Schinken, beinhart

Die regionale08 im Vulkanland ist aus, doch das Festival geht weiter. Nur wie?

18/09/2008

Ich habe mich in eine Plakatwand verliebt. Sie steht in Rohr an der Raab, kurz vor Feldbach, wenn man von der Autobahn kommt. Sie steht dort mitten in einem Kukuruzacker, und über den Sommer war sie eigentlich nicht zu sehen, so hoch stand der Mais, der hier gepflanzt wird, um die Stelzen und Bäuche der 300.000 Schweine der Gegend, des „Vulkanlandes“, ordentlich anschwellen zu lassen. Affichiert ist auf der Wand eines der Plakate, die eigentlich Werbung für die regionale08 machen sollten. Es zeigt die Furchen eines frisch gepflügten Ackers, in elegant-dezentem Schwarz-Weiß aufgenommen. Ich mag dieses Plakat, weil es dem monokulturellen Sterzwuchs der oststeirischen Natur eine trotzige Ästhetik der Schlichtheit entgegenstellt. Und ich mag es, weil es – ganz anders als das grelle Werbeplakat für das traditionelle „Schinkenfest“ im August, das an derselben Straße gut sichtbar auf einem Hügel aufgestellt war – seine eigentliche Funktion so gar nicht erfüllt. Ganz Keuschheit der Kunst.

Auch die regionale, das steirische Kulturfestival, dessen erste Ausgabe letzte Woche unter dem Motto „Diwan – Grenzen und Kongruenzen“ zu Ende ging, hat sich den Menschen nicht aufgedrängt, hat nicht um ihren Massenbesuch, ihren kulinarischen Konsum gebuhlt. Mag sein, dass das nicht beabsichtigt war, mag sein, dass die von den Gestaltern gewählte Schlichtheit der Werbemittel mehr aus einer oberflächlichen Designverliebtheit rührte denn aus einer ironischen Verweigerungshaltung. Ganz unsympathisch war sie jedenfalls nicht.

Kein Wunder also, dass sich die Massen gerade nicht drängten, dass in entlegeneren Ausstellungen – in Schloss Kalsdorf oder im Gerberhaus in Fehring – an schwachen Tagen gähnende Leere herrschte, dass auch einige der 130 Veranstaltungen unter Besuchermangel litten. Zu den Gesamtbesucherzahlen sagt Gerolf Wicher, der gemeinsam mit dem Designer Ali Kada für die Produktionsleitung verantwortlich zeichnete, dass man in zehn Wochen an 32 Veranstaltungsorten ein mit dem steirischen herbst vergleichbares Ergebnis erzielt habe. Der hat im Vorjahr mit einem Budget von drei Millionen Euro 44.000 Menschen in Graz angezogen – die regionale08 hatte vier Millionen zur Verfügung. Zum Vergleich: Das zweitägige Schinkenfest, ein fresskulturelles Hochamt für den lokal produzierten „Vulcano“-Schinken, hat heuer 10.000 Vulkanier nach Auersbach gelockt.

Aber an schnöden Zahlen wollte sich die regionale ohnehin nie messen. Kulturlandesrat Kurt Flecker (SPÖ), dem es zu verdanken ist, dass sich das Land vom überholten Konzept der Landesausstellungen verabschiedete und sich mit einem biennalen Kultur- und Kunstfestival auf Neuland wagte, hatte zum Auftakt gesagt, das Urteil über Erfolg oder Misserfolg werde man am Ende wohl aufgrund „subjektiver Befindlichkeiten“ fällen müssen. Aber was wollte die regionale08 eigentlich, ganz objektiv? Sie wollte jedenfalls zu viel: einen Diskurs über die Konstruktion des Orientbildes in Europa führen, das Bewusstsein für die Sorgen der ausländischen Bevölkerung in Feldbach schärfen, zeitgenössische Kunst niederschwellig und zugleich in Würde vermitteln, regionales Kunstschaffen sichtbar machen. Und – das war vor allem die Intention des künstlerischen Leiters Dieter Spath – eine neue, zeitgemäße Lesart für die „rurbane“ Riesenregion des Vulkanlandes anbieten, deren Deutungshoheit bisher in den Händen weniger Kommunalpolitiker und Tourismusgenussmanager lag.

Vorbildliche Projekte bot die regionale für jeden dieser Punkte. Aber kaum eines, das diese Punkte zu einer durchgehenden Linie verbunden hätte. Die zentrale “Diwan“-Schau über den Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall in Schloss Hainfeld geriet zur Besten aller Landesausstellungen – das soll sie gar nicht abwerten – und wurde als solche auch intensiv besucht. Mit „Hosted“ in Leitersdorf hat Mario Höber vorgeführt, wie sich Interesse für zeitgenössische Kunst und deren Distinktionspotenziale auch bei Menschen wecken lässt, die sich sonst nicht einmal einen Warhol-Poster kaufen würden. Die Tabakhütte in Ilz, die nun doch nicht abgerissen wird, die ISOP-Beratungsstelle oder die literarische „Spurenlese“ in Gosdorf, die auch nach Festivalende weitergeführt werden sollen – lauter glückliche Punktlandungen.

Diese Taktik der Nadelstiche, dieser Interventionspointilismus hat aber eines vorerst nicht erreicht: Wer das Wort Vulkanland hört, wird auch künftig eher an echte Stelzen als an Buchschwarten oder Ölschinken denken. Dieter Spath ist daher auch „extrem sauer“, weil man das schon hätte besser hinkriegen können. Wenn die Bürgermeister auch über die Gemeindegrenzen engagierter am „Bauen der Region“ mitgewirkt hätten, wenn seine Idee, alle Silos und Trafos der Region zu „branden“, umgesetzt worden wäre, wenn „der Blick von außen“, auch seiner, überhaupt ernster genommen worden wäre. Das aber hat die Struktur der regionale verhindert. Und hier muss auch dringend weitergedacht werden. Darüber, ob der Wettbewerbsmodus – die Regionen bewerben sich selbst für das Festival – wirklich schlau ist, darüber, ob der künstlerische Leiter nicht doch stärker durchgreifen können müsste. Aber auch über „Details“: Überregional wurde das Festival kaum wahrgenommen, die Nazi-Vergangenheit von Schloss Hainfeld fand nicht einmal in einer Fußnote Erwähnung, die Bus-Shuttles vor Ort wurden wenig genutzt, viele Formatleiter klagten über zu geringe Unterstützung durch das Produktionsteam.

Insgesamt aber entpuppte sich die erste regionale nicht nur als Test-, sondern auch als Glücksfall. Als tolles Testival, das jetzt für 2010 dringend zu optimieren ist. Ganz nach dem Motto „Innovation durch Irrtum“, das Michael Zinganel und die Schauspieler des Theaters im Bahnhof in „Heiße Luft“, ihrer aberwitzigen regionale- und Tourismus-Paraphrase in Bad Gleichenberg, mit Nudeln auslegten. Was nicht passieren darf, in „Heiße Luft“ aber am Ende steht: Der Formatleiter Zinganel ruft zu einem letzten Round Table über die Frage „Was bleibt?“. Nur sind die Teilnehmer leider längst abgereist.

Der Falter erscheint wöchentlich jeweils mittwochs.

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Die erste Ausgabe des neue steirischen Kulturfestivals regionale endete am 13.09.2008. Das regionale08-Team und Vertreter einzelner Formate zogen am 17.09. vor versammelter Presse am Gelände der Meienfabrik Bilanz. Laut Angaben der Veranstalter haben mehr

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