Sich an einem gänzlich unaktuellen Buch erfreuen – eine GAT Reiseempfehlung

Nicht in der Bestsellerliste noch sonst ein Anlassfall: John Bergers „Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens“. Ein wunderbares Buch, das einem die Augen ganz ohne

19/08/2004

Weder in der Bestsellerliste noch sonst ein Anlassfall: John Bergers „Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens“. Ein wunderbares Buch, das einem die Augen öffnet. Ganz ohne didaktischen Zeigefinger, aber mit schelmischem Augenzwinkern.

Irgendwann einmal war der 1926 geborene John Berger Kunsthistoriker. Schon damals, als er in seinem Buch „The Success and Failure of Picasso“ ungeniert Picassos Spätwerk als nicht bedeutend einschätzte und mit der BBC-Fernsehserie „Ways of Seeing“ und seiner einzigartigen Bildschirmpräsenz fast ein Star wurde, war sein Kapital das Unorthodoxe.

Später, in den Siebzigern, zog er nach Frankreich auf einen Berghof in Savoyen und schreibt seitdem Romane über die Leute dort und ihre Mühen. Nicht nur, denn immer wieder erscheinen auch Betrachtungen zur Kunst, von Kunstwerken. Das Eine und das Andere ist eins bei John Berger, denn immer geht es ihm ums genaue Schauen, um Wahrnehmung (und das ist mehr als schauen). Bei Berger ist das eine sinnliche Obsession, keine theoretische Abhandlung wie die minutiöse sterbenslangweilige Deutung von Dürers „Betenden Händen“, die Objektivität behauptet und mit der Kunstgeschichtestudenten vielleicht heute noch ein ganzes Semester lang gequält werden. Er war vielleicht der erste Kunsthistoriker, der den subjektiven Zugang zu einem Werk nicht nur thematisierte, sondern ihn auch guthieß. Was man übrigens sehr schön nachvollziehen kann in seinem Essay: „Zweimal in Colmar: Der Isenheimer Altar, neu gesehen“ aus dem empfohlenen Band.

Neugierig befragt Berger Kunstwerke, stellt einen Kontext zur Zeit und den Lebensumständen der Künstler her, sodass seine Einsichten, Deutungen, Behauptungen immer mit dem Leben verankert sind. Nicht lebensnah, mehr - lebensprall - imaginieren sie in uns Gerüche, Dampf, Fleischlichkeit. Das macht das Lesen so ungeheuer spannend. Hat man einmal Turners Bilder mit den Augen von John Berger gesehen, der gar keine Hemmungen hat, Dampf, Gischt und Wasser in den Bildern des wichtigsten englischen Malers des 19.Jahrhunderts abzuleiten von dessen prägenden Jahren im Barbierladen seines Vaters, kriegt man Lust auf mehr. Mehr von diesen eigenwilligen Interpretationen, die dabei immer plausibel bleiben. Berger fordert nicht nur zum genauen Schauen auf, er zeigt auch den Weg zum eigenständigen Denken und Beurteilen, ohne ein Kunstwerk vom Sockel zu stürzen.

Mich mitzuziehen schafft John Berger immer. Er fordert auf zu einer Reise, die bei aller Neugier (man beachte den Wortstamm) eine vorsichtige, emphatische Annäherung ist – ob real als Reise, wenn man mit ihm Facteur Cheval und seinen Palais Ideal in Hauterives begegnet oder als Abenteuer im Kopf. Mit ihm begegnet man Giacometti auf der regennassen Straße in Paris und er kann einem sofort weismachen, dass im Gesicht des Künstlers sein Temperament und folglich sein ganzes Werk zu lesen ist (ähnlich wie bei Beckett, sagt Berger) Und er kann erstaunen, wenn er Francis Bacon mit Walt Disney vergleicht.

So unorthodox, wie der nun schon fast 80-Jährige (österreichische Staatspreisträger!) ist, kann er auch nicht unmodern werden und verjähren. Er ist kein Best-, sondern ein Longseller. Deshalb müssen Sie ihn auch nicht sofort lesen. Nur kaufen sollten Sie ihn bald. Erstens: wer weiß, wann und zu welcher Tageszeit Sie die Lust auf die Lektüre von John Berger packt und zweitens: wer weiß, wie lange dieses Büchlein noch im schönen Wagenbach-Leinen erhältlich ist.

Was: John Berger, Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens

Wo: bei Wagenbach erschienen (andere Bücher von John Berger bei Hanser )

Wann: 1980 erstmals, 2003 in der 9.Auflage

Reisekosten: 12,90 Euro (in Österreich etwas mehr)Wärmstens empfohlen von Karin Tschavgova

Verfasser/in:
Redaktion GAT Graz Architektur Täglich
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Buchumschlag "Das Leben der Bilder...."

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