SLUM

Ein Kommentar zum Thema anlässlich des gleichnamigen Projektes der Neuen Galerie im Rahmen des steirischen herbst mit einer Ausstellung von HA Schult und anderen künstler

27/09/2006

Ein Kommentar von Willi Hengstler zum Thema anlässlich des gleichnamigen Projektes der Neuen Galerie im Rahmen des steirischen herbst mit einer Ausstellung von HA Schult und anderen künstlerischen Beiträgen, Vorträgen und Präsentationen.

„Slum“ - das Wort bedeutet ursprünglich „Gaunerei, kriminelle Machenschaften“ und ist seit dem Beginn des 19.Jahrhunderts bekannt. Die Neue Galerie nimmt sich in ihrem gleichnamigen Projekt für den steirischen herbst dieser „Siedlungsform“ an, deren Segnungen irgendwann nach 2020 mehr als die Hälfte der Menschheit teilhaftig sein wird. In Megastädten, Städten mit mehr als 8 Millionen Einwohnern ballt sich jetzt schon rund ein Drittel der Menschheit. Eine einst privilegierte Lebensform ist zum globalen Horror geworden. Stadtluft macht schon längst nicht mehr frei. Und die sie atmen sind zu Unsichtbaren, zu Überflüssigen, zu Verworfenen in den Slums mutiert.

Eindrucksvoller Blickfang des Projektes sind die im Hof der Neuen Galerie aufmarschierten „Trashpeople“ von HA Schult: eine unheimliche Armee aus lebensgroßen Figuren, die der deutsche Künstler aus buntem Abfall zusammengeschweißt hat. An ihnen lässt sich auch ablesen, wie sich die Zeiten gewandelt haben. Schult reist mit seinen Trashpeople durch die Welt, um auf die menschenunwürdigen und zugleich schon wieder selbstverständlichen Zustände aufmerksam zu machen. Ein großes Bild in der Ausstellung zeigt seine Globalisierungs- und Zivilisationszombies vor den Pyramiden von Gizeh – sie stehen auch für die Sklaven, die diese Weltwunder gebaut haben. Eine andere Armee, die berühmten, chinesischen Ton-Krieger des ersten, grausamen Qin-Kaisers fällt einem dazu ein. Schults Trashpeople lassen sich als Menetekel lesen, als Stellvertreter des Milliardenheeres der Verdammten, das sich noch nicht in Bewegung gesetzt hat. Zu keiner anderen Schuld wird tiefer geschwiegen, für kein anderes Übel wird die Kunst der Blindheit, des Wegsehens perfekter beherrscht, als gegenüber den Slums und ihren Bewohnern. Der Swimmingpool des Hilton in Dakhar, Bangladesh, grenzt an einen Slum, der von den Fenstern der Hotelzimmer zu sehen ist, aber aus irgendeinem Grund - wie alle anderen Slums - unbetretbar bleibt.

Slums bilden keine scharf abgetrennten Stadtteile. Sie wuchern, passen sich an, wachsen zusammen und bilden gelegentlich ganz Slum-Regionen, die sich immer mehr auch über den Raum zwischen den Städten erstrecken. Die Bilder der weltweit gleichen Elendsarchitektur aus Plastikplanen, Karosserien, Schlamm, Holzstücken fungieren als Folien, die den Blick auf unseren eigenen Skandal verbergen. Das Farbbildelend verdeckt das darunter Existierende, so völlig verschieden vom Betrachter, das bedeutungslos für ihn bleibt. Ziemlich kunstlose Videofilme auf dem Social World Congress 2003 in Bombay zeigten dieses Leben unterhalb der visuellen Gewohnheit; Frauen, die in den Kloaken die Hemden ihrer Männer in den Kloaken nicht weiß kriegten; Kinder, die vor ihren betrunkenen Vätern flohen; Arbeitslose, die sich Witze erzählten. Dabei herrscht nirgendwo mehr Hektik, als in einem Slum. Nichts ist anstrengender, als mittellos zu überleben, nichts braucht mehr Zeit, als kein Geld zu haben. Die Armut ist eine Idylle der Reichen. Einen Slum stellt man sich am besten wie die Eingangssequenz von Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ vor... nur nicht so sauber: Wände, die hochgezogen, Pfähle, die eingeschlagen, Planen die gespannt werden. Überall rastlose Geschäftigkeit, Scheiße fressende Schweine, vorindustrielle Hektik, keine Bettler, da keiner was hat. Jeder kennt jeden, ein dichtes Netz aus Blicken unter einem Himmel, für den, anders als bei Sergio Leone, DAS BLAU DES TECHNIOCOLORS ÜBERFLÜSSIG geworden ist. Seit der Polypenoperation roch ich nichts mehr, aber Schwaden und Gestank machten sich noch mit dem Prickeln in den Nasenlöchern, mit einem Geschmack am Gaumen und dem Brennen im Rachen bemerkbar.

Diese postindustriellen Städte stehen – im Gegensatz zu jenen der industriellen Revolution –eben nicht für wachsende Industrialisierung. Sie sind keine Job-Maschinen mehr, sondern Endpunkt einer Massenflucht von überflüssigen Landarbeitern, Folge von volkswirtschaftlichen Restrukturierungen durch den Internationalen Währungsfond, einem verarmenden Mittelstand, Spekulationen, fahrlässiger Bewirtschaftung staatlichen Raumes, Turbokapitalismus und so weiter und so weiter. Dazu werden weltweit ausgewiesene Schwergewichte wie Branko Milanowic (USA, IWF) und Zygmunt Bauman (GB, „Verworfenes Leben“) und unser faszinierender Nachbar Slavoj Zizek referieren. Dass der angekündigte Mike Davies (USA, „Planet der Slums“) nicht kommt, ist zu verschmerzen, seine Arbeiten liegen auf Deutsch vor. Befremdlicher ist, dass keine Stimme aus Asien, Afrika oder Lateinamerika, nichts über den Kampf von Architekten und Städteplanern an der Front zu hören sein wird. Beispielsweise eine Stimme wie die von Gita Dewan Verma in ihrem „Slumming India“. (Penguin Books). Trotzdem: ein tolles Projekt an der Schnittstelle von Politik, Architektur und Kunst. Und eine weite Strecke von den reizenden Pinguinen, die Willy Pucher in scheinbar besseren Zeiten an ausgesuchten Urlaubsdestinationen für den steirischen herbst fotografiert hat, bis zu den Slum-Visionen für Europa.Ausstellung SLUM

KuratorInnen: Peter Weibel, Christa Steinle, Günther Holler-Schuster

Veranstaltungsdauer: 24.09. - 15.10.2006

Veranstaltungsort: Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Hof, Hofgalerie, Spiegelsaal

Sackstraße 16, A-8010 Graz

neuegalerie@museum-joanneum.at

Öffnungszeiten: Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr

Rahmenprogramm, Vorträge:

Fr. 06.10.2006, 19.30 Uhr: Zygmunt Bauman, Soziologe, lebt in Leeds (GB)

Sa. 14.10.2006, 19.30 Uhr: Slavoj Zizek Philosoph und Psychoanalytiker, lebt in Buenos Aires (RA)Vorträge

Sa. 14.10.2006, 19.30 Uhr: Slavoj Zizek Philosoph und Psychoanalytiker, lebt in Buenos Aires (RA)Präsentationen:

So. 01.10.2006, 19.30 Uhr: Armin Linke Fotograf, lebt in Mailand (I)

Fr. 06.10.2006, 18 Uhr: El Perro Santiago Diaz

Künstlergruppe mit multimedialem Ansatz aus Madrid (E)

Sa. 07.10.2006, 19.30 Uhr: HA Schult

Aktions- und Installationskünstler, lebt in Köln (D)

Verfasser/in:
Willi Hengstler, Kommentar

Weiterführende Links

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Armin Linke. Favela Paraisopolis Sao Paolo Brazil, 2001
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Neue Galerie Graz, Slum "Trash People" by HA Schult, © HA Schult / Neue Galerie Graz

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