Ausstellung, Roundtables und Filmabend zum Thema "Shared Space" im HDA Graz.
Ein älterer, schon etwas gebrechlich wirkender Mann überquert langsam einen Platz. Plötzlich taucht hinter ihm ein schwerer Lkw auf, doch das Geschehen hat überhaupt nichts Bedrohliches oder auch nur Außergewöhnliches an sich.
Die Szene ist Teil der Ausstellung Shared Space – Perspektiven für eine neue Kultur des öffentlichen Raums, die von Kuratorin Heidrun Primas, unterstützt durch Thomas Pilz von der Forschungsgesellschaft Mobilität (FGM), im HDA gestaltet wurde. Nicht zuletzt durch das Pilotprojekt am Grazer Sonnenfelsplatz und weitere Projekte in der Steiermark ist Shared Space derzeit ein präsentes und viel diskutiertes Thema. Die Ausstellung versucht, das breite Spektrum der dahinterstehenden Ideen zu beleuchten und zugleich einen bewusst niederschwelligen Zugang zu schaffen, um nicht nur Fachkreise anzusprechen.
Sich den Raum teilen, anstatt ihn zu zerteilen: Shared Space
Shared Space wird oft auf ein Verkehrskonzept reduziert, ist aber eine viel umfassendere Strategie zum Umgang mit öffentlichem Raum als Ausdrucksform der Gesellschaft und Bühne des sozialen Lebens. Mit dem Ziel, Straßen und Plätze als zentrale Lebensräume zurückzugewinnen, richtet sich Shared Space nicht gegen den Verkehr, sondern engagiert sich für ein gleichberechtigtes Miteinander aller Verkehrsteilnehmer. Grundvoraussetzung dafür ist das selbstverantwortliche Handeln jedes Einzelnen.
Die Konzeption und Gestaltung eines Shared Space bewirken durch teils sehr subtile räumliche Eingriffe eine Verhaltensänderung bei den Benutzern. Durch die Entfernung von trennenden Elementen wie Gehsteigkanten und die Aufhebung der meisten Verkehrsregeln wird ein intuitives Verhalten, basierend auf gegenseitiger Rücksichtnahme und der Verständigung über Blickkontakt erreicht.
Auf diesem Grundkonzept aufbauend, konzentrieren sich die zehn in der Ausstellung präsentierten Projekte auf unterschiedliche Schwerpunkte, abhängig von der jeweiligen Ausgangssituation und dem kulturellen und politischen Umfeld. Die Exhibition Road in London etwa verdeutlicht mit ihrem großformatigen Rautenmuster eindrucksvoll, wie stark die Bodengestaltung die Wahrnehmung des Raums und damit das Verhalten in ihm bestimmt. Dieselbe Wirkung erzielen die feinen Änderungen in der Topografie des Straßenraums und die durchdachte Stadtmöblierung der New Road in Brighton. In St. Gallen hingegen wurden einige Straßenzüge von Künstlern zur Gänze mit einem knallroten Bodenbelag überzogen und so die Rezeption des Raums radikal verändert.
Neben der Präsentation der Projekte und der historischen Entwicklung des öffentlichen Raums zeigen Filmsequenzen die Wirkung minimaler Veränderungen auf das Verhalten sämtlicher Verkehrsteilnehmer. Durch die Gestaltung und damit Neudefinition des Raums vor dem HDA wird die Wirkung solcher Interventionen greifbar. An einem runden Tisch im Zentrum der Ausstellung, der vertiefende Informationen bietet, finden mehrere Diskussionsrunden zu verschiedenen Aspekten des Themas statt.
So normal und doch besonders: Experten über Shared Space
Die erste, hochkarätig besetzte Runde beschäftigte sich neben der gesellschaftlichen Grundlage von Shared Space mit Möglichkeiten der Partizipation. Nach einigen Worten zur Entstehung des Begriffs im Jahr 2003 und dessen, leider uneindeutigen deutschen Übersetzung geteilter Raum betonte der britische Architekt Ben Hamilton-Baillie gleich zu Beginn, dass Shared Space keine neue Idee ist. Sondern im Gegenteil: die Koexistenz verschiedenster Aktivitäten im öffentlichen Raum und deren Arrangement über informelle Verhandlungen gab es schon immer. Heute sei dieses Konzept oft schwer zu begreifen, weil es einfach ein natürliches menschliches Verhalten beschreibt. Willem Foorthuis vom Shared Space Institute in den Niederlanden, genau wie Baillie ein Pionier des Shared Space, erklärte, dass das Übernehmen von Verantwortung durch den Einzelnen die Grundlage von Shared Space ist. Durch das Entfernen der Verkehrsschilder und das damit verbundene Abstreifen des selbst auferlegten Korsetts von Reglementierungen werde den Menschen die soziale Kompetenz zugetraut, die sie von Natur aus besitzen. Die Grazer Soziologin Anja Eder, die bei dem, in Bau befindlichen Projekt in Gleinstätten beteiligt ist, erläuterte die unterschiedlichen Partizipationsverfahren. Die Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker sprach sich, nach einem klaren Bekenntnis zur Partizipation als Voraussetzung für selbstverantwortliches Verhalten der Bürger, für eine klare Rollenverteilung aus. Der Partizipationsprozess dürfe nicht dazu führen, dass sich die Politik aus ihrer Verantwortung zurückzieht. Thomas Fischer von der Stadtbaudirektion Graz unterstrich die Notwendigkeit von innovativen Verkehrslösungen, um der steigenden Mobilität überhaupt Herr werden zu können, während für den steirischen Landesbaudirektor Andreas Tropper die Verkehrssicherheit und damit die intuitive und sofortige Lesbarkeit von Shared Space im Vordergrund stehen.
Auf das aktuelle Projekt am Sonnenfelsplatz Bezug nehmend, betonte Rücker die Stellung des öffentlichen Raums als das explosivste Thema der Stadtpolitik, aber auch als jenes mit dem größten Gestaltungspotenzial. Obwohl die Abstimmung über den Shared Space im Gemeinderat, just am Tag des Roundtables, noch vertagt worden war, zeigte sie sich zuversichtlich. Sie gab außerdem einen Ausblick auf begleitende Maßnahmen wie die Umwandlung der Zinzendorfgasse zur ersten sogenannten Fahrradstraße von Graz, in der nicht die Auto-, sondern die Radfahrer die Geschwindigkeit vorgeben sollen und so auch für Fußgänger die Querung der Straße erleichtert werde.
Abschließend diskutierte die Runde, wie der Erfolg eines Shared Space zu messen sei. Nicht nur die Unfallstatistik – bei den 200 Projekten weltweit spricht sie eindeutig für Shared Space – sei maßgeblich, sondern ebenso die Belebung des öffentlichen Raums und der Geschäfte sowie finanzielle Einsparungen. Durch die Verflüssigung des Verkehrs bei langsamerem Tempo werde eine Reduktion der Emissionen und oft sogar eine Steigerung der Durchschnittsgeschwindigkeit erreicht. Das aussagekräftigste Kriterium für den Erfolg jedes öffentlichen Raums – darin war man sich einig – sei jedoch die Kommunikation, messbar in der Anzahl der Möglichkeiten für spontane Erlebnisse.
Die Ausstellung "Shared Space – Perspektiven für eine neue Kultur des öffentlichen Raums"
läuft noch bis 7. Mai.
Öffnungszeiten: DI-SI, 10.00-18.00 Uhr.
Weitere Roundtables im HDA Graz:
13. April 2010, 19.00 Uhr
"Kunst als Strategie im öffentlichen Raum – eine mögliche Methode der Urban Regeneration"
Mit:
Werner Fenz, Institut für Kunst im öffentlichen Raum, Graz
Anita Hofer, KIG!, Graz
Anton Lederer, rotor, Graz
Nicole Pruckermayr, Institut für Zeitgenössische Kunst TU, Graz
KünstlerInnen: Rhizom, Graz, Veronika Dreier, Graz, Flora Neuwirth, Wien
Moderation: Richard Kriesche, Künstler, Kunst- und Medientheoretiker, Graz
7. Mai 2010, 19.00 Uhr
"Placemaking – neues Design oder neue Aktivität"
Mit:
David Engwicht, Stadtakteur, Australien
Bertram Werle, Stadtbaudirektor, Graz
Joost Meuwissen, Professor für Städtebau an der TU Graz, NL
ArchitektInnen: Ingrid Mayr, Markus Pernthaler, Thomas Pucher, Graz.
Moderation: Franziska Leeb, Architekturpublizistin, Wien
FILMABEND IM HDA Graz:
29.04.2010, 19.00 Uhr
"Faceless"; Regie: Manu Luksch, A/UK 2007, 50 min
"Body Trail"; Regie: Michael Palm & Willi Dorner, A 2008, 8 min
In Kooperation mit der DIAGONALE, Festival des österreichischen Films
KONTAKT:
HDA Haus der Architektur
Palais Thinnfeld
Mariahilferstraße 2
8020 Graz
T 0316/32 35 00-13
office@hda-graz.at
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Bericht
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