Man glaubt es kaum, wenn man durch die Herrengasse geht: Die Sanierung der Fußgängerzone ist endlich abgeschlossen und schon gibt es eine neue Baustelle. Der vor kurzem fertiggestellte Asphaltstreifen zwischen den Gleisen wird gerade abgebrochen und durch Kleinsteinpflaster aus Granit ersetzt – und das in atemberaubendem Tempo. Wäre nur die Hauptbaustelle auch so schnell über die Bühne gegangen!
Was ist hier passiert? Hat die Baufirma das falsche Material verwendet und muss diesen Fehler nun auf eigene Kosten reparieren? Nein! Der Herrn Bürgermeister konnte einfach am Asphalt keinen Gefallen finden (lt. Auskunft von GRin Sigi Binder). Die schöneren Granitpflastersteine haben es ihm angetan. So wird auf Anweisung von Nagl derzeit der kostengünstige Belag entfernt und durch Granitsteine ersetzt. Die Verantwortlichen der Stadt Graz entschieden sich seinerzeit bewusst für die kostengünstigere Variante mit Asphalt. Diese hatte zudem den Vorteil, dass die Straßenbahngleise sehr deutlich zu sehen waren und damit die Aufmerksamkeit der FußgängerInnen auf die Gefahrenquelle Bim gelenkt wurde.
Angesichts der angeblich leeren Stadtkasse fragt man sich, woher das Geld für die Pflastersteine inklusive Abbrechen und Entsorgen des Asphalts kommt? Dürfen PolitikerInnen nach ihrem persönlichen Geschmack die Stadt unter Verwendung öffentlicher Gelder umgestalten oder von ihnen bevorzugte „kosmetische Maßnahmen“ anordnen?
Nein, außer es regiert ein Sonnenkönig.
Da Graz besonders sparsam haushalten sollte, wären viele Anliegen dringlicher zu behandeln als die Laune des Herrn Bürgermeisters. So befinden sich sämtliche Fußgängerzonen in desolatem Zustand, das tägliche (umweltschonende) Radfahren oder Gehen zur Arbeit wird zum riskanten Unterfangen. Im Bezirk Gries musste die Bevölkerung sieben Jahre auf einen Trinkbrunnen für den Johannespark warten; für dringend notwendige Schulerweiterungen (Dachbodenausbau der Fröbelschule und der Keplerschule) im Bezirk Lend wurde das Budget im Gemeinderat bis heute nicht beschlossen. Der Bezirk Lend hat alarmierend wenige Parkflächen, Spielplätze und öffentliche Sporteinrichtungen. Es gibt kein Geld, Flächen anzukaufen oder anzumieten. Würde man eine Prioritätenreihung vornehmen, läge die kosmetische Operation in der Herrengasse wohl an letzter Stelle.
Vizebürgermeisterin Lisa Rücker weist auf Nachfrage von GAT dezidiert darauf hin, dass sie sich vehement und lange gegen diese Verschönerungsmaßnahme gewehrt habe. Leider ohne Erfolg. Die gewünschte Änderung sei aus dem Budgettopf des Bürgermeisters finanziert worden und benötige daher keinen Gemeinderatsbeschluss. Bürgermeister Nagl ist den GrazerInnen jedenfalls eine Erklärung schuldig! (el)
- Verfasser/in:
- Redaktion GAT Graz Architektur Täglich




