Die Unique Selling Proposition von Komprechts oder: Stadtmarketing am Dorf.
aus: "Schubumkehr" von Robert Menasse
Wald, Wald und noch einmal Wald. König war verwirrt. Da schimmert der Wald im Vollmondlicht, da brechen Sonnenstrahlen durch die Wipfel, was aber wenig an der unklaren graugrünen Atmosphäre ändert. Hier der Teufelstein, gleich daneben der kilometerweit entfernte Wackelstein. Ich kenn mich nicht aus, sagte König. Eine Waldlichtung. Der Braunsee. Und schließlich der Bahnhof. Das sieht aus wie eine Welt ohne Menschen, man irrt umher Tag und Nacht, und wenn man Glück hat, dann findet man diesen Bahnhof und kann erleichtert abreisen. Aber wir wollen doch, daß die Touristen kommen, kommen sollen sie, Herr Tobisch, und sich wohlfühlen, nicht zurückschrecken, oder herumirren und abreisen.
Der Mann von der Werbeagentur war in seiner Sicherheit nicht zu erschüttern. Als hätte Königs Reaktion ihn bestätigt, wahrscheinlich war dies sogar wirklich der Fall, sagte er: Gewiß, Herr Bürgermeister. Sie werden auch kommen, genau die, die Sie haben wollen. Urlauber, die Ruhe suchen, Ruhe, Ruhe, Ruhe. Das intensive Naturerlebnis. Die sprechen wir an mit diesen Fotos des Waldes in verschiedenen Stimmungslagen. Sie vermitteln eine große Erlebnisbandbreite des Spektakels Natur.
Ja, aber wieso dann der Bahnhof am Ende des Prospekts? Wie gesagt, das ist doch wie eine Aufforderung zur Abreise, wie
Im Gegenteil, Herr Bürgermeister. Durch die Waldansichten wird der Betrachter eingestimmt in das Produkt, wenn ich so sagen darf. Kein Massenbetrieb, das ist es, was er will. Keine Hotelkomplexe, das ist es, was er will. Natur, Natur, Natur — da will ich hin, denkt er sich. Und wie er sich das denkt, verstärken wir diesen Eindruck, machen ihn konkret: Du kannst hin, ohne Auto! Bedenken Sie die Zielgruppe, Herr Bürgermeister! Ohne Auto! Da kommst du an! Buche, und wir werden dich hier willkommen heißen, der Bahnhof ist nicht ausladend, sondern symbolisiert nach der Selbstdarstellung die Einladung.
Ich weiß nicht. Und was soll diese Bildunterschrift:
Hinter dem kleinen kakanischen Bahnhof
Schloßgelb haben doch Sie ihn streichen lassen. Übrigens eine gute Entscheidung, Gratulation, Herr Bürgermeister. Wir greifen das auf. Wir sagen kakanisch, das heißt gute alte Zeit, als man noch Sommerfrische sagte, und wo Plastik etwas war, was ein Bildhauer aus Stein machte, und
Ja, sicher. Aber: Hinter dem kleinen kakanischen Bahnhof verlieren sich die Gleise der Schmalspurbahn in einer Ferne en miniature. Was soll das? Da hinten ist gleich die Staatsgrenze. Eiserner Vorhang. Tote Hose.
Eben. Aber Ferne en miniature klingt doch viel poetischer.
König war wirklich unsicher. Immer wieder blätterte er den Prospektentwurf durch, ohne sich mit ihm anfreunden zu können.
Wissen Sie, ich bin wirklich kein Werbefachmann, Herr Tobisch nickte.
aber andererseits, ich bin Politiker. Ich könnte nie eine Wahl gewinnen, wenn ich den Menschen da draußen nicht verkaufen könnte, was sie wollen. Und
Den Menschen da draußen müssen Sie mit diesem Prospekt nichts verkaufen, Herr Bürgermeister, sondern den Menschen in den Städten, Menschen, die
Da! Zum Beispiel: Was sollen die Fliegenpilze auf diesem Foto? Die sind doch giftig. Wenn schon Schwämme, warum dann nicht Herrenpilze, ich meine, in unseren Wäldern gibt es doch auch edle
Wir waren fotografieren, und nicht Schwammerlsuchen, Herr Bürgermeister. Und gerade dieses Foto hat uns werbetechnisch sofort überzeugt. Zu Fliegenpilzen assoziiert doch jeder Betrachter sofort verwunschene Märchenwelt, Hexen und Feen, ein Männchen steht im Walde, Kindheit
Kann sein. Ich weiß nicht. Aber auf jeden Fall hat Komprechts doch viel mehr anzubieten als den Wald mit Steinen und Fliegenpilzen. Der Satz da auf der ersten Seite: Wir haben Ihnen nichts zu bieten — das ist doch
Das ist doch eine ganze Menge. Das ist das schlagende Argument. Lesen Sie doch weiter: Wir haben Ihnen nichts zu bieten. Was wir haben, ist unverkäuflich. Ist unbezahlbar. Ist ein Geschenk der Natur.
Aber wer sich für einen Urlaub hier interessiert, will doch mehr wissen, als daß hier Natur ist, will einen Eindruck haben von der Ortschaft und
Na gut, sagte Herr Tobisch, gehen wir alles noch einmal durch. Er öffnete seinen Aktenkoffer, nahm einen Plan und einen Stapel Fotos heraus. Beginnen wir beim Bahnhof, hier. Das Gebäude ist hübsch, auch sehr hübsch restauriert, keine Frage. Aber dann. Wir gehen jetzt den Weg hinauf zum Ort. Da kommt die Glasfabrik, hier. Ein normaler Fabnikbau, architektonisch nicht besonders häßlich, aber auch nicht interessant. Nun denken Sie sich in die Zielgruppe hinein. Was springt Ihnen jetzt ins Auge? Natürlich der Schlot. Der alternative Urlauber, der wesentlich das Naturerlebnis sucht, prallt natürlich zurück, wenn er in einem Prospekt so einen großen Fabnikschlot sieht. Gehen wir weiter. Als nächstes kommt die Zentralkläranlage. Sie sind stolz auf diese Kläranlage, kann ich verstehen. Ein nützlicher Zweckbau, gewiß, ein Fortschritt. Aber ist er eine Attraktion für die, die herkommen sollen? Schauen Sie sich das Foto an. Woran erinnert Sie dieser Bau? Ich werde es Ihnen sagen: Beim ersten Blick denkt man an ein kleines Kraftwerk. Wenn das da oben nicht flach wäre, sondern rund, würde man glauben ein Atomkraftwerk. Aber schon so ist es schlimm genug. Jetzt sind wir also soweit: Wenn ich da ankomme in diesem Komprechts, dann bekomme ich sofort eine Bronchitis von dem Qualm aus dem Fabnikschlot. Dann, langfristig, noch Krebs, von den Strahlungen und Ausdünstungen dieses Kraftwerks. Ist das der Eindruck, den Sie vermitteln wollen? Aber gehen wir weiter. Hier. Da haben Sie die Häuserzeile, die hinaufführt zum Hauptplatz. Alles eingerüstet, staubig, eine einzige Baustelle. Jeder Zementfabnikant wird entzückt sein von diesen Fotos. Aber unsere sanften Touristen?
Aber die Bauarbeiten sind mittlerweile fast abgeschlossen, und
Ja, das habe ich heute gesehen, Herr Bürgermeister, aber
...............
Gehen wir weiter, sagte Herr Tobisch. Wir kommen zum Hauptplatz. Hier, die Kirche. Wer soll wegen dieser Kirche kommen? Nullachtfünfzehnbarock. Die Grünen, die Alternativen, interessieren sich für einen Sakralbau doch nur dann, wenn er von der Kunstgeschichte heiliggesprochen wurde. Das wissen wir. Bitte, das Gemeindeamt. Sechziger Jahre. Hier, das SPAR-Kaufhaus. Kein Kommentar. Hier, hier, bitte, und hier. Wissen Sie, was ich meine? Na gut, hier haben Sie den Hauptplatz in der Totale. Was springt ins Auge? Das Kriegerdenkmal. Ich muß Sie wohl nicht daran erinnern, daß unsere Zielgruppe wesentlich aus Pazifisten besteht. Und dann noch SIE GABEN IHR LEBEN HIN FUR DIE HEIMAT, das käme unserer Zielgruppe garantiert in die falsche Kehle. Was heißt wieso? Herr Bürgermeister! Sie gaben ihr Leben hin für die braune Mordmaschinenie, sagen die, ja ja, ich weiß schon, ich sage ja: sagen die! Gehen wir weiter. Die Straße runter zum See. Wieder lauter Baustellen, eingerüstete Häuser, ja sicher, jetzt sind sie fertig, die Fremdenzimmer sind zweifellos in Ordnung, die Touristen werden sich darin wohlfühlen, keine Frage, aber können wir sie davon mit der Ansicht eines Straßendorfes überzeugen? Dann kommt der See. Der See, ja, der ist ein Argument. Und den haben Sie daher auch hier wieder im Prospekt. Ein idyllisches Bild, das zur Kontemplation und Besinnlichkeit ebenso einlädt wie zu mannigfacher Aktivität.
Plötzlich war das Seeufer voller Menschen. Roman war so überrascht, daß er sich im ersten Moment hinter die Verschalung des Hochsitzes duckte und angespannt hervorspähte. Mit Motorsägen schnitten sie die Birken am See um. Mit einem Caterpillar rissen sie die Strünke aus der Erde. Die gefällten Birken wurden zersägt und zusammen mit den Strünken auf einen Lastwagen geladen. Roman nahm seine Kamera und legte an. Plötzlich war die alte Frau, die in dem steinernen Haus beim Steinbruch wohnte, da unten beim See. Sie stemmte die Hände in die Hüften. Sie schrie und gestikulierte. Einer der Männer sprach mit ihr. Sie lehnte sich an den großen Findling und sah den Männern kopfschüttelnd bei der Arbeit zu. Da kam ein großer Kranwagen. Die alte Frau wurde von dem Findling weggewunken. Der Stein wurde hochgehievt, verladen und weggebracht. Eine Planierraupe kam und ebnete den aufgewühlten Uferstreifen. Die Stille an diesem Ort existierte nur noch als angehaltener Atem in einem fortgesetzten Dröhnen. Es war absolut windstill. Die Birken, die sich im Wind bewegt hatten, waren spurlos verschwunden.
Jeden Tag ging Roman zu dem Hochsitz und betrachtete dieses Loch im Nichts, diese aufgerissene Lücke im Niemandsland. Wie konnte das kommen? Und was wird jetzt geschehen? Bald kamen wieder Männer mit Lastwägen. Sie brachten junge Birken und Silbertannen, die sie auf dem planierten Streifen einsetzten. Auch der große Stein wurde wieder gebracht, am Ufer abgeladen, dazu noch zwei weitere, die vorher nicht dagewesen waren. Die Plazierung der drei Findlinge und die Anordnung der neugesetzten Bäumchen folgte irgendeiner Gesetzmäßigkeit, schwer zu sagen welcher, aber man sah: dahinter steckte bewußter Gestaltungswille. Die Findlinge wirkten wie aus Papiermaché. Sie glänzten so eigentümlich, dann erkannte Roman, warum: das Moos an den Steinen war entfernt, die Steine waren geputzt worden. Bänke, Kinderschaukeln, eine Rutsche wurden geliefert und aufgestellt, sie alle mit der Aufschrift GEWIDMET VON DER RAIFFEISENBANK KOMPRECHTS. War nun wieder Ruhe? Hier wird nie wieder Ruhe sein. Wenige Tage später ging es erneut los mit Zimmern, Hämmern, Dröhnen. Eine Holzkonstruktion wurde errichtet, seeseitig an der Straße entlang, was wird das? Ein langgezogener Holzbau, der rasch Gestalt annahm, schließlich grün und braun gestrichen und dann auch beschriftet wurde. Imbisse. Toiletten. Umkleidekabinen. Duschen. Wie auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Parkplatz asphaltiert wurde, beobachtete Roman nicht mehr.
Das Seeufer neu zu gestalten war eine gute Entscheidung, sagte Herr Tobisch. Sieht jetzt gepflegter aus, und doch naturbelassen. Die Menschen wollen Natur, aber sie wollen keine Wildnis. Sie wollen Abgeschiedenheit, aber sie wollen doch auch Annehmlichkeiten wie Imbisse, saubere Toiletten und Duschen. Sie wollen, wenn ich so sagen darf, einen gestrafften Busen der Natur. Darum haben wir dieses Bild auch im Prospekt auf eine Doppelseite aufgeblasen. Und das Idyllische dieses Fotos wird noch verstärkt durch den Hochsitz da im Hintergrund. Das würde ich Ihnen überhaupt empfehlen: da und dort noch solche Hochsitze aufzustellen. Denn der Tourist weiß, wo ein Hochsitz ist, da kann man jederzeit mit Tieren rechnen. Er sieht diesen Hochsitz auf dem Foto und stellt sich vor: ein Rudel Rehe bricht aus dem Wald und beginnt auf dieser Wiese zu äsen. Ich glaube, Sie verstehen jetzt das Gestaltungskonzept dieses Prospekts. Die Unique Selling Proposition, wie wir sagen, von Komprechts ist nicht der Ort selbst, sondern das, was ihn umgibt: Der Waldgürtel und der See. Natur, Natur, Natur. Sie werden sehen, das Konzept wirkt. Bald werden die Touristen in Rudeln kommen. Sie haben gesagt, das wirkt wie eine Welt ohne Menschen. Richtig. Der potentielle Urlauber soll sich denken: Der Mensch hier ist er selbst. Hier ist er Mensch, hier will er sein. Gut. Ich darf Sie nun mit den weiteren Bestandteilen der Kampagne bekanntmachen. Präsentation bei Fachmessen, DirectMailing, der Wettbewerb zur Wahl des europäischen Umweltdorfs des Jahres. Zunächst
Noch eine letzte Frage zu diesem Prospekt. Dieses graue Papier und die Schwarz-Weiß-Fotos mit diesem Grünstich
Ja, wir haben uns in Hinblick auf die Zielgruppe ganz bewußt für einen ästhetisch kühnen Auftritt entschieden: also Umweltschutzpapier, nur Grün als Schmuck-Farbe und die Fotos im Duo-Ton
Ja aber, das ist doch nur ein Entwurf, das wollen Sie doch nicht so lassen? Ich meine, das schaut irgendwie billig aus, primitiv, auf Hochglanzpapier mit Vierfarbdruck hätte das doch ein ganz anderes Gesicht.
Hochglanzpapier? Herr Bürgermeister, ich glaube, wir sollten vielleicht noch einmal über die Zielgruppe reden.
Der vorliegende Textabdruck ist, mit freundlicher Genehmigung des Autors, dem Band "Schubumkehr" entnommen, erschienen 1995 im Residenz Verlag, Salzburg, Wien und 1997 als Suhrkamp Taschenbuch st 2694, ISBN 3-518-39194-1.
Robert Menasse Biografie
Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren und ist auch dort aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Philosophie sowie Politikwissenschaft in Wien, Salzburg und Messina und promovierte im Jahr 1980 mit einer Arbeit über den "Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb". Menasse lehrte anschließend sechs Jahre - zunächst als Lektor für österreichische Literatur, dann als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie - an der Universität São Paulo. Dort hielt er vor allem Lehrveranstaltungen über philosophische und ästhetische Theorien ab, u.a. über: Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien 1988 lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien.
Preise:
1989
Literaturförderpreis der Stadt Wien
1991
Heimito-von-Doderer-Preis
1992
Förderpreis Literatur des Hans-Erich-Nossack-Preises
1993
Berliner Künstlerprogramm des DAAD
1994
Marburger Literaturpreis; Preis der Alexander-Sacher-Masoch-Stiftung
1995
Förderpreis des österreichischen Würdigungspreises für Literatur
1996
Hugo-Ball-Preis
1998
Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik
1999
Grimmelshausen-Preis
2002
Marie-Luise-Kaschnitz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing
2002
Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg
2002
Lion-Feuchtwanger-Preis
Joseph-Breitenbach-Preis
Robert Menasse "Schubumkehr"
Kurze Inhaltsangabe
Februar 1989: Adolf König, Bürgermeister einer österreichischen Gemeinde nahe der tschechischen Grenze, durchbricht gewaltsam den Eisernen Vorhang - allerdings ungewollt, irrtümlich - und löst beinahe schwere diplomatische Verwicklungen aus. November 1989: Die Grenze wird feierlich abmontiert. Anhand einer Vielzahl von Figuren, Schicksalen und Geschichten beschreibt Schubumkehr den Verlauf dieses Jahres, in dem schließlich "kein Stein mehr auf dem anderen bleiben" sollte. Im Zentrum des Geschehens steht ein Roman, ein Mann mittleren Alters, der nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Österreich zurückkommt. Statt vertrauter Zusammenhänge erwarten ihn private Grotesken und Tragödien, statt versteinerter Verhältnisse erlebt er, wie diese zu tanzen beginnen. Er reagiert mit Regression und Entgeisterung. Schubumkehr ist der letzte Teil von Robert Menasses 'Trilogie der Entgeisterung', deren ersten beiden Teile sind: Selige Zeiten, brüchige Welt und Sinnliche Gewißheit.
Kritiken
"Robert Menasse hat eine Gesellschaftssatire über den Bildungsbürger geschrieben, die anspielungsreich in das Innere von Österreich zielt. Aber es ist auch ein Roman über die Schwierigkeiten des Erzählens in der Weltunordnung. Doch als 'gestandener' Hegelianer hebt der Autor die scheinbaren Widersprüche im Erzählten selbst geschickt und schlüssig auf."
Die Buchwoche
"Mit Raffinement - er mischt eindringlich Traumsequenzen mit knappen Dialogen, feine Naturbeschreibungen mit originellen Reflexionen, präzise Menschenskizzen mit nüchternen Protokollen - hält der Autor die disparaten Elemente seiner Geschichte zusammen. Tempo- und Genrewechsel machen seine Erzählung äußerst kurzweilig."
Georg Hoffmann-Ostenhof, Profil
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Karin Tschavgova
