Retro on Board. Das neue Kommodhaus

Zaha Hadids geplantes Boarding House in der Grazer Innenstadt hat eine lange Vorgeschichte: Das denkmalgeschützte Kommod-Haus von 1819 wurde im Oktober 2003 abgerissen.

24/10/2005

„Boarding House“ von Zaha Hadid an der Ecke Burggasse/Einspinnergasse in Graz

Bevor das „Boarding House“ von Zaha Hadid in der Grazer Innenstadt realisiert wird, hat es schon eine lange Geschichte. Freilich nicht unter der exotisch anmutenden Bezeichnung, hinter der sich ein Hotel für Langzeitgäste verbirgt, sondern unter dem hierorts üblichen Namen Kommod-Haus, dem das Attribut neu beigefügt wird, weil es ja das alte nicht mehr gibt. Dieses war – jeder Grazer kennt die Story – auf Veranlassung des Hauseigentümers WEGRAZ im Oktober 2003 abgerissen worden, unter Protest der Grünen, des KPÖ Stadtrats Ernst Kaltenegger und vieler Grazer Bürger. Die Crux der Geschichte: Das kleine Vorstadthaus von 1819 war nach langem, willkürlich herbeigeführten Verfall durch wechselnde Besitzer unter Denkmalschutz gestellt worden, WEGRAZ Eigentümer Reinhard Hohenberg hielt jedoch zuletzt einen rechtsgültigen Abbruchauftrag der Stadt in der Hand, nach dem das Gebäude baufällig und somit gefährdend sei. Da half kein Wettern der Vorsitzenden der Altstadtsachverständigenkommission (ASVK) Gertrude Celedin, die den Abriss in eine Reihe mit umstrittenen Abbrüchen der Vorjahre stellte und darin das unüberlegte Handeln „wildgewordener Politiker“ sah, und es half kein Trauern der zahlreichen Stammgäste um das beliebte Lokal „Kommod“, das dem Haus den Namen gab. Eines Morgens war es weg und die Empörung groß.

Nicht-mehr-Kommod-Hausherr Hohenberg, einer der größten Immobilienbesitzer in Graz, beschäftigte die Medien noch länger, als ihm vermutlich lieb war. Die Tatsache, dass die WEGRAZ im Sommer 2004 zur Neubebauung des 450 Quadratmeter kleinen Areals ein Gutachterverfahren für zwölf geladene Teilnehmer ausschrieb, zu dem auch internationale Größen wie Zaha Hadid, Coop Himmelb(l)au oder Dieter Feichtinger eingeladen wurden, lässt sich als Akt der Wiedergutmachung interpretieren. Bei der damaligen Pressekonferenz schien der Haussegen schon wieder im Lot. Der Ärger über den eigenwilligen Rechtsanwalt, der der Stadt und dem Denkmalamt gelegentlich störrisch, dabei immer rechtskundig kontert, schien vergessen und der Freude über die Aussicht auf einen Qualitätsneubau im Herzen der Stadt gewichen. Der allgemeine Meinungsumschwung erfasste sogar die Vorsitzende der ASVK.

Vollends harmonisch dann die Stimmung bei der Präsentation des Wettbewerbs, ein Event ganz nach Grazer Art. Die Politik in Person des Planungsstadtrats Rüsch dankt dem Investor für sein Engagement für die Stadt, dieser berichtet launig über seine freudige Überraschung nach der Aufhebung der Anonymität, als man sah (!), dass das Siegerprojekt von Zaha Hadid ist. Und Herr Hohenberg nützt, mit Verweis auf ein stockendes WEGRAZ-Projekt am Freiheitsplatz die Gelegenheit, ein Plädoyer für die Notwendigkeit einer Frischzellenkur für jede historische Stadt abzugeben, um zu verhindern, dass ihre Kerne dahinsiechen. Zurecht.

Der Anlassfall wurde von Patrick Schumacher, Hadids Büropartner, wort- und gestenreich erläutert. Detaillierteste Ausführungen bis hin zu den Bädern in den rund 30 Wohneinheiten ließen den Verdacht aufkommen, dass es gar nichts Essentielles zu sagen gäbe.

Tatsächlich zeigt das gewohnt perfekte Outfit der Hadid’schen Plangrafik ein siebengeschoßiges Eckhaus mit deutlich formuliertem Sockel, das seine Wirkung über eine auffällige Fassade erzielen will, nach außen signalisierend, welch besonderes Haus man vor sich habe. Die Fassade weckt deutliche Assoziationen mit der Formensprache der 60er- und frühen 70er-Jahre und erinnert an Domenigs Z-Bank in Wien-Favoriten (1975-79), wenngleich diese wesentlich stärker plastisch durchgestaltet ist. Polymorphe Ausstülpungen in der aus Kunststoff gedachten Außenhaut sollen Belichtung, im überarbeiteten Projekt auch Belüftung in die Apartments bringen. Aus Brandschutzgründen wird es nun eher eine Aluminiumhaut werden, meint Hannes Sorger, Geschäftsführer der Projektabwickler denkbar&so, einer Tochterfirma der WEGRAZ. Die Materialwahl ist zur Zeit ein ebenso großes Thema wie die strikte Einhaltung der vom Büro Malojer aus Innsbruck, Hadids österreichischem Kontaktarchitekten geschätzten Bausumme von 7,5 Millionen Euro. Mit im Vergleich zu herkömmlichen Bauten fast doppelt so hohen Kosten pro Quadratmeter Nutzfläche stellt man sich das gar nicht so schwer vor, geht es doch hinter der Fassade mit einem geschoßweise strukturierten Stahlbetonskelett ziemlich konventionell weiter.

Von der Auflösung vertrauter Strukturen in neuartige, uns fremde Räume, die ein völlig neues Raumerleben vermitteln sollen, ist im Entwurf für das neue Kommod-Haus nicht viel zu spüren. Wie das Fließende und ein fast barockes Formenspiel, das immer Dynamik und Bewegung ausdrückt, ist das Markenzeichen von Zaha Hadid auch im verglasten Sockel mit Galerie nicht zu finden. Der soll den Haupteingang in das Hotel, in ein Straßencafe, ein Restaurant auf der Empore und den Abgang in den „Changing Underground“, einen überhohen Multifunktionsraum für unterschiedlichste Veranstaltungen enthalten. Auffallendstes Merkmal dieses öffentlichen Bereichs wird nach den Ausführungen von Patrick Schumacher eine überdimensionierte kegelförmige Betonstütze sein, die aus dem Untergrund wächst und nutzbaren Hohlraum enthält.

Streng gesehen muss man sich die gassenseitige Zone trotz Vollverglasung selbstreferenziell nach innen gewandt vorstellen wie bei den öffentlichen Passagen in Manhattans Skyscrapers. Denn Aussicht wird es keine geben oder besser gesagt, mit der abbröckelnden Fliesenfassade der ehemaligen Handelskammer gegenüber, einem unambitionierten Bau aus den 60er-Jahren, keine attraktive.

Nicht zu Unrecht fragt Hermann Candussi, Gemeinderat der Grazer Grünen in einem Kommentar anläßlich der Prämierung, ob sich die Wettbewerbsgewinner konkret mit dem Ort auseinandergesetzt haben. Im Gespräch präzisiert er, dass, wer mit dem aussenliegenden Aufzug ins Dachgeschoß des angrenzenden Hauses fährt, zu sehen bekommt, was ein Restaurant in dieser Höhe zu bieten hätte: den Blick zum Schlossberg, auf die Türme des Doms und die Kuppel des Mausoleums. Nur wenige der eingereichten Projekte haben den Baukörper gegliedert, die Ecke durch Überhöhung betont und das oberste Geschoß baulich und funktional differenziert. Dem lässt sich entgegenhalten, dass Dachterrassenlokalen in Graz noch nie ein längerer Erfolg beschieden war, was sich nicht nur am eher glücklosen Restaurant in Helmut Markos Sackstraßenspitz (Planung Günther Domenig) zeigt. Hannes Sorger spricht als Vertreter des Bauherrn die Problematik an, wenn er meint, dass das Betreiberkonzept der sensibelste Punkt sei, will man ein Scheitern verhindern. Nebenbei verweist er ungewollt ironisch auf das über viele Jahre erfolgreiche „Kommod“ und dessen legendären Ruf, den höchsten Bierausschank der Stadt gehabt zu haben.

Man darf gespannt sein. Auf ein Luxushaus samt dazupassender Gastronomie? Eher nicht. Auf ein schickes Yuppie-Haus mit populistischem Betreiberkonzept? Passt nicht ganz zusammen.

Realistisch gesehen könnten die im Planungs- und Bauprozess üblichen Abstriche durch behördliche Auflagen, Fragen der Pragmatik und vor allem Kostendruck dazu führen, dass nur noch das aufwändige Fassadenkleid samt Schmuck in Form des Starnamens übrigbleibt. Auch wenn das Haus ganz ohne Einschränkungen realisiert wird, muss die Frage nach der Angemessenheit des Aufwands in Bezug auf die Bauaufgabe, auf Funktion und Ort, in einem differenzierten Diskurs erlaubt sein.

Friedrich Achleitner verwendet im Gespräch den Begriff der Verhältnismäßigkeit und meint damit, dass die „Duftmarke“ des großen Namens und der dazugehörigen Architektur bei einer Schischanze am Berg Isel angebracht sei, während sie bei einem Wohnbau oder eben auch bei einem kleinen, lokalen Funktionsbau überzogen scheint. Diese Meinung stellt nicht die löbliche Absicht des Bauherrn, über das Instrument des Wettbewerbs eine Qualitätslösung zu bekommen, in Frage. Sie wendet sich jedoch gegen ein „sich Schmücken wollen mit großen Namen“, und das ist nicht nur für Achleitner, den Dojen der Architekturtheoretiker und -kritiker ein Zeichen von Provinzialität.

(Der Text ist erstmalig erschienen im Falter Steiermark, Heft 2/2005)

Verfasser/in:
Karin Tschavgova

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