"So leben wir – Menschen am Rande der Megacitys"

Jonas Bendiksen "So leben wir – Menschen am Rande der Megacitys", erschienen 2008 im Knesebeck Verlag.

19/08/2010

Jonas Bendiksen

So leben wir – Menschen am Rande der Megacitys

2008, Knesebeck Verlag

„… Ich habe diese Zeitungen als Dekoration an die Wand geklebt – ich finde sie wunderschön. Dadurch sieht auch das Haus viel schöner aus, und außerdem kann man dann alles sehen, die Kakerlaken zum Beispiel …“

Charles Arori – Kibera, Nairobi*

„… Das Haus hat 36 Einschusslöcher. Das alles macht mir keine Angst. Wir haben uns daran gewöhnt. Wenn die Jungs von da oben mit denen hier unten etwas auszutragen haben und ein Schusswechsel beginnt, schließt man die Tür und versteckt sich …“

Pilar Oviedo – Los Barrios, Caracas*

„… Mein Haus steht unter der Kali Malang Brücke. Es ist drei Meter lang und etwa einen Meter hoch. Es reicht, um ein Dach über dem Kopf zu haben und sich vor dem Rest der Welt zu schützen …“

Imin – Kampung Miskin, Jakarta*

„… Hier wird etwas Neues gebaut werden, und alles wird sich von Grund auf verändern. Die Straßen und Wege werden anders sein, mein Zuhause wird nicht mehr stehen. Stattdessen wird ein anderes Haus dastehen …“

Amit Singh – Dharavi, Mumbai*

Rund eine Milliarde Menschen sind mittlerweile Slumbewohner. In den nächsten 25 Jahren soll sich diese Zahl laut Schätzungen der UNO verdoppeln.

Menschen in diesen praktisch rechtsfreien Zonen der Armut führen ein Leben ohne Fließwasser, Kanalisation oder regelmäßige Elektrizität.

Der norwegische Bildjournalist Jonas Bendiksen verbrachte 2007 jeweils mehrere Monate in vier der größten Slums der Welt. Mitgebracht hat er Bilder vom Leben miteinander – auf engstem Raum, ohne Infrastruktur und wenig Privatsphäre. In Kenia, Venezuela, Indonesien und Indien beobachtete Bendiksen den Alltag zwischen schändlich bezahlter und gesundheitsschädigender Arbeit und sozial erzwungenem Nichtstun. Und er ließ Bewohner der Slums ihre eigene Geschichte erzählen.

Bendiksen, Mitglied der renommierten Agentur „Magnum“, ist einer, der seinen Beruf nach dem von Cornell Capa in den Sechzigern geprägten Begriff als „Concerned Photographer“ sieht. „Die Waisenkinder des Journalismus“ sind sein zentrales Thema, wie er selbst sagt.

Er will nicht nur dokumentieren, er will sich kümmern, bewegen, aufklären, den Menschen abseits der Wohlstandsrouten eine Stimme und ein Gesicht geben.

„So leben wir – Menschen am Rande der Megacitys“, ein mittlerweile mehrfach preisgekröntes Buch, fällt als erstes durch die recht ungewöhnliche Gestaltung auf. Auf einer Doppelseite geben Bewohner der Ghettos Einblick in ihr Seelenleben. Nochmals ausgeklappt, entfaltet sich hinter den Textseiten nach den seelischen Innenansichten ein Innenpanorama des realen Heims mit all seinen Bewohnern.

Bendiksen lässt in seinen Fotografien der Würde des Individuums eine große Bedeutung zukommen. Er ist im Gegensatz zur Maschinengewehrfraktion seiner Journalistenkollegen sparsam mit Blitzlicht, bleibt häufig beim „Available Light“-Gedanken.

Bewegungsunschärfen und Licht-Schatten-Spiele bewahren allzu Offensichtliches davor, zu einem Klischee zu werden und lassen Intimes intim sein. Wie in seinem akklamierten Erstlingswerk „Satellites“, das vom Leben in den Outbacks der Nachfolgestaaten in der ehemaligen Sowjetunion handelt, schafft es Bendiksen auch in diesem Buch im Tragischen, Hässlichen und Unmenschlichen auch Fröhliches, Hoffnungsvolles und Lyrisches zu finden. Ein echter Humanist braucht für seine Botschaft nicht nur Trompeten.

Die mit * versehenen Zitate wurden dem Buch entnommen.

Jonas Bendiksen

So leben wir – Menschen am Rande der Megacitys

196 Seiten mit 121 farbigen Abbildungen und 20 Ausklappseiten

Erschienen 2008 bei Knesebeck / München

ISBN 978-3-89660-587-0

Preis: € 31.-

Verfasser/in:
Emil Gruber, Buchrezension

Weiterführende Links

buchtipp_8.jpg
gruber_so_leben_wir__kopie.gif
Cover
gruber_so_leben_wir_familie_asanah_jakarta_kopie_2.gif
Familie Asanah, Jakarta
gruber_so_leben_wir_kibera_nairobi_kopie.gif
Kibera, Nairobi
gruber_so_leben_wir_verstopfte_abwsserkanle_caracas_kopie.gif
Verstopfte Abwässerkanäle, Caracas

Artikelempfehlungen der Redaktion