Shared Space in Graz: ein erster Eindruck

Eine leichte Konfusion durch die ungewohnte Situation war Dienstagnachmittag einigen VerkehrsteilnehmerInnen am Sonnenfelsplatz schon anzusehen, jetzt da der frühere Krei

12/10/2011

Eine leichte Konfusion durch die ungewohnte Situation war Dienstagnachmittag einigen VerkehrsteilnehmerInnen am Sonnenfelsplatz schon anzusehen, jetzt da der frühere Kreisverkehr plötzlich wie ein echter Platz aussieht. Aber dadurch schauen die Menschen genauer, was die anderen tun, sind vorsichtiger, sind gezwungen, miteinander zu kommunizieren. Womit das Hauptziel von Shared Space schon erreicht wäre.

Seit 11. Oktober hat Graz seinen ersten Shared Space. Wie er funktionieren wird – wie sich die Menschen an das Primat der Rücksichtnahme über das sture Beharren auf die jeweils eigenen Rechte gewöhnen werden – wird sich in den nächsten Wochen zeigen und an dieser Stelle besprochen werden. Vorweg aber zwei erste, subjektive Beobachtungen:

Einerseits offenbart die Entfernung der Gehsteigkanten, wie viel Raum die Stadt bietet, wenn er als Ganzes, von Hauswand zu Hauswand erlebbar ist. Der in stadttheoretischen Werken zur europäischen Stadt so vielzitierte Begriff des Straßenraums als Lebensraum, den wir sonst nur aus Fotos längst vergangener Zeiten (konkreter: vor dem rasanten Siegeszugs des Automobils und der autogerechten Stadt) kennen, wird nachvollziehbar.

Andererseits scheint es, als hätte die Verantwortlichen in letzter Sekunde ein wenig der Mut verlassen. Grob behauene Steine als Sitzgelegenheiten (an sich eine gute Idee) und schwarze Pfosten zeichnen die gerade erst entfernte Grenze zwischen Gehsteig und Fahrbahn nach. Der geeinte Raum wird wieder zerteilt. Aus falsch verstandenem Sicherheitsbedürfnis (vielleicht ist das Vertrauen in die natürliche Vernunft der Grazer zu gering) wird der Grundgedanke der Aufhebung dieser Grenze und der gemeinsamen Nutzung des Straßenraums durch alle Verkehrsteilnehmer konterkariert. Bitte wieder abmontieren, wir verkraften die Freiheit!

Eine Conclusio im Selbstversuch

Der Autor hat heute den Shared Space zu Fuß, mit dem Rad und (ausnahmsweise auch) automobil zu verschiedenen Zeiten gekreuzt und gequert. Mit ein wenig Gelassenheit und Vorausblick war es ein Vergnügen. Besonders am Abend stellten sich angesichts der Lebendigkeit am Platz fast Urlaubsgefühle ein. Kein Wunder, kommt die Szenerie doch jedem, der sich gern am Mittelmeer aufhält und dort auch schon am Verkehr teilgenommen hat, sehr bekannt vor. Trotz Optimierungsbedarf scheint der Shared Space auch hierzulande zu funktionieren! Ein Kompliment an Vizebürgermeisterin Lisa Rücker (Die Grünen) für den Mut, das Projekt auch gegen viele laute Stimmen durchgezogen zu haben.

Verfasser/in:
Martin Grabner, Kommentar

Weiterführende Links

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Der erste Shared Space in Graz - auf dem Sonnenfelsplatz. Foto: Martin Grabner
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Der Straßenraum wird von allen Verkehrsteilnehmern gemeinsam genutzt. Sie teilen ihn sich. Foto: Martin Grabner
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Die Platzierung der Pfosten und Steine genau dort, wo die Gehsteigkante verlief, trennt den Raum wieder, was der Idee des Shared Space widerspricht. Foto: Martin Grabner
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Zumindest am Abend wird diese (widersinnige) Grenze von den StudentInnen aber wieder aufgehoben. Foto: Martin Grabner
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Südliches Flair. Nur die Gelassenheit der langen Belichtungszeit verbirgt das lebendige Treiben. Foto: Martin Grabner

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