Statt Sommer: Ansichten aus und Aussichten von Balkonien
gesehen von Wenzel Mraček
Als hätte man mich zurückgelassen in Graz, während Freunde und Bekannte sich auf Urlaubsreisen nach Korsika, Sardinien, Samos, Nicaragua oder auf diverse Almen etc. begeben haben. Als hätte ich hier die Stellung zu halten mit einem selbst erteilten Auftrag, bin ich an Woody Allens Stadtneurotiker erinnert, unfähig die Stadt zu verlassen und verpflichtet, hier alles im Lot zu halten oder jedenfalls ja nichts zu versäumen, was sich hier während meiner – auszuschließenden – Abwesenheit zutragen könnte (Bild 1).
Sicher jedoch ist, dass ich glücklicherweise keinerlei Verpflichtung empfinde, einer Kontinuität zu entsprechen, indem ich wie Herr Allen allmontäglich dem Klarinettenspiel zu frönen hätte. Dem Stadtneurotiker entgegne ich mit der Erfindung des Stadtabenteurers, dessen wirkliche Verpflichtung notgedrungen darin besteht, die Stadtabende wohl inhaltlich, nicht aber pekuniär, immer teurer zu verbringen. Vom erhöhten - um nicht zu sagen sublimen – Aussichtspunkt Balkoniens nehme ich Maß, wie der Stadt sich anzunähern sei - und das Maß wird zum Ziel. Zuvor wird vielleicht noch der literarische Stadtkontrast zum Stereotyp des Sommerurlaubs am See mit Faltbootfahren, nicht unbedingt glücklich verlaufenden Urlaubsbekanntschaften, Gelsenplage und Sonnenbrand heraufbeschworen. Dies am Beispiel von Arno Schmidts „Seelandschaft mit Pocahontas“ und der in besagtem Balkonien sich ein weiteres Mal bestätigenden Erkenntnis der unerreichbaren literarischen Qualität des Autors Schmidt, der mir so bestenfalls ein Onkel Arno im Geist bleiben muss. Während also salopp gesagt alle die Stadt verlassen haben, lässt sich’s ganz gut herumindianern in den urbanen Jagdgründen. Gleichwohl unverbindlich dürfen per Digitalkamera die Stadtveduten manipuliert und die Perspektiven versch(r)oben werden, die beispielsweise das Kunsthaus auf einer Lichtung im Dschungel mit Flusslandschaft auftauchen lassen (2), als hätte der Kautschukbaron Fitzcarraldo sich nach seinem Dschungelopernhaus auch im Stadtdschungel von Graz an einem Kunsthaus versucht. Zudem fällt der Kulturhauptstadtstress weg, von Veranstaltung zu Veranstaltung jagen zu müssen, gesehen haben zu müssen, darüber geschrieben und erzählt haben zu usw., stets im Bewusstsein, das alles kann man unmöglich selbst gesehen haben ...
Sommerreisen in die Bilder der Stadt
Dem Reisen als persönliche Entfernung von Graz mit all seinen Formalitäten an Reisevorbereitungen, Kostenüberschlagung, Buchungen, Kofferpacken et alia steht das Reisenlassen als Variante, das Reisen zu lassen, gegenüber. Von ihren Reisen werden mir die Freunde Geschichten und Erzählungen mitbringen, deren Schilderung ich mich genussvoll und gefahrlos aussetzen werde. Und inzwischen ist auch schon die erste Erzählung eingelangt: Der bekannte Medienmogul Christian Stenner, erleichtert zurückgekehrt von seiner Reise nach Korsika – unter anderem bedingt durch Diebstahl, um eine erkleckliche Summe Bargelds – musste auch sein Auto nach einem Motorschaden in Livorno zurücklassen, darin einen Großteil des Gepäcks und auch mein Buch „Simulierte Körper“, das gerade erschienen ist und das Stenner als Urlaubslektüre durch die Gebirgs- und Küstenlandschaften Korsikas kutschierte. Zum Lesen blieb naturgemäß keine Zeit, aber entsprechend dem Inhalt um Ersatzkörper, Substitute und Simulationen des menschlichen Körpers ist es mir auf diese Weise gelungen, in effigie und als Entäußerung meines Autorenkörpers, wie gesagt, durch Korsika zu reisen und per Schiff zurück nach Livorno zu gelangen, um dort und jetzt mit dem übrigen Gebäck in Stenners Auto herumzuliegen, was ich als ausgesprochen langweilig empfinde.
Meinem Erstkörper hier in Graz dagegen nähern sich im Verlauf meiner Kopffahrten internationale Destinationen der Stadt an und ziehen ein wie das Empire State Building, das für die Zeit der Renovierung anstelle der Herz-Jesu-Kirche erbaut wurde (3). Eine Simulation New Yorks, nach dem Motiv aus Franz Kafkas Amerika-Roman, steht mit Hartmut Skerbischs Lichtschwert schon seit 1992 in Graz. Kafkas fiktiver Protagonist sah bei Ankunft in New York ein Schwert in der Hand der Freiheitsstatue. So konzentriert das Lichtschwert in idealer Weise ideelle Reiseziele zum Konstrukteur der Freiheitsstatue und des Eiffelturms, Alexandre Gustave Eiffel, zu Paris, New York und Kafkas Prag. Neben dem Lichtschwert hat ein Bauunternehmen eine kranartige Zwillingssplastik errichtet (4). Nur wenige Schritte weiter, betrachtet aus der Girardigasse, erweist sich Skerbischs Plastik als Verteidiger des Weltkulturerbes und setzt soeben an, dem am neuen Flakturm der Thalia beschäftigten Kran den Arm abzuschlagen (4a): Kranarm ab – armer Kran!
Solche Äußerungen von Mitleid mit technischem Gerät sind durchaus angebracht, wurden sie doch jüngst meinem Fahrrad zuteil, als ich den Ruinenweg in Gösting bergan zu bezwingen suchte und eine Dame überholte, die, zu Fuß unterwegs, mit vorwurfsvollem Blick meinte: „Armes Radl!“
Weil ich aber gerade am Opernring fotografiere, fällt mir auf, dass die wenigen in Graz verbliebenen Menschen sich diszipliniert an die Anweisungen auf Werbeplakaten halten: Living in Motion ist nicht allein Titel der aktuellen Kunsthausausstellung, es ist auch Motto der Radfahrer (5). Reiseziele nähern sich traditionell Graz an: Seit der Renaissance haben Meister aus Italien, und vor allem vom Comer See, ihre Baustile bis Südbayern verbreitet, Italien und die Grenze zum Süden weiter in den Norden verschoben.
Die selbstreferenzielle Stadt, Prädikat „ausverkauft“
Sechs Tage und die Mopedfrau, der Film von Alfred Schwarzenberger, läuft seit gut zwei Monaten im Rechbauerkino und muss ja nicht mehr empfohlen werden. Nach dem Publikumsinteresse zu schließen, müsste jeder Bewohner des Herz-Jesu-Viertels den Film schon mehrmals gesehen haben. Man geht also in ein Kino des Stadtviertels, um eben dieses Viertel, sich selbst und die Nachbarn aus der Kameraperspektive von Wolfgang Rauch und vielleicht als zweite Wirklichkeit zu erleben. Die Stadt erzählt sich quasi selbst, wird zur Erzählmaschine mit 70prozentigem Wirkungsgrad zur Realität.
Ähnlich steht es um eine Ausstellung im Kulturzentrum bei den Minoriten. Sabine Richter transferiert mit „insight-out“ Bilder der Stadt, genauer der Stadthalle, an einen zweiten Ort im Makrokosmos des Stadtgefüges. Die Autorin konstruiert mittels maschinellen Blicks der Spiegelreflexkamera Ausschnitte und Ansichten, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben müssen. Und so erzählen diese Fotografien von der Möglichkeit exklusiver Ein- und Aussicht.
Platz nehmen und Raum be-sitzen
Kaum anzunehmen ist, dass Michael Wrentschur und InterAct, die Werkstatt für Theater und Soziokultur, die Stadt verlassen haben. Wie ich selbst arbeiten auch InterAct ständig an neuen Bildern von Graz. Die Erfinder des Kettenfrühstücks Permanent Breakfast nehmen sich mit ihren Aktionen der Frage nach Öffentlichkeit des Stadtraumes an und haben schon im Vorjahr einen Sesselverleih für den an Sitzgelegenheiten unterbestückten Hauptplatz initiiert. Gegen geringen Pfand konnten sich Passanten Klappsessel mieten und entsprechend der örtlichen Vorliebe Platz nehmen. Wie das InterAct-Foto (6) dieser Aktion zeigt, lag dem Erzherzog noch kein Lorbeerkranz zu Füßen und auch Kulturstadtrat Buchmann (links im Bild) macht einen recht entspannten Eindruck. Auf dem Hauptplatz Platz zu nehmen fällt in diesem Jahr – trotz einer entsprechenden Petition seitens InterAct an die Stadtregierung, den Sesselverleih zur permanenten Einrichtung zu machen – ungemein schwerer und noch ist die bürgermeisterliche Lösung des Problems um sich unbürgerlich betragende Bürger (?) nicht bei allen Grazern als solche, nämlich als Lösung, akzeptiert. Allen Betroffenen und besonders dem Stadtoberhaupt sei zur sommerlichen Lockerung und Transponierung von Realität in Fiktion die Lektüre des eben bei Rowohlt erschienen Romans „Dorfpunks“ von Rocko Schamoni empfohlen.
Wirklichkeit im Weltkulturerbe
Alle haben Graz verlassen: Seit die Kurzparkzonen in den Randbezirken erweitert wurden, nimmt die Zahl geparkter Autos zusehends ab. Die vormals von Dauerparkern stark frequentierte Leechgasse scheint ihrer Funktion enthoben zu sein und wird in den nächsten Jahren wohl vom urbanen Grüngürtel verschlungen werden. Die rechtzeitige Umwidmung zum zweispurigen Radweg wäre angebracht (7). Derzeit verweist ein Straßenkunstwerk auf dem ungenutzten Gehsteig durch einen stadtauswärts gerichteten Pfeil auf den Ort von True Love (8).
Auf dem Griesplatz kommt ein anderer Stadtabenteurer auf seinem Fahrrad auf mich zu, ein kleiner Junge namens Hamed (9). Was ich denn hier fotografiere, fragt er, und ich zeige ihm die Bilder auf dem Display: Ein Bauunternehmen, das mit Namen und Slogan „... baut auf!“ für sich wirbt, beobachte ich seit dem letzten Jahr bei Abbrucharbeiten ehemals als Denkmal geschützter Häuser, immer im Auftrag derselben Investorengesellschaft. So beim Kommodhaus, jetzt am Haus Griesplatz 24 (10, 11). Anders als damals gehen die Abbrucharbeiten ohne jeden Protest voran, weil ja alle Grazer auf Urlaub gefahren sind.
Gut, auch ein Solipsist, wie ich einer bin, ist von Zeit zu Zeit gezwungen, Konzessionen an die Wirklichkeit zu machen. Auf dem Weg zurück nach Balkonien auf den Dahamas ist gerade die steirische Nationalmannschaft im Surfen unter der Hauptbrücke am Trainieren (12). Was eine Welle ist, muss man Bernhard „Surfin’ Lupo“ Wolf offenbar nicht erklären. Zudem ist Surfen immer noch nicht olympische Disziplin und nur dieser Tatsache verdanken die Grazer die sommerliche Präsenz des Nationalteams. Schade nur, dass die Grazer sich ja auf Urlaub befinden und so nur indirekt, also über Lektüre, von den Leistungen ihrer Surfer erfahren.
Was anstatt einer Urlaubsreise in Graz zu erledigen ist:
In den nächsten Tagen finden Sie mich, nachdem es ja kein Kommod mehr gibt, im Stockwerk oder Lokal Müller, um mir - bei Missfallen dieser Sommergeschichte um einen sich nicht von Graz, vielmehr aber von der Realität entfernenden Stadtabenteurer - in personam eins auszuwischen. Im Übrigen warte ich entspannt auf die Rückkehr der Reisenden, um mir erzählen zu lassen, wie die wirkliche Welt aussieht und vielleicht gelingt es bis dahin noch, eine Karte für die Mopedfrau zu ergattern.
Und schließlich: Es heißt, Immanuel Kant hätte Königsberg nie verlassen – und ist doch als weiser Mann in die Geschichte eingegangen (und mein Haupt wird zusehends von weißen Haaren durchsetzt) ...
Mag. Wenzel Mracek
ist 1962 in Klagenfurt geboren und hat, von Aussen besehen, noch gar keine weißen Haare. Im Wesentlichen ist er jedoch kein Übertreiber. Er hat in Graz Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte studiert, ist Kunsthistoriker, Filmautor und Journalist, schreibt Texte zur Gegenwartskunst in Anthologien und Katalogen und hat Kurzfilme für die Werkstadt Graz, Galerie Centrum u. a. gemacht. Im Rahmen von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas hatte er die Organisation und wissenschaftliche Betreuung der Computerschach-Weltmeisterschaft Chess003 über.
Mracek lebt in Graz, bereichert Korso und GAT mit seinen Kulturbeiträgen und arbeitet an seiner Dissertation.
Beim Böhlau Verlag erschien 2004 sein Buch:
Simulierte Körper
Vom künstlichen zum virtuellen Menschen
ISBN 3-205-77187-7
Ein Vorläufer dieses Textes ist Anfang August als Nachricht, versehen mit tagesaktuellen Hinweisen auf Veranstaltungen in Graz, in GAT erschienen. Da der Beitrag als Nachricht nach wenigen Tagen von der Startseite von GAT wieder abgetaucht war, hat der Autor ihn auf Ersuchen der Redaktion abgeändert und erweitert, sodass er als Sonntagsgeschichte im GAT-Archiv abrufbar bleibt.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Karin Tschavgova












