Der erste Termin der "Mondays“-Vortragsreihe der Grazer Architekturfakultät im neuen Jahr widmete sich den städtebaulichen Folgen des Bosnienkrieges in Sarajevo. Die Architektin und Stadtplanerin Aida Daidžić (*) war auf Einladung des Instituts für Städtebau, das in seinen Aktivitäten seit Jahren einen Ost- und Südosteuropa-Schwerpunkt setzt, nach Graz gekommen. Bereits 1996, kurz nach Kriegsende, hat die Grazer Architekturfakultät als erste in Westeuropa Kontakt mit den KollegInnen im schwer beschädigten Sarajevo aufgenommen und einen gemeinsamen Workshop organisiert. Aida Daidžić hat in den 70er- und 80er-Jahren in Sarajevo und Zagreb sowie in Darmstadt studiert, von wo sie kurz nach dem Ende der Belagerung nach Sarajevo zurückkehrte.
Die Architektin präsentierte zunächst die topographische Spezifität der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt, die sich in einem Talbecken entlang des Miljacka-Flusses ausbreitet, umgeben von Bergen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem beliebten Wintersportgebiet entwickelten und 1984 den Rahmen für die Olympischen Winterspiele bildeten. Wie „Perlen“, so Daidžić, reihen sich nach Westen hin die Epochen der Stadtentwicklung aneinander: Der Stadtkern aus osmanischer Zeit mit dem Baščaršija-„Supermarkt“ im Zentrum und fünf sich die Hänge hinaufziehenden Mahalas, Wohnviertel mit jeweils eigener Infrastruktur (Moschee, Friedhof, Bäckerei, öffentlicher Brunnen etc.). Daran anschließend – die städtebauliche Naht ist noch heute eindeutig ablesbar – der nach 1878 in der k.u.k.-Monarchie errichtete Stadtteil. Hier wurden die Straßenzüge der osmanischen Stadt weitergeführt und fielen dann auch dementsprechend eng aus. Im Westen schließen in sukzessiven Bauabschnitten die Stadtzonen der kommunistischen Zeit an: der 1950er-, 60er, 70er- und 80er-Jahre, in denen Sarajevo eine Vorbildwirkung für Osteuropa einnahm. Der 1960 entwickelte moderne urbanistische Generalplan war der erste dieser Art in Jugoslawien. Longitudinalstraßen wurden angelegt, die in nahezu regelmäßigen Abständen Querstraßen kreuzten.
Die mehr als dreijährige Belagerung (1992-1995), die Granateneinschläge und Angriffe der Heckenschützen haben eine schwer geschädigte, traumatisierte Bevölkerung zurückgelassen. Die Wirtschaft war komplett zum Erliegen gekommen, in den Parks wurde Salat angebaut, eine Luftbrücke musste Hunderttausende Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen. Alle öffentlichen Gebäude wurden zerstört, besonders in Erinnerung geblieben ist das Bild der Ruine der Nationalbibliothek, die sich im ehemaligen Rathaus aus der Habsburgerzeit befand. Heute leben etwa 300.000 Menschen im Großraum Sarajevo.
Obwohl Aida Daidžić bereits unmittelbar nach Kriegsende gemeinsam mit anderen KollegInnen zahlreiche Initiativen – Konferenzen, Ausstellungen, Petitionen – unternommen hat, habe die Nachkriegsdekade mit ihrer neoliberalen Entwicklung und internationalen Investorenprojekten eine Reihe von gravierenden städtebaulichen Veränderungen gebracht. Ein Hauptproblem sei das weit verbreitete Bauen ohne Genehmigung. Am Beispiel eines Hotels zeigte sie, wie durch sukzessive Erweiterungsbauten nach vollendeter Tatsache nachträgliche Genehmigungen erteilt werden, während das Grün in den Mahalas langsam verschwinde. Die Nachbarn wüssten über das illegale Bauen Bescheid, doch niemand wehre sich dagegen, da sich das soziale Verhalten durch die Traumatisierungen des Krieges verändert habe. Ein weiteres Problem sei die Unverhältnismäßigkeit der neuen Bauten in den westlichen Stadtteilen, wie sie am Beispiel eines malaysischen Hochhausprojektes zeigte, deren Planer kein Interesse für Wohnqualität (Besonnung etc.) hätten und das die alten Proportionen der sorgfältigen Stadtplanung sprenge.
Das Fazit der Architektin: Stadtplanung habe in Sarajevo als hierarchisches Regulierungsinstrument in den kommunistischen Zeiten gut funktioniert, in der Demokratie sei das aber viel schwieriger, ja die Stadtplanung habe hier völlig versagt. Wobei sie selbstkritisch anfügt, dass einer der Gründe dafür sei, dass Architekten und Städteplaner sich nicht laut genug artikuliert hätten und – vor allem – nicht die Sprache der Finanz und der Politik sprächen.NÄCHSTER TERMIN der Reihe mondays09:
26. Jänner 2009, 19.00 Uhr
"Zwischen-Raum" - Werkvortrag von Patricia Zacek
Veranstaltungsort:
TU Graz, HS I, Tiefparterre
Rechbauerstraße 12,
8010 Graz(*) BIOGRAFIE AIDA DAIDZIC
Praxis 1: Direktorin von ARCO, Büro für Architektur und Planung, Sarajevo - Wiesbaden
Praxis 2: Leiterin von URBforum – Bürgerforum für urbane Entwicklung
Praxis 3: Vorstandsmitglied von BISER International, Internationale Initiative für Frauen aus Bosnien & Herzegowina
Ausbildung:
1. 1974 - 1980 Diplom an der Fakultät für Architektur und Städtebau, Universität Sarajevo
2. 1984-1987 Universität Zagreb, Postdiplom Studium an der Fakultät für Architektur, Zagreb
3. 1988 - 1990 DAAD-Stipendium - Technische Universität Darmstadt, Fachbereich Architektur, FB 15 Städtebau
Auszeichnungen:
1. 2003 Jahrespreis des Collegium Artisticum für die beste Idee im Bereich der Architektur
2. 2002 „ML‘ Frau des Jahres 2002“, Mona Lisa, ZDF
3. 1999 Jahrespreis des Collegium Artisticum für die beste Architektonische Idee
4. 1991 Grand Prix des Collegium Artisticum (für Beitrag im Bereich der Architektur) und 15 Preise in Architekturwettbewerben
Veröffentlichungen:
1. „Projekt Neum - Idee für die Entwicklung der Gemeinde Neum und die Rekonstruktion der Hotels „Neum“ und „Sunčana obala“, Aida Daidžić und Namik Muftić, ISBN 9958-48-047-6
2. „Jedna kuća za Mostar - Ideja za niskoenergetski poslovni objekat (Mostar Building Design – Low tech business building concept)“, Aida Daidžić, ISBN 9958-48-048-4
3. Multimedial CD: „Džamija u Starom Ilijašu/Mosque in Stari Ilijaš“ (Moschee in Stari Ilijaš), Aida Daidžić und Namik Muftić, ISBN 9958-48-050-6
4. Multimedial CD: „Marijin Dvor - Vizija urbane rekonstrukcije“ (Marijin Dvor - Eine Vision der urbanen Rekonstruktion), Aida Daidžić und Namik Muftić, Ivan Štraus, ISBN 9958-48-049-4
und viele andere
- Verfasser/in:
- Antje Senarclens de Grancy, Bericht





