„Sense of Architecture“ bei der Berlinale 2009. Eine Ruhepause.
Filmfestspiele überleben ohne nachhaltige Schäden nur Menschen, die hart zu sich selbst sein können. Durchschnittlich acht bis zehn Stunden im Kino zu sitzen, fordert ständige Aufmerksamkeit, Ausdauer und Übersicht. Es herrscht strengstes Schlafverbot und dem Körper wird die Bereitschaft abverlangt, statt den Magen mit Essen die Augen mit Bildern zu füllen. Tageslicht wird nur in den kurzen Pausen zwischen den Filmen kurz wahrgenommen, dann saugt die nächste Dunkelkammer den Protagonisten wieder an. Hasten, Drängen und im Kinosessel schnell noch ein paar Notizen gemacht, bevor die Saalbeleuchtung wieder wegdämmert. Denn im Kopf kämpft nach ein paar Tagen Festivalbetrieb die Macht des Vergessens mit der Kraft der Verwechslung.
Eben noch im neuen Film von Tom Twyker über böse Banken, die einem nicht nur ans Geld, sondern auch ans Leben wollen, dann das argentinische Frauenroadmovie, bevor die Yes-Men die Welt retten und Murnbergers Knochenmann den Gusto auf Gulasch ein für alle Mal vertreibt. War die Szene mit dem vergessenen Baby im Wettbüro nun im Hongkongthriller oder im koreanischen Krimi? Spielte der Plot vom schneeblinden Schiliftwart, der sich in Schnaps getränkte Tampons an den Kopf klebt, in Finnland oder in Norwegen? Und wie hieß der französische Film, in dem ein irakischer Immigrant durch den Ärmelkanal schwimmen will, schnell noch mal?
Im ständigen Zeitraffer mit 24 Bildern in der Sekunde durch die Welt zu rasen, während Schnittstakkatos und Dauersoundtracks zusätzlich auf einen eintrommeln, da schreit das zum Bersten angerammelte Aufnahmevermögen laut: „Cut!“
Also Szenenwechsel. Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, im Cafe Sarah Wiener, Innen, Mittagszeit. (07.02.2009, Anm.)
Heinz Emigholz und sein „Sense of Architecture“: Knappe 170 Minuten fast nur Standbilder von zweiundvierzig architektonischen Gebilden. Ohne Schwenks, ohne Fahrten, ohne Musik. Praktisch menschenleere Bilder von Objekten. Action nur sporadisch, Höhepunkte? Blätter im Wind, ein Pfau, der sein Spiegelbild attackiert, ein vorbeifließender Bach.
Kann man das aushalten? Man kann. Es erholt das Auge vom optischen Dauerbeschuss, lässt einen zurücklehnen. Selten wirkt Architektur so sanft wie bei dieser dezidiert subjektiven Schau der Baubreite in der Steiermark oder von steirischen Architekten außerhalb.
Wir haben uns daran gewöhnt, dass immer nur die Besten interessant sind, nur das noch jungfräulich Unbewohnte abbildenswert ist, nur das Styling zählt. Emigholz ist das schlicht und ergreifend wurscht. Baustellen stehen da noch nackt im Beton, Innenräume werden ohne vorherige Putzaktionen im Alltag gezeigt, nichts ist drapiert. Stattdessen liegen schon einmal Hausschlapfen ungeordnet vor einer Terrassentür oder das gebrauchte Geschirr steht noch am Tisch. Selbst eine Ikone wie Domenigs Steinhaus am Ossiacher See wird fast düster präsentiert, das Wetter halt.
Auf künstliche Ausleuchtung wird ebenso verzichtet wie auf extra angefertigten Ton. Dafür gibt es die Originalgeräusche zum jeweiligen Moment der Aufnahme. Vogelgezwitscher, Straßenlärm, Menschenstimmen von irgendwoher, Blätterrascheln oder Rasensprenger formen so den natürlichen Soundtrack.
Auch die filmischen Grundregeln werden ausgehoben. Schräge Kamerapositionen dominieren dieses Fotodrama, der goldene Schnitt wird ins Off gekickt. Kurze Schnittfolgen treffen auf lang gedehnte Einstellungen und dann wird klar: die Bauarbeiterjacke ganz hinten am Geländer, das ist Spannung.
Emigholz und seine Zeit fürs Zeithaben, das muss eine gute Freundschaft sein. So kann der Zuschauer in aller Ruhe in seinem Kopf einen zweiten Film der ungesehenen Bilder für sich alleine produzieren. Ein Filmbuch also in seiner ursprünglichsten Bedeutung, das ist eine Seltenheit und liefert daher umso mehr Grund, sich daran zu erfreuen.
„Stationen eines fiktiven Lebens“, so bezeichnet Emigholz selbst die Montage von „Sense of Architecture“, die mit einem Kindergarten beginnt und einem Urnenhain endet. Jetzt könnte man natürlich eingehend den intellektuellen Hintergrund dazu beleuchten, aber das wäre eigentlich schade. Gute Poesie entsteht immer vor ihrer Theorie dazu.
SENSE OF ARCHITECTURE
Architectural Structures filmed by Heinz Emigholz
Deutschland/Österreich 2005–09, 168 Minuten,
Regie: Heinz Emigholz
Verantwortlich für die Organisation der Aufführung von „Sense of Architecture" bei der Berlinale 09 und die Podiumsdiskussion mit Buchpräsentation im Anschluss daran zeichnete ARTIMAGE CONTEMPORARY informe; KONTAKT: artimage@artimage.at
- Verfasser/in:
- Emil Gruber, Kommentar
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