subjektiver-ist-stand
Mein Spaziergang durch die Stadt beginnt außerhalb am südlichen Rand, dem neuen Gewerbegebiet, ausgelagert vom Stadtkern schießen hier Shoppingcenter und Wohnblöcke wie Pilze aus dem Boden. Toll für die umliegenden Bewohner, die Geschäfte sind so nah, immer genügend Parkplätze, natürlich kostenlos für die glücklichen Käufer und die nicht so glücklichen Nichtkäufer. Ich nähere mich einem Verteilerkreis, endlich da - in Graz – einer Bilderbuchstadt. Links und rechts neben mir Autokolonnen, beeindruckend – es ist früher Nachmittag und die Fahrzeuge fahren ab hier im Schneckentempo kann man fast sagen in die City – auch Stadtkern genannt. Vor mir alle möglichen Verkehrszeichen, Hinweistafeln und Wegweiser – ich werfe den Blinker raus und – danke fürs nicht reinlassen – die freundliche und rücksichtsvolle Art der Grazer ist schon hier zu spüren also zwänge ich mich unverschämt zwischen zwei Autos nach links in die richtige Spur und fahre Richtung Zentrum. In freudiger Erwartung auf den tollen Altstadtkern fahre ich auf einer elendslangen Geraden stadteinwärts. Während der langsamen Fahrt und der vielen roten Ampeln sehe ich mir die Gegend an, neben der Straße ein Autohändler nach dem anderen, und dann frage ich mich, warum Graz eigentlich nicht Bordellhauptstadt wurde? Weiter geht’s, ich biege links ab um mir noch ein weiteres Viertel der Stadt anzusehen, bevor ich diese Seite des Murufers verlasse. Am Bahnhofgürtel spielt sich ja einiges ab, endlich Action – die Ampelregelung ist ausgefallen und nun regeln wir das selbst – nach dem Motto – Ich bin Erster! Außerdem habe ich es schließlich eilig in die Altstadt zu kommen! Ich komme immer näher ins Zentrum, noch immer schnurgerade Strassen, und Leute die ohne zu schauen über die Strasse rennen. Dieser Straßenzug erinnert mich an Chinatown – irgendwie das Asienviertel von Graz? Überall eigenartige Läden, mit Handtaschen, vollgestopften unattraktiven Auslagen und auch viele leerstehende Lokale. Und jedes dritte Lokal ist hier ein Kebap-Spezialitätenladen, mein Asienverdacht also falsch gewesen – eher Multikulti. Auf jeden Fall lohnt es sich nicht in dieser Strasse zu halten. Ich fahre weiter – nach der Brücke wird es endlich Zeit einen Parkplatz zu finden – alles blaue Zone, na super, wenigstens gibt es alle zehn Meter einen Parkscheinautomaten – braucht man nur mehr Münzen – sehr fortschrittlich! Während ich suche, denke ich mir, ob ich es heute riskiere ohne Parkschein zu stehen – den Gedanken hab ich gleich wieder verworfen – denn wenn man länger als 15 Minuten steht, ist die Chance sehr gering, ohne einen unfreiwilligen Parkzettel auszukommen! Parkplatz finden, leichter gesagt als getan, anscheinend gibt es heute wieder mal was gratis. Nach kurzer Zeit wird es mir zu dumm, ich schalte den Radio um auf meinen Lieblingssender Antenne – dort wird dann durchgesagt welche Citygarage heute gratis parken anbietet - ...........Kastner .............na super, da fahre ich hin, wieder Zeit und Nerven gespart und mitten im Zentrum! Nun spaziere ich zu Fuß weiter Richtung Hauptplatz – auf allen Seiten wunderschön dekorierte glänzende Auslagen – Schmuck, Kleidung, Backwaren. Langsam beginnt man zu träumen, sich zu entspannen und sich vom wunderbaren Flair dieser Stadt hinreißen zu lassen. Durch das rege Treiben in der Fußgängerzone dauert dieser Zustand leider nicht sehr lange an – man muss schon auch schauen wo man hinsteigt – und nicht nur fasziniert in die Auslagen starren. Dabei wird einem auch eine ziemlich düstere nicht so schöne Seite präsentiert – Bettler sitzen unmittelbar vor den schönen Auslagen, fast so als wollen sie dir etwas sagen, oder zumindest dir etwas ins Gewissen reden – und hoffen auf ein paar Euro, um sich ihren Lebensunterhalt zu „verdienen“ – ja, diesen Eindruck erwecken sie, man spricht von Armut – oder auch von organisierter Kriminalität. Ums Eck präsentiert sich der neu gestaltete, zumindest neu gepflasterte Platz – glatte dunkle Platten erstrecken sich über eine riesige Fläche, mit der man nicht wirklich etwas anzufangen weiß. Zumindest eine Gruppe von Aussteigern/gewollt oder nicht gewollten Asozialen/Obdachlosen/Arbeitsfaulen/Anderssein-wollenden oder wie auch immer man diese nennen möchte, stellen sich dort provokant zur Schau – und haben den Platz für sich erklärt. Darunter fallen natürlich auch die von den braven/stösi-mäßigen steuerzahlenden Bürgern finanzierten Wartehäuschen, und die mehr oder weniger schön aufgestellten Sitzbänke. Ich gehe vorbei, zumindest möchte ich das, ungestört – unmöglich, gleich kommt jemand mit einer Bierflache auf mich zu, und schnorrt um Geld – mein Zorn brennt im Magen, wie wärs mit arbeiten gehen? Schnell ist der Ärger wieder verschwunden, ich bin es schließlich schon gewohnt. Mir reichts für den heutigen Tag, nur nicht zu viel von der frischen Feinstaubluft, ich bewege mich wieder Richtung Tiefgarage – vorbei an einem wunderbar historischen Platz, über unwegsame Pflastersteine, wo man fast vor Augen hat, wie hier der Handel im Mittelalter vor sich ging. Wieder im Auto, die tolle Tiefgaragenrampe nach oben, fahre ich mit neuen/alten Eindrücken wieder raus aus der Stadt, hinein in den alltäglichen Hauptverkehrszeitstau um 16 Uhr. Vielleicht nehme ich mir nächstes mal ein Platzerl auf dem P+R und fahre dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln/Öffis und deren netten Chauffeuren ins Zentrum – ihre Grazer Verkehrsbetriebe.