SCHRUMPFENDE STÄDTE / SHRINKING CITIES TEIL 1

Ein Bericht zur Ausstellung "Schrumpfende Städte" in Berlin und eine Gratulation an die Preisträger des gleichnamigen Wettbewerbs, Johannes Fiedler, Jördis Tornquist/Graz

13/10/2004

Schrumpfende Städte ist ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Zeitschrift archplus.

Teil des Projektes war ein internationaler Ideenwettbewerb, ausgelobt von der Zeitschrift archplus in Kooperation mit der Zeitschrift domus. Ziel des Wettbewerbs war, neue Handlungsansätze zu Schrumpfenden Städten am Beispiel von Detroit, Halle/Leipzig, Ivanovo (RUS) und Liverpool/Manchester zu finden.

Die Registrierung hatte bis zum 15. April 2004 zu erfolgen. Teilnahmeberechtigt waren interdisziplinäre Teams (mind. 1 Künstler oder Wissenschaftler und 1 Architekt, Landschaftsarchitekt oder Stadtplaner).

Abweichend von der Ausschreibung entschied die Jury am 5. Oktober 2004 nicht die vorgesehene Anzahl von zwölf Arbeiten zu prämieren, sondern lediglich neun Preise zu vergeben. Die restlichen 30.000 Euro Preisgelder sollen nach dem Willen der Jury für die Betreuung und Vernetzung der Teams in einem vom Auslober zu veranstaltenden Workshop sowie für die Realisierung der Projekte verwendet werden.

Einer dieser PREISTRÄGER ist das Team der Grazer Architekten JOHANNES FIEDLER & JÖRDIS Tornquist.

GAT gratuliert herzlich und wird demnächst mehr berichten!

Lesen Sie nachfolgend Elisabeth Krammers aufschlussreichen Bericht über die Ausstellung, die ein weiterer Teil der Initiative ist:

SHRINKING CITIES TEIL 1

Die Ausstellung "Schrumpfende Städte", die noch bis 7. November 2004 im KW Institute for Contemporary Art in Berlin zu sehen ist, vermittelt auf ganz bemerkenswerte Weise Ursache und Folge schrumpfender Städte in den USA, Europa und Russland.

Sie ist das Ergebnis eines dreijährigen Initiativprojektes der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, der Stiftung Bauhaus und der Zeitschrift archplus.

Das von Philipp Oswald, Architekt und Publizist in Berlin, als leitendem Kurator und seinem Team von lokalen Kuratoren und Projektpartnern reichlich erarbeitete Material wird auf übersichtliche, informative und gleichzeitig sinnliche Art und Weise präsentiert.

Untersucht wurden, beispielgebend für das Phänomen "Schrumpfende Stadt", die Standorte Detroit und Detroit Suburbia / USA, Manchester und Liverpool / England, Ivanovo und Yuzha / Russland und, exemplarisch für Deutschland, Halle und Leipzig.ZUR AUSSTELLUNG

Das erste Projekt, das man zu sehen bekommt, URBAN SCAN von Albrecht Schäfer, gibt einen guten Eindruck schrumpfender Stadträume in Detroit, Ivanova, Manchester/Liverpool und Halle/Leipzig. Zwei Kameras wurden in einem Auto links und rechts im rechten Winkel zur Fahrtrichtung befestigt, der Künstler fuhr langsam durch die untersuchten Städte. Die so entstandenen jeweiligen Filmpaare werden in der Ausstellung analog zur Aufnahme gezeigt. Die Installation macht die Ähnlichkeit der gezeigten Stadträume sichtbar. Um zu wissen, welche Stadt zu sehen ist, muss auf Verkehrsschilder, Werbetafeln und dergleichen mehr geachtet werden.

An diesen Raum schließen die Videothek mit ihrer Auswahl von Filmen zum Thema und die Spielothek an; besonders bemerkenswert ist das Bankower Stagnationsmemory von Manfred Butzmann.

Im Hauptraum der Ausstellung ist die Präsentation von Stadtchronologien, vergleichenden Statistiken und anderem Material zu den einzelnen Städten auf eindrucksvolle und informative Art und Weise gelungen.

Die Statistiken skizzieren wirtschaftliche, politische und kulturelle Prozesse, die im vergangenen Jahrhundert soziale und urbane Strukturen in den untersuchten Stadtregionen geprägt haben.

Die Stadtchronologien machen unterschiedliche Ursachen für die Schrumpfung der Städte Detroit, Manchester/Liverpool, Ivanova/Yuzha und Halle/Leipzig deutlich:DETROIT

Die Stadt Detroit galt in der 1. Hälfte des vorigen Jahrhunderts als eine der am schnellsten wachsenden Städte Amerikas. Ursache für diese positive Entwicklung war die florierende Automobilindustrie mit ihren für damalige Verhältnisse hohen Industriearbeiterlöhnen.

1953 erreichte die Stadt ihre höchste Einwohnerzahl und begann daraufhin zu schrumpfen. Die Hauptursache dafür scheint der Rassismus zu sein, denn in den fünfziger und sechziger Jahren zogen vor allem Afroamerikaner nach Detroit in der Hoffnung auf Arbeit und Gleichstellung. Die weiße Bevölkerungsschicht setzte sich jedoch in die Vorstädte ab. Dieser Trend wurde durch Errichten erster suburbaner Shopping-Malls, und durch Einstellung des Straßenbahnverkehrs mit gleichzeitigem Ausbau des Straßennetzes Detroits, der in erster Linie durch staatliche Mittel finanziert wurde, begünstigt. Weiters kam es zum Abbau von Arbeitsplätzen und ihrer Verlagerung in die Vorstädte.

Afroamerikaner konnten den Arbeitsplätzen nicht folgen und der Wohnraum im Norden der Stadt, am Rand also, wurde nach rassistischen Kriterien vergeben.

Dies ist der Beginn der Segregation und der damit verbundenen Suburbanisierung in Detroit, die eine rapide Schrumpfung, Verarmung und Verslumung der Stadt zur Folge hat.

Während 1950 in Detroit noch 1.849.568 Einwohner gezählt wurden, waren es 2003 nur noch 921.758, ein Bevölkerungsverlust von 50,2%. Dagegen gewannen die umliegenden Counties im selben Zeitrahmen 171.3 % dazu.

Im Jahr 2000 betrug die Arbeitslosigkeit in der Stadt 13,8%, in den Vorstädten 4,2%, das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Kopf betrug 1999 in Detroit etwa die Hälfte des üblichen Einkommens der umliegenden Counties.

Im selben Jahr lebten in Detroit 26,1 % der Menschen unter der Armutsgrenze, in den Vorstädten dagegen nur 6,2%.

Um die steigende Segregation in der Stadt Detroit weiter zu verdeutlichen, sei noch erwähnt, dass der Anteil der Afroamerikaner in der Stadt Detroit von zwischen 1950 und 2000 von 16% auf 81 % stieg. In den Vorstädten leben dagegen 80 % Weiße.

147.000 Wohneinheiten in der Innenstadt wurden von 1950 bis 2000 abgerissen oder fielen einer Brandstiftung zum Opfer. Im gleichen Zeitraum entstand etwa eine Million neuer Häuser in den Vorstädten. Entsprechend stehen viele Wohnhäuser, zahlreiche Kaufhäuser, Büros und Kinos leer. Versuche einer Reurbanisierung durch Investition in meist gängige marktorienterte Stadtentwicklungsmodelle blieben bisher erfolglos. Die Bewohner der Innenstadt entwickelten aber eine eigene Kultur und verschiedene Initiativen und beleben damit den vom Verfall gekennzeichneten Teil Detroits.

Eines der bekanntesten Projekte ist wohl das Heidelberg Projekt von Tyree Guyton. Seit 1986 verwandelt der Künstler verlassene Häuser in gigantische Kunstwerke. Kühlerhauben, Reifen, Puppen und andere Fundstücke verändern das Gesicht, also die Fassade der verlassen Häuser in der Heidelberg Street. Tyree Guyton selbst wuchs in dieser Straße auf und erlebte deren Untergang. Immer mehr Familien zogen von hier weg, immer mehr Geschäfte wurden geschlossen. In das Viertel wurde kaum investiert, Verwahrlosung und Armut waren die Folge. Das Projekt des Künstlers Tyree Guyton arbeitet mit einer adaptiven und kreativen Wiederaneignung des städtischen Umfeldes.

Eine andere Art der Wiederaneignung der brachliegenden Teile der Innenstadt ist die sogenannte städtische Landwirtschaft, ein Phänomen, das sich in der Innenstadt Detroits entwickelt. Brachen werden für landwirtschaftliche Zwecke genutzt. Diese meist doch recht kleinen Gärten bilden ein Netzwerk mit gesellschaftlich-utopischem Charakter. Ihre Betreiber sehen sie als alternative Entwicklungschance für Detroit im Gegensatz zu Projekten von Developern und Stadtentwicklern, die durch den Bau von Gebäuden wie Casinos, Stadien und Shopping-Malls bisher erfolglose Versuche unternommen haben.

In der Ausstellung zeigen Ingo Vetters Photographien dieses erstaunliche Phänomen.

MANCHESTER UND LIVERPOOL

Ähnlich wie Detroit waren Manchester und Liverpool bis zur 1. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wachsende Städte. Beide symbolisierten im frühen 19. Jahrhundert den Beginn der Industrialisierung. Während Manchesters wirtschaftlicher Mittelpunkt der Handel vor allem mit Baumwollstoffen war, bildete Liverpool mit seinem Hafen das Logistikzentrum der regionalen Baumwollverarbeitung.

Mit dem Zusammenbruch der Textilindustrie, verursacht durch die Emanzipation der Kolonialländer, die die Hauptabnehmer britischer Produkte waren, und verstärkt durch die Weltwirtschaftskrise, erlitten Manchester und Liverpool einen ungeheuren Niedergang.

Die Containerrevolution 1966-1972 verursachte eine tiefe Krise in der Transportindustrie und 1968 wurde der Baumwollhandel an der Royal Cotton Exchange gänzlich eingestellt. Dies markiert das Ende der Baumwollindustrie in der Region und bedeutete gleichzeitig das Ende der Funktion der Städte als Textilhandels- und Umschlagzentrum.

Zu dieser Zeit machte sich auch ein Wandel in der Wohnungspolitik bemerkbar. 1954-1976 wurden durch den Manchester City Council 91.000 verfallene Wohnungen in der Innenstadt abgerissen und 71.000 neue Council Houses gebaut, davon etwa die Hälfte außerhalb der Stadt. Ungefähr zur selben Zeit entstanden in Liverpool im Zuge der „slum clearance“ zahlreiche Siedlungen am Stadtrand und in den so genannten New Towns.

Die extreme Deindustrialisierung und die damit zusammenhängende Suburbanisierung haben wachsende Armut, Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsverlust zur Folge.

1931-2002 verlor Manchester 44,9 % seiner Bevölkerung, Liverpool 48,5 %. 2000 lag der Anteil der Empfänger von Sozialleistungen in den Städten Manchester und Liverpool je über 18%. 2001 lagen ca. 500 Hektar des Liverpooler Stadtgebiets brach oder waren mit leer stehenden Häusern besetzt und 1956 bis 1976 baute die Stadt Manchester 43% der Wohnbauten außerhalb der Stadtgrenzen. Seit den späten 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts scheint sich eine positive Entwicklung in den beiden Städten abzuzeichnen. Denn seit dieser Zeit, nach dem dritten Wahlsieg Thatchers, begann man in Manchester in Zusammenarbeit mit der Regierung eine Erneuerungspolitik. Der Zentralbahnhof wurde um- und die Docklands ausgebaut. 1998 verzeichnet die Innenstadt wieder einen Bevölkerungsanstieg.

In Liverpool wurde diese positive Entwicklung durch eine politische Opposition gehemmt, mit der Folge, dass Manchester die Krise schneller meisterte als Liverpool.

Polarisierung kennzeichnet jedoch nach wie vor beide Städte und auch die gesamte Region. So gibt es nun direkt neben ausgezeichneten neu strukturierten Innenstadtbereichen auch solche größter Armut.

Der Beitrag Boot Rules von Kathrin Böhm und Andreas Lang veranschaulicht auf informative und ironische Art, nach welchen Verhaltensregeln die Siedlung Boot in Norris Green sukzessive abgerissen und an private Bauherren verkauft wird. Es haben sich hier regelrechte Rituale und stringente Vorgangsweisen entwickelt. Das Projekt macht den erschreckenden Zustand der Siedlung in ihrem Zerfall und in ihrer gleichzeitigen Demontage deutlich.

Interessant ist auch der Beitrag "Cotton Mills Revisited" von John Davies. Zwischen 1982 und 1986 fotografierte er Fabriken der niedergehenden Baumwoll- und Textilindustrie in Nordwestengland. 2003 suchte John Davies die selben Orte wieder auf und fotografierte sie vom selben Blickwinkel aus. In der Ausstellung sind die Fotografien als Bildpaare präsentiert. Sie zeigen den Wandel einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft.

IVANOVA

Ivanova ist mit seinen 448.000 Einwohnern Hauptstadt der gleichnamigen Region und liegt 300 Kilometer nordöstlich von Moskau.

Mit der Gründung von Ivanovo – Voznesenk 1871 entwickelte sich das traditionell ländliche Textilmanufakturgebiet Vladimir zum Zentrum russischer Textilindustrie.

Auch politisch spielte Ivanova bis zur Auflösung der UdSSR 1991 eine wichtige Rolle. 1898 trat hier das erste Parteikomitee zusammen, 1905 kam es in Ivanova zum Generalstreik der Textilarbeiter. Die daraufhin entstehenden Organisationsformen des Sowjets wurden zur formalen Basis der sowjetischen Verfassung. 1917/18 kam es zur Neugründung des Soldaten- und Arbeiterrats und zur Verstaatlichung erster Fabriken. Lenin bezeichnete Ivanova wegen seiner entscheidenden Rolle in der Revolution als „dritte proletarische Hauptstadt“.

Zu dieser Zeit lebte die Mehrheit der Bevölkerung von Ivanova in traditionellen Holzblockhütten. Während des Bürgerkriegs und der wirtschaftlichen Umstellung gab es kaum Arbeit und die Bevölkerung Ivanovas sank um die Hälfte. Erst 1925 waren alle Fabriken wieder in Betrieb. Die Einwohnerzahl Ivanovas begann wieder zu wachsen, erste Arbeitersiedlungen im Gartenstadtprinzip, viele öffentliche Gebäude und Wohnhäuser entstanden. Durch staatliche Investition in die Schwerindustrie wurden immer mehr Männer von Ivanova abgezogen und die Textilindustrie zunehmend von Frauen besetzt. 1946 arbeiteten schließlich 80 % Frauen in der Textilindustrie. In den 1970er Jahren kam es zum wirtschaftlichen Höhepunkt in der Region Ivanova. Die Einwohnerzahl stieg bis ca. 1990 weiterhin an. Es wurden massenweise Wohnhäuser in Plattenbauweise errichtet.

Die Auflösung der UdSSR 1991 und der damit beginnende Postsozialismus in Russland bedeutete gleichzeitig die Auflösung der russischen Planwirtschaft und das Ende des sowjetischen Wirtschaftsraums. Die Produktion stand still und Lohnzahlungen blieben aus. Gutscheine für den Erwerb von Eigentum an Fabriken und Wohnraum wurden ausgegeben. Um der Versorgung mit Nahrungsmitteln Herr zu werden, wurden Gartengrundstücke aus Kolchosland zur Selbstversorgung verteilt. Es kam zur Schließung vieler Textilfabriken. Diese Entwicklung hat Arbeitslosigkeit - die Region verzeichnet 1995-1999 die höchste Arbeitslosenzahl Russlands - und Armut zur Folge.

Die Einwohnerzahl ist seit 1990 um 6,8 % gesunken. Die Zahl der Geburten geht zurück, auf drei Sterbefälle kommt im Gebiet Ivanova eine Geburt, und die Lebenserwartung liegt bei 62,7 Jahren und ist damit am niedrigsten in ganz Zentralrussland.

Wie die Bevölkerung in der Region Ivanova auf diese Entwicklung reagiert, wird mit dem Projekt Survival Manual von Savva Miturich, Sergei Miturich, Alexander Sverdlof und Boris Spiridonov sehr schön kontextualisiert. In diesem Überlebenshandbuch werden Strategien gezeigt, die ein Überleben und Leben in der von Krisen geschüttelten Region möglich macht. Dazu gehören neben Eigenanbau auch Fischen, Sammeln von Beeren und Pilzen, Vermietung und Untervermietung von Wohnungen in teureren Regionen und die Herstellung einfacher Werkzeuge.

Ähnliches vermittelt Vladimir Archipov mit seinem Beitrag Aus dem Alltag geboren – Gebrauchsgegenstände aus dem Gebiet Ivanova. Für dieses Projekt sammelte der Künstler selbst gefertigte Alltagsgegenstände, die aus Mangel an Verfügbarkeit und aus finanzieller Notwendigkeit entstanden sind.

Beide Projekte zeigen eine interessante gesellschaftliche Entwicklung: An Stelle von Planwirtschaft steht nun Eigeninitiative, an Stelle politisch organisierter Gesellschaft und Kultur tritt nun Individualisierung.

LEIPZIG UND HALLE

Die beiden deutschen Städte Leipzig und Halle, die im Zuge der Ausstellung untersucht wurden, liegen in einer Region, die von Industrie, vor allem von Chemieindustrie, und Braunkohleförderung geprägt war.

In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg entstanden hier neben anderen Betrieben die Agfafabrik in Wolfen, das Ammoniakwerk Merseburg der BAFS und die Leuna Werke. In Leipzig lag der Schwerpunkt in den Bereichen Maschinenbau und Leichtindustrie, sowie im Buchdruck, Buchhandel und der Messe.

Mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 diente die Industrieproduktion der Region in erster Linie der Aufrüstung. Die Chemieproduktion, der Braunkohleabbau und die Braunkohleverarbeitung wurden angekurbelt. Vermehrt arbeiteten ZwangsarbeiterInnen und KZ-Häftlinge in den Fabriken und Braunkohlewerken. 1945 befreiten US-Truppen die Region, im Juni des selben Jahres kam es zur Übernahme durch die sowjetische Armee. In weiterer Folge wurden sämtlicher Betriebe verstaatlicht, die chemische Produktion und die Schwerindustrie angekurbelt.

In den 1960er und 1970er Jahren kam es zu einer regen Bautätigkeit in den Städten. Im sowjetischen Stile wurden in dieser Zeit Großwohnsiedlungen wie Grünau in Leipzig, Wolfen Nord und Silberhöhe in Halle errichtet.

1970-1989 verschlechterten sich die Sicherheits-, Arbeits- und Umweltbedingungen in den Chemiebetrieben und in der Region insgesamt. Die Unzufriedenheit mit dieser Entwicklung wurde von der Bevölkerung immer deutlicher zum Ausdruck gebracht, und mit den so genannten Montagsdemonstrationen wurde 1998 ein entscheidender Impuls für die Wende in der DDR eingeleitet.

Nach 1998 wurden einige staatliche Betriebe privatisiert, andere eingestellt und geschlossen. Große Industriebrachen entstanden, eine hohe Arbeitslosigkeit ist die Folge dieser Entwicklung. Während sich durch massive Abwanderung der Bevölkerung der Leerstand in Altbau- und Plattenbaugebieten nun verstärkt, ist die Bautätigkeit durch extreme Suburbanisierung geprägt. Entlang der Autobahnen zwischen Leipzig und Halle bildet sich eine suburbane Einkaufslandschaft, um Leipzig herum entstehen geförderte suburbane Wohngebiete. Leipzig in seinen alten Grenzen verliert durch diese Entwicklung zwischen 1990 und 2000 etwa 100.000 Einwohner. Erst durch die Eingemeindung von 27 Umlandkommunen steigt die Bevölkerungszahl wieder an.

Noch extremer ist das Schwinden der Bevölkerung in den kleineren Städten dieser Region. Durch den massiven Geburten- und Bevölkerungsrückgang in Halle und Wolfen, durch die Abwanderung in das Umland und nach Westdeutschland dezimiert sich die Einwohnerzahl in der Stadt Halle um 26%, in Wolfen sogar um 40,5%.

Insgesamt verliert Ostdeutschland durch seine sowohl räumlich als auch wirtschaftlich periphere Lage, zwischen 1989 und 2000 eine Million Einwohner allein durch Abwanderung in die alten Bundesländer. Es ist bis heute nicht gelungen, eine wirklich ausgewogene, proportionale Wirtschaftsstruktur herzustellen. Diese extreme Peripherisierung der Neuen Bundesländer kann durchaus als eine wichtige Ursache für die Schrumpfung der Städte im ehemaligen Osten angesehen werden.

Das Projekt Orbit Palast - Indizien für Typen und Räume freigesetzter Zeit von nico.31 mit Nils Ende beschäftigt sich mit der Arbeitslosigkeit und erzählt eindringlich vom Umgang mit Zeit, wenn Arbeit Luxus und Freizeit zu etwas beinahe Lästigem geworden ist. Es werden Personen aufgespürt, die teils sehr spezielle Strategien und Aktivitäten entwickelt haben, sich zu beschäftigen, die Zeit zu organisieren oder zu ver-planen.

Heute leben in der Plattenbausiedlung Wolfen–Nord überdurchschnittlich viele Rentner und Arbeitspendler, denn seit 1998 ist dieser Teil der Stadt durch zunehmende Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägt. Das Projekt Wolfen Nord. Teil 1: Ich bleibe hier, hier kenne ich mich aus, Teil 2: bevor ich stempeln gehe, fahre ich lieber raus von Laura Horelli und Kathrin Wildner geht mittels Interviews der Frage nach, welche identitätsstiftenden Momente für die hier verbleibenden BewohnerInnen von Belang sind und welche Bedeutung ein „Zuhause“ in der Transitsituation der Arbeitspendler hat.

Der in diesem Projekt beschriebene demographische Wandel, das heißt die Überalterung, aber auch der Geburtenrückgang und Bevölkerungsverlust an suburbane Zonen, die Deindustrialisierung, Suburbanisierung und Polarisierung auf nationaler, regionaler und städtischer Ebene ist allen untersuchten schrumpfenden Städten mehr oder weniger gemein. Die Phänomene werden in der Ausstellung durch vergleichende Statistiken sehr gut dargestellt.Am Ende des Hauptraums hängt eine große Weltkarte, in der alle ermittelten schrumpfenden Städte der Welt eingetragen sind.

Graz ist auch darunter.AUSSTELLUNG 1

"Schrumpfende Städte"

Von 4. September bis 7. November 2004

KW Institute for Contemporary Art

Auguststraße 69, 10117 Berlin

Di bis So 12:00 -19:00 Uhr, Do bis 21:00 Uhr, Mo geschlossen

AUSSTELLUNGSKATALOG

"Schrumpfende Städte. Band 1: Internationale Untersuchung"

hg. von Philipp Oswalt im Auftrag der Kulturstiftung des Bundes

Verlag Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit.

Preis: 22 Euro in der Ausstellung, 32 Euro im Buchhandel

Verfasser/in:
Elisabeth Krammer (und GAT)

Weiterführende Links

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Geschäftszeile in Shuja (RU)
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Markt in Shuja (RU)
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Halle (D) - Neustadt
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Wolfen - Nord (D)

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