Fortbewegungen im Juli (3): Räume ergehen, ergreifen, erfahren
AUF DEM WASSER DURCH DIE GEGEND
von Christof Wirnsperger
Mein rotes Gummiboot macht mir viel Freude. An einer geeigneten Einstiegsstelle angekommen beginnt das Ritual. Boot auseinanderlegen, Pumpe ansetzen und aufblasen. Langsam nimmt das Kanu Gestalt an.
Es folgt das Einpacken: Zelt, Isomatte, Schläfsäcke, Mode, Lebensmittel und Getränke, je nachdem wie lang es dauern soll. Dazwischen bleibt ungefähr ein halber Quadratmeter Platz – Wohnzimmer für die nächsten Tage.
Einsteigen, abstoßen, ein paar Ruderschläge in die Strömung und es schwimmt. Ein bisschen rauchen, ein bisschen Trinken, zurücklehnen und genießen. Die Landschaft, also die Ufer links und rechts kommen in Bewegung. Statischer Mittelpunkt, Keimzelle der Gedanken im Boot ist das Gehirn. Bewege ich mich oder bewegt sich die Gegend an mir vorbei? Einerlei, es geht immer den Bach runter!
Geschrei und Gezeter weiter vorne. Auf einem Baum sitzen an die dreißig Reiher und erzählen sich Geschichten. Höre zu, verstehe sie nicht wirklich. Je mehr Natur, umso mehr Vogelarten. Eisvögel, Silberreiher, Rohrdommeln. Wunderschön sind Bienenfresser, so bunt.
Gegend, Sonne, Prallhänge und Schotterbänke, Naturräume, verschieden und doch zusammengehörig.
Je weniger Natur, umso mehr Müll.
Einfache Formel.
Hektisches Treiben rundherum. Während ich das schreibe, sitze ich in Wien an einer Straßenkreuzung. Menschen, Autos, Pferdegespanne schwimmen an mir vorbei.
Was die Fortbewegung beim Bootfahren im Fluß ausmacht: Es geht von selbst.
Außer vor Staudämmen. Da werden die Muskeln gefordert. Vor allem beim Übertragen. Das kann die Arme ganz schön lang ziehen.
Am schönsten sind Mäander. Die Sonne wechselt den Ort am Himmel ständig.
Schwimmen im sauberen Wasser ist erfrischend. An einer Sandbank anlegen, ausziehen, hineinhüpfen, tümpeln.
Natürlich scheint die Sonne nicht immer. Gewitter gibt es überall. An manchen Tagen sogar drei. Und dann regnet es.
Einen großen Baum suchen, die Plane über den Kopf ziehen, gemütlich machen, und warten – weil sonst auch alles wartet.
Flüsse als Grenze: Zum Beispiel die Mur zwischen Slowenien und Kroatien: Einige Quadratmeter Ackerfläche sorgen für Zündstoff. Resultat: Illegaler Grenzübertritt; erst Zahlen macht Frieden.
Eigenartigerweise findet sich zum Übernachten immer ein geeigneter Platz (3x Holz). Die Sinne fangen an sich zu schärfen in der Kurzweiligkeit.
Menschen gehen unterschiedlich mit ihren Flüssen um. Nahrungsspender oder Mülldeponie. An den Spuren ist das ersichtlich, an Autowracks oder Astgabeln für die Fischangeln.
Was macht es aus, das Flußwandern?
Die Langsamkeit – die Anstrengungslosigkeit – die un- oder berührte Natur – die Ruhe – das Panorama, das vorbeizieht – die Abwechslung – die Flußbiegungen – die Spannung, was kommt – die Abende – die Morgen – das Fließen – das Fließen lassen. Alles zusammen.
Vom Wasser aus sieht alles anders aus. Kirchtürme sind maximal Spitzen über der Au. Sonst sitzt man in einem Kanal. Über Brücken fährt man unten durch.
Wasser geht immer den Weg des geringsten Widerstands. Deshalb gibt es Mäander. So zumindest verstehe ich es.
Christof Wirnsperger, aufgewachsen im Gebirge, zum Studium nach Graz gezogen und geblieben. Natur und Draussensein bleiben Thema. Erste Flußerfahrung als Jugendlicher mit einem ausrangierten LKW-Reifenschlauch. Nach Jahren im Wildwasser umgestiegen auf Flußwandern im Tiefland
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Ute Angeringer und Markus Gfrerer














