Fortbewegungen im Juli (2): Räume ergehen, ergreifen, erfahren
ÜBER KLETTERN
Eine Sammlung von Ideen und Gedanken, wie sie mir vor, während und nach dem Klettern einfallen
von Irmgard Lusser
Ein GEHEN und NEHMEN – Fuß und Hand, Bewegung und Gedanken, Intuition und Erfahrungen spielen zusammen und führen zu kreativen Lösungen, die das Begehen eines Weges ermöglichen.
VORHER
Die Auseinandersetzung mit dem Weg:
Der Weg ist das Ziel – vielgebrauchter Leitsatz
Der Weg – Verbindungslinie zwischen Anfang und Endpunkt
Die Linie – Reduktion des Raumes auf zwei Dimensionen
Klettern – Fortbewegung entlang einer "Ideal"-Linie
Beim Klettern überwindet man eine Unzahl von architektonischen Formen – Türme, Pfeiler, Grate, Kamine, Dächer und zuallererst Wände. Der Weg ans Ziel geht vom Ganzen – der Architektur der Wand – zum Detail, allerdings nicht im Sinne einer Schöpfung, sondern vielmehr einer Erforschung des Vorhandenen und der Umsetzung in Bewegung – Fortbewegung.
Tour 1
Juni 2004
Paklenica Schlucht Kroatien
Gipfel: Anica Kuk
Route: Mosoraski
Zu Beginn steht das Erfassen des Ganzen. Wir stehen in Respektabstand zur Wand: und suchen sie nach der Lage unserer Linie ab, die wir durchsteigen wollen ab. Es erfolgt die Abstraktion des Weges zu einzelnen Merkzeichen:
Eine Schräge, dort diesen Kamin hinauf, dann ein Baum. Achtung entlang der scharfen Kante quert eine andere schwerere Route, unsere führt schräg nach rechts, dann entlang eines Simses nach links, und zuletzt in der riesigen Verschneidung bis an den Ausstieg.
Wir prägen uns verschiedene Färbungen des Gesteins ein – grau, braun, schwarz, rot – verschiedene Formen – Materialwechsel – Fels, Vegetation. Und vergleichen diese Details mit den erfragten, erlesenen des Kletterführers – die Übertragung des Grobplanes auf das fertige Bauwerk, die Wand.
Dann folgt die Suche nach dem Einstieg. Aus der Nähe betrachtet ergeben sich völlig neue Blickpunkte, Hindernisse, Umwege – wie oft ist es mir bei Planungen ähnlich ergangen – und manchmal schon hier das erste Scheitern.
UNTERWEGS
Wir steigen in unsere Tour ein. Das erste Befühlen, Begreifen des Materials – das Erforschen der möglichen Haltepunkte. Die Auseinandersetzung mit den Details – auch hier verwenden wir die Sprache der Architektur, die des Möbelbaus: Griffe, Löcher, Leisten. Eine Fülle von Formen, die es zu ertasten gilt, um eine Bewegungsabfolge aufzubauen und höherzusteigen; hier rund und glatt, dort scharf und eckig. Manchmal versetzen mich die genialen Formen und Fortbewegungsmöglichkeiten in völliges Entzücken, manchmal bleibt nur Kopfschütteln, Ratlosigkeit zurück.
Immer wieder werden die nächsten Schritte geplant, immer wieder der Blick auf das Ziel, auf das Ganze gerichtet, um dann wieder das Blickfeld auf das Detail einzugrenzen.
Und immer wieder die Momente des Zweifelns: Bin ich wohl richtig? Habe ich mich verstiegen? Eine Bewegungsabfolge gelingt nicht. Langsam beginnen die Knie zu zittern, ich schlottere vor Angst, muss versuchen wieder zur Ruhe zu kommen, um nicht in Panik zu geraten und Fehler zu begehen. Schlagartig engt sich das Blickfeld ein, fast auf einen Punkt.
Auch hier findet sich ein Ausweg erst mit dem Anerkennen der eigenen Angst, oftmals durch ein Zurückgehen, Zurücknehmen.
Tour 2
Mai 2004
Peggau Steiermark
Kugelstein
Route: das Z
Bei dieser Route, nach einer Seillänge am luftigen Stand stehend, die Höhe zerrt doch an den Nerven, spreche ich das schon so oft Gedachte aus: Wozu tu ich mir das an – Radfahren wäre doch auch schön.
Am Fuß der Wand führt der Murradweg entlang. Kletterer und Radfahrer bewegen sich übereinander fort, auf zwei Etagen.
NACHHER
Es bleibt die Frage nach der Motivation, sich auf diese Art „Reise“ – das Durchklettern einer Wand – zu begeben. Für mich ist es immer wieder die Faszination des Weges. Die Bewunderung für meine Vorsteiger, die diese Herausforderung gesucht haben. Einen Weg ins scheinbar Unbeschreitbare zu setzen. Das Erforschen des Unbekannten, des Neuen.
Es ist sicher auch der Wunsch, Spuren zu hinterlassen, Dinge zu beherrschen, zu besitzen, weil sie „bezwungen“ sind.
Tour 3
Juni 2003
Admont Steiermark
Gesäuse Sparafeld
Route: Sparafeld Diagonale
Nach Durchklettern dieser Route im Gesäuse war mir klar, warum ich diese Art der Fortbewegung betreibe. Der Blick zurück auf die Wand rief mir einen langgehegten Wunsch ins Bewusstsein: Irgendwann einmal möchte ich durch eine solche Wand auf den Gipfel gelangen – nicht den Wanderweg rundherum gehen.
Und ich werde auch immer wieder dieses Gefühl haben wollen – mich in der fast Senkrechten zu bewegen, mit dauernd genügend Luft unter den Füssen.
Ich erinnere mich an den Jubel beim Erreichen des vorletzten Standplatzes (das ist der Platz, an dem man sich nach einer Seillänge festmacht und den Partner nachholt bzw. weitersichert).
Hier finde ich eine Sanduhr – ein Griffhenkel im Fels, an dem ich wunderbar den Stand bauen kann. Es folgt das sichere Hineinsetzen ins Seil und dann der Blick zurück, hinunter – 200m Luft bis zum Boden – die Wand und den geschafften Weg auf einen Blick zu erfassen – die Vertikale zwischen mir und dem Anfang der Route – die Freude an der Höhe und der Ausgesetztheit.
Eine Kletterreise ist gelungen, wenn alle "Teile" einer Tour das richtige Gewicht finden: Der Zustieg, die Kletterroute und der Abstieg. Dieser führt mich noch einmal die Höhenmeter hinunter, die ich überwunden habe – auf einem hoffentlich schönen Weg, mit Blicken zurück und Erinnerungen an die Route.
RESÜMEE
Klettern ist
für mich
die Faszination aus Höhe, Herausforderung, Bewegung, Gleichgewicht
das Begreifen des Materials
das Finden eines Weges
das Stillen meiner Neugier
Therapie und Kraft schöpfen
Kleines Klettervokabular: PLAN Klettertopo WEG Zustieg Einstieg Ausstieg Seillänge Standplatz Standplatz bauen GESAMT Kamin Platte Dach Überhang Verschneidung Pfeiler DETAIL Sanduhr Wasserrille Henkel Griff Loch Schuppe
Irmgard Lusser: geb. 1955 in Innsbruck, 1974 Matura in Innsbruck, Architekturstudium TU Graz, 1983 Diplom, selbstständige Architektin, ledig, 2 Töchter, mit 16 klettern mit Gummistiefeln, Reepschnurgurt, Schultersicherung, mit 22 klettern mit schweren Bergschuhen, Brustgurt, Dülfersitz, mit 35 Kauf von Reibungskletterschuhen am Fetzenmarkt, ab 38 klettern oft und mit Begeisterung.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Ute Angeringer und Markus Gfrerer








