einige seltsame Moden, die alle eins gemeinsam haben: die Simulation von Urlaub. Da sind die Liegestühle, die sich in beinahe allen großen Einrichtungssortimenten von Butlers bis Karstadt finden. Sie stehen nicht bei »Strand & Meer«, auch nicht bei »Garten & Terrasse«, sondern sind inmitten von Regalen, Sofas und Vasen positioniert. Dort findet sich auch der Bambus - die Pflanze des Jahres. Ganze Wälder von Bambus schießen diesen Sommer in unseren Städten in die Höhe, wuchern in Vorgärten und Wohnzimmern, bilden tropische Palisaden um jede zweite Caféterrasse und rascheln im Wind. Eine Variante sind gekappte Rohre in Blumenvasen, die an den Ringen Sprosse treiben. Im Übrigen bieten die Läden Bambus in jeder Form, von der Fußmatte bis zum Paravent. Herr Müller, mein Friseur, hat sich als Spiegelhalterung ein riesiges Bambusgitter gebaut. Wilder Wein rankt daran empor, klettert über die südlich gelb gewischten Wände hinauf bis zur papierbespannten japanischen Lampe. Mein Apfelsaft steht auf einem Felsvorsprung.

Und was sind die Schuhe des Jahres? Flipflops. Badelatschen mit einem Riemen zwischen dickem und langem Zeh, deren Gummi sich bei jedem Schritt schnalzend von der Ferse löst (flip, flop). Nicht nur Werbetexter watscheln schnalzend vorbei, auch Punks, deren Ehre sich bislang darin manifestiert hatte, selbst bei 40 Grad im Schatten ihre Stiefel (und Wollsocken) nicht auszuziehen. Punks in Flipflops.

Wer Flipflops trägt, ist - zumindest innerlich - auf dem Weg zum Strand. Ebenso wie Frauen in knappen Tops und T-Shirt-Resten. Auf der Straße, in Schulen und Büros - überall sehen die Menschen aus, als seien sie im Urlaub. Man möchte an jene Satire von Loriot denken, in der eine urlaubende Kleinfamilie in Strandkleidung zwischen Hochhäusern herumirrt und vergebens den Strand sucht. Die Millionen von Urlaubssimulanten in deutschen Großstädten brauchen den Strand nicht mehr - und wenn doch, müssen sie nicht lange suchen. Gastronomen, denen Bambuspalisaden und Liegestühle noch nicht genug sind, kippten den Strand einfach aufs Pflaster. In Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Köln wurden »Beachclubs« eröffnet, mit Blick auf Spree, Elbe oder Rhein. Man hat vielleicht bloß Mittagspause, liegt aber im Liegestuhl oder gleich im tonnenweise aufgeschütteten Sand, der einem später, wieder im Büro, aus den Hosenfalten rieselt. Chansons und Reggae-Rhythmen wehen von der Bar herüber, man saugt an einer Gauloise oder am Strohhalm einer teuren Orangina, die eigens zur Urlaubssimulation aus Frankreich importiert worden ist. Die Simulanten winken den Touristen auf den Rundfahrtschiffen, die für einen Moment

nicht mehr wissen, wer hier eigentlich Urlaub macht. In den immerwarmen Nächten

liegt man unterm Sternenhimmel, Feuer aus Treibholz brennen, und die Bugwellen der

Schiffe simulieren leise Brandung. An einer Strandbar spielt auch der Werbespot für

die neue Sorte von Beck's. Mit der Klarglasflasche imitiert »Beck's gold« die

südamerikanischen Biere, die seit einiger Zeit im Verein mit Caipirinhas, Margaritas

und Mojitos das deutsche Bier vom Markt verdrängen. Nicht mehr Segeln vor

Schleswig-Holstein, sondern Lümmeln in der Karibik, lautet nun die Botschaft.

Eigentlich gibt es die Urlaubssimulation, die in der Hitze des nun scheidenden Sommers hypertrophe Formen annahm, schon so lange wie den echten Urlaub.

Sommerhits fallen seit jeher in diese Kategorie - Vamos a la playa -, auch die

Schlager, die griechischen Wein und mexikanische Feste besingen. Sonnenbänke

erlauben es, so auszusehen, als komme man gerade vom Strand. Oder man konsumiert

Urlaub - Like Ice in the Sunshine. Langnese, Bounty, Bacardi, Batida de Coco und Blue Curaçao, Saft aus der Punica-Oase: sie führten uns fort aus der abgedunkelten,

schwer möblierten Wohnzimmergemütlichkeit, in der man Konfekt und Kirschlikör

genoss. Und wenn man auch in seiner Stammkneipe am Tresen festgewachsen ist, kann man doch in Hawaiihemd, Bermudashorts und Badeschlappen Urlaub simulieren (zu

beobachten meist bei Menschen, die im Urlaub Heimat simulieren).

Die Eskalation der Urlaubssimulation deutet sich bereits seit einigen Jahren an. Party- und Urlaubskultur durchdringen sich immer mehr: der Urlaub als Dauerdisco, die Disco als Kurzurlaub. Auf Technopartys erlauben es harte Drogen massenweise Jugendlichen bis

Ende 30, gleich auf einen mehrtägigen Trip zu gehen. Bei der Afterhour gibt es

Buffets mit exotischen Früchten, zum Sonnenaufgang setzt man sich in die

Outdoor-Area, die, inmitten von Wohnhäusern oder alten Fabriken, den Strand

ersetzt.

Auch der Sport erweist sich als Einfallstor für die Urlaubssimulation. In

deutschen Großstädten wird Beachvolleyball gespielt (der erste Berliner Strand wurde

zu diesem Zweck am Alexanderplatz aufgeschüttet). Auf sandigen Plätzen drängen sich die Boulespieler - Rotwein, Käse und Baguette, liebevoll auf Mauern oder

Tapeziertischen angerichtet, unterstützen die Frankreich-Simulation. Geradezu

epidemisch breitet sich die Südamerika-Simulation aus, mit Getrommel und Hüftkreisen und einer limettenstampfenden Caipirinha-Bar auf jedem Straßenfest.

Symbol der eskalierenden Urlaubssimulation ist auch die Sonnenbrille im Haar. Ursprünglich war sie dem Jetset vorbehalten, der seit jeher öffentlich, in Reichweite der Teleobjektive, Urlaub macht oder an Orten arbeitet, an denen Normalsterbliche nur Urlaub machen. Durch die Suggestion eines permanenten Urlaubmachens lieferte er die Folie für die Urlaubssimulation des gemeinen Volkes.

In Zeiten von Massenentlassungen bekommt die Simulation des süßen Lebens natürlich eine besondere Notwendigkeit. Dem Ungeheuer der Krise treten wir mit einer Sonnenbrille im Haar entgegen, an den Füßen Badelatschen, den Bauch entblößt. Wir tun, als sei das Ungeheuer gar nicht da. Wir liegen im Liegestuhl und sehen die Eisberge nicht, die schon in unsere Richtung treiben. Die Titanic lässt grüßen.

Früher zeugten, so viel ist gewiss, Frankreich, Italien- und Südamerika-Simulation immerhin noch von unserem

Glauben an eine bessere Welt. In der Ferne vermuteten wir eine natürlichere,

zugleich kultiviertere Lebensart, wenn nicht gar das revolutionäre Subjekt, den

Neuen Menschen. Subkulturen von der Beat-Generation bis zu den Hippies suchten ihre

Identität auf Reisen. Die Lockerung der Sitten, die große Freiheit wurde im Urlaub

probiert und dann importiert. Man kam als Neuer Mensch zurück und versuchte, das

Neugewonnene gegen das Alte, Spießertum und Leistungsstress, zu behaupten.

Renault-Fahren hieß, anders zu sein, italienisch essen, das wahre Leben im falschen zu versuchen. Wer chilenische Musik hörte, wollte die Revolution. Indianische Stoffarmbänder und Amulette sagten: »Ich bin ich eigentlich woanders.«

Die Urlaubssimulation kennt aber kein Woanders mehr. Ihr geht es weniger um die Fremde als um den Urlaub selbst. Sie imitiert mehr die Welt des Tourismus als die Welten, in denen der Tourismus stattfindet. Das liegt in der Logik des Tourismus, der Kunstwelten schafft: Wenn man am Roten Meer einen Strand aufschütten kann, dann auch an der Spree. Vor allem aber entspricht die Simulation des Urlaubs dem veränderten Urlaubserlebnis: Wir suchen auf Reisen nicht mehr die Erlösung, die große Alternative, den Neuen Menschen, weder in der Toskana noch auf Kuba, in Indien oder Algerien.

Längst gehören italienisches Essen, exotischer Schmuck und südamerikanische Musik zu einem Lebensstil, der sich - dank der Projektionen der vergangenen Jahrzehnte - globalisiert hat. Der Norden hat den Süden kopiert, der Süden den Norden. Beide haben sich solange gegenseitig für das Paradies gehalten,

bis sie sich gleich geworden sind - jedenfalls so ähnlich, dass die Projektionen

erlöschen. Die meisten Urlaubsländer haben sich industrialisiert, die revolutionären

Hoffnungen wurden enttäuscht. Fremde gibt es gewiss noch, in China, Afrika,

Russland, aber niemand käme auf die Idee, dort nach einer natürlicheren, zugleich

kultivierteren Lebensart, gar dem Neuen Menschen zu suchen. Höchstens nach

Menschenrechtsverletzungen.

Urlaubssimulanten sind weder Revolutionäre noch Drittweltromantiker. Sie sind - das

zeigt die teilnehmende Beobachtung - vor allem junge Menschen, die kaum verwurzelt

sind und denen es an einer fest strukturierten Arbeitswelt gebricht: Menschen, die von Job zu Job oder von Auftrag zu Auftrag leben. Menschen, die noch in der Ausbildung oder allgemein sich ihrer beruflichen Perspektive unsicher sind.

Menschen, deren Arbeit trotz hohen Arbeitspensums nicht nach Arbeit aussieht (wie im Film), als Urlaub erscheinen mag (wie bei Künstlern) oder zumindest bestimmt ist von urlaubsähnlichen Erfahrungen wie diffusen Tagesabläufen und häufigen Ortswechseln. Überhaupt besteht das Milieu der Urlaubssimulanten fast ausschließlich aus Menschen, die viel unterwegs sind.

Dieses Merkmal liefert - neben Sommerhitze und Krisenangst - wohl den tiefsten Grund für die Urlaubssimulation. Der Tourismus (laut Lexikon: »Das Reisen in größerem Ausmaß als Erscheinungsform der modernen Gesellschaft«) ist längst die als erfolgreich geltende Lebensform, nicht mehr die Sesshaftigkeit. Früher galten Zugereiste als Sonderlinge, mit denen etwas nicht stimmen konnte. Heute sind es die Gebliebenen: Menschen, die keine Wohnortwechsel vorzuweisen haben. Für die mobilen Menschen jedoch hat »das Reisen in größerem Ausmaß« die Folge, dass die Fremde in dem Maße, in dem sie im Urlaub abhanden gekommen ist, sich im Alltag ausbreitet. In der Ferne ist vielleicht nichts mehr wirklich fremd, doch in der »Heimat« auch nichts mehr wirklich vertraut.

In den Großstädten bleibt der Zugezogene, auch wenn er bereits seit Jahren in ihnen lebt, ein Tourist. Er ist dauernd unterwegs und entdeckt fortwährend Neues. Er organisiert sein Erlebnisprogramm und braucht nach wie vor eine Karte, um sich zu orientieren. Er bewegt sich nach Tipps und Hörensagen: Dieses Restaurant soll toll sein, jener Flohmarkt, jener See. Auch nach Jahren bewegt er sich kaum anders durch Berlin als durch Rom, Paris, Barcelona oder New York (wo er vielleicht auch einmal gelebt hat und regelmäßig wieder hinfährt, Freunde besucht und kleine Gewohnheiten pflegt). Er trinkt »irgendwo« einen Kaffee, isst »irgendwo« etwas. Er ist meistens

irgendwo.

Die touristische Identität des mobilen Menschen spiegelt sich im anderen, den er über Handy erreicht. Das vermehrte Unterwegssein, privat und beruflich, und

das Telefon, das keinen festen Ort mehr hat, bewirken, dass er sich seine Bekannten

nicht mehr zu Hause vorstellt (mit der Ausnahme, dass sie »nicht da« sind). Er denkt sie sich grundsätzlich unterwegs. Die erste Frage lautet: Wo bist du? Eine SMS

schickt er von seinem Irgendwo ins Irgendwo des anderen, erst die Antwort enthält

vielleicht eine Ortsangabe.

Die Entwicklung gipfelt in dem Paradox, dass in einer Großstadt eigentlich erst angekommen ist, wer von ihr fortkommt. Das ist ja das Versprechen der Großstadt: nicht Ort, sondern Welt zu sein und Zugang zur Welt zu ermöglichen. Die Gespräche der Mobilen kreisen um die Welt, nicht um den Kiez. Der eine kommt gerade aus Zürich, der andere geht nach Los Angeles. Die Orte, an denen diese Gespräche stattfinden, ein Café, ein Wohnzimmer, werden seltsam unwirklich. Stipendien, Seminare, Drehs und Dienstreisen, der nächste Umzug in die nächste große Stadt - die Mobilen kommen aus der Ferne und leben auf sie hin. Erst die Gründung einer Familie richtet den Blick wieder auf die Nähe, macht aus der Großstadt einen Ort, mit Kitas, Schulen und Spielplätzen, fragt nach der Nachbarschaft, dem Kiez und seiner Sicherheit. Plötzlich werden die Nachrichten im Lokalteil

interessant.

Vermutlich oft verloren fühlen wird sich, wer dem Versprechen der Großstadt gefolgt, aber vom mobilen Lebensstil ausgeschlossen ist - weil es ihm an Erfolg, an Mut oder einfach an Glück fehlt. Auf seinen Wegen wird er die Großstadt mit Heimaterwartung überfrachten, sie als hässlich, wenigstens als bedrückend fremd empfinden. Für die Mobilen gleicht die Großstadt einem bekannten Flughafen. Sie wissen, wo die Toiletten sind, der Zeitungsladen und der Geldautomat. Die Menschen, die sie in der Lounge treffen, fragen nach woher und wohin. Wer nicht wegkommt, gleicht dagegen dem Flughafenpersonal. Er sitzt fest in einem Raum, den die anderen nur durchqueren. Er gehört plötzlich zur Gruppe der Immobilen - der alten Frau, die

mit ihrem Hund um den Block schleicht, der dicken Supermarktkassiererin, die hinter

der Kasse festklemmt, dem Alkoholiker auf der Parkbank.

Doch auch die Mobilen fühlen sich zuweilen bedrückend fremd, auch in ihnen rumort die Heimaterwartung. Sie ist nicht totzukriegen. Und vielleicht ist die Urlaubssimulation in der Großstadt ein Schnippchen, diese Heimaterwartung im Keim zu ersticken. Ein Fall von Autosuggestion: Sowenig man sich als bedroht wahrnehmen kann in Flipflops oder mit Sonnenbrille im Haar - so wenig kann man sich, wenn man sich als Reisenden inszeniert, in seiner Umgebung fremd fühlen.

Der Herbst wird hart. Wenn der Bambus

von Stürmen gepeitscht wird und Laub auf die Strände fällt, müssen wir uns wohl

wieder dem Ernst der Lage und der Heimatlosigkeit daheim stellen. In Mänteln, Schals und festem Schuhwerk. Unter einem grauen Himmel wird die Großstadt dann noch

hässlicher und fremder erscheinen. Da hilft eigentlich nur die umgekehrte Form des

Eskapismus. Die Heimatsimulation. Backen und Kochen, Basteln und Lesen, solche

Sachen.

Verfasser/in:
ausgewählt von Karin Tschavgova
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Km 689, Strandfeeling an den Rheinterrassen in Köln
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Bild der deutschen Großstadt im Sommer 2004

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