Am 4. Juli startet das neue steirische Kulturfestival „regionale“, das unter dem Titel „Diwan – Grenzen und Kongruenzen“ bis 14. September über 60 künstlerische Programmpunkte in der Südoststeiermark umsetzen wird. Dieter Spath hat als künstlerischer Leiter des Kulturfestivals das Grundkonzept von Alexander Kada und Gerolf Wicher in einen größeren künstlerischen Rahmen gesetzt, der stark von der Raumwahrnehmung des Planers bestimmt ist. Werner Schandor sprach für GAT mit dem Architekten über jene Programmpunkte des Sommerfestivals, die einen ausgeprägten Architekturbezug aufweisen.
GAT: Wie ist es für Dich als Architekt, beim Festival „regionale“ einen Raum zu bespielen, der aus einer ganzen Region besteht? Die Art des Festivals ist ja sozusagen eine temporäre regionale Kunstinstallation.
Dieter Spath: Die Aufgabenstellung war für mich sehr reizvoll, weil die Raumwahrnehmung aus der Geschwindigkeit heraus, sprich aus den Fahrzeugen, eine ist, die die Architektur der Moderne mit begleitet, wenn nicht gar eröffnet hat. Das Land, wie wir es in der Südoststeiermark vorfinden, ist absolut autosozialisiert. Das geht hin bis zur Autodiskothek „Baby O“ in Ilz. Sich zu überlegen, wie die Landschaft vom Auto aus aussieht, ist etwas, das ich sehr spannend finde, verknüpft mit der Frage: Wie sollte sie ausschauen, damit sie dieser Geschwindigkeit entspricht? Die Region nützt diesen dynamischen Blick noch viel zu wenig. Wenn man durchs Raabtal fährt, sieht man, dass nur wenige Firmen große Schilder platziert haben, die auf die Wahrnehmung vom Auto aus abgestimmt sind. Die Südoststeiermark hat aber bereits Landmarks, die vom Auto aus erfassbar sind – vor allem die Silos haben diese Funktion, deshalb habe ich vorgeschlagen, sie im Rahmen der regionale zu bespielen.
Welche Silos werden bespielt werden – und wie?
Der Silo von Feldbach und der Silo von Studenzen. Letztgenannter ist der höchste im Raabtal. Er bekommt von Anke Strittmatter und osa, dem „office for subversive architecture“ eine Tages- und eine Nachtbespielung. In der Nachtbespielung werden Sujets draufprojiziert, die über den Silo als geheimnisvollen Speicher nachdenken. Tagsüber gibt es eine Bespielung des Daches, die auf die geänderte Funktion von Silos hinweisen soll: Die sind heute mehr Landmark und Station für Sender denn Futterspeicher.
Über diese Sichtbarmachung von Gegebenem hinaus muss man sich aber überlegen: Wie können sich größere Raumfiguren entlang von Straßen so entwickeln und so verdichten, dass es wieder ein ansehnlicher Raum wird? Wenn man jetzt durchs Raabtal fährt, entsteht ein extrem disperser Eindruck. Es steht da eine Halle, dort eine Halle, und beim Durchfahren ergibt sich nichts. Es hätte natürlich Auswirkungen auf den Siedlungsraum, wenn man sich überlegt, wie man über einen größeren Raumzusammenhang Rhythmen ästhetisch erzeugt.
Schlägt sich das Disperse der Region auch im Programm der regionale nieder?
Ja. Ich glaube, dass die regionale kein weiteres „Land“ nach sich zieht, kein „Diwanland“, sondern dass eher Punkte erzeugt werden, Points of Art, die für sich eine Strahlkraft entwickeln. Konstruktionen wie das 8-Städte-Netzwerk funktionieren als Raumfigur besser als Versuche, ein Land zu konstruieren. Niemand weiß zum Beispiel, wo die genauen Grenzen vom Thermenland sind. Schön wäre es natürlich, wenn die Bürgermeister der regionale-Gemeinden wirklich verstehen würden, dass sie alle in Autodistanzen voneinander entfernt sind, und dass nicht jeder ein Minimundus von Stadt bei sich nachbauen muss, sondern dass sie sich alle gemeinsam als Raum verstehen.
In Gosdorf im Bezirk Radkersburg wird eine „rurbane Intervention“ von Kai Vöckler, Heidi Patterhofer und Dir stattfinden. Was ist da zu erwarten?
In Gosdorf gibt es einen ca. 5 ha großen Acker, der in einer ca. 50 ha großen Agrarfläche liegt. In diesem kleineren Feld schneiden wir die Umrisse eines Siedlungsraumes in abstrakter Form hinein, um über neue Siedlungsformen in der Region und am Land nachzudenken. Das Einfamilienhaus als vorherrschende Wohnform hat viele Probleme mit sich gebracht. Es ist ökonomisch und ökologisch nicht mehr haltbar. Wir sind am Land an einem Punkt angekommen, wo der Ausbau der Infrastruktur oft nicht mehr finanzierbar ist. Man wird also über verdichtetere Wohnformen nachdenken müssen.
Ihr säht also architektonische Gedanken auf dem Acker…Und Michael Zinganel wildert im Rahmen der regionale im Theaterbereich und kündigt unter dem Titel „Heiße Luft“ ein „regionales Branding-Theater“ an. Was kann man sich darunter vorstellen?
Im Zentrum steht dabei die Frage: Was tun wir in der Region mit EU-geförderten Brands und mit Leitbildern, die den Leuten sehr emotionalisiert marketingmäßig eingeimpft werden, und wo sie sich dann eigenermächtigt fühlen sollen, dass sie in einem guten, schönen und fruchtbaren Land leben und da ihren Wein besser machen als sonst? Michael Zinganel ist ein Experte, was im Architekturdiskurs das Branding von Regionen im Alpenraum betrifft. Er übernimmt das Wording aus diesem Diskurs und baut in Bad Gleichenberg Visionen in Form von Architekturmodellen nach – das können Logos sein oder Modelle von Gebäuden, die nie entstehen werden. Es gibt dann ein Theaterstück um diese Modellvisionen herum. Da wird auch recht viel Architekturgeschichte hineinverpackt sein, weil das Modell in der Architektur als strategisches Element natürlich immer eine wesentliche Rolle gespielt hat.
Welche weiteren architekturaffinen Programmpunkte sind zu erwarten?
Ein weiterer Programmpunkt ist „TabakLokal“ in der Tabakhütte in Ilz. Die Hütte, die aus Holz ist und Lüftungsklappen hat, wird von Winfried Ritsch zu einem Klappeninstrument umgebaut. Es wird Workshops zur Raummusik in Ilz geben, und Alvien Luciers „Die lange Saite“ wird dort umgesetzt. Die Ilzer freuen sich, dass mit ihrer Hütte etwas passiert. Die oststeirische Tabakproduktion wurde nach dem EU-Beitritt Österreichs abrupt gestoppt. Die regionale bietet nun die Gelegenheit, diese Geschichte aufzuarbeiten. Richard Frankenberger wird den Teil der Oral History übernehmen und die Leute vom Tabakanbau erzählen lassen. Die Eigentümer der Hütte wollen übrigens die künstlerische Verwendung auch nach dem Projekt weiterführen. Das wird also ein nachhaltiger Programmpunkt der regionale sein.
Neben Schloss Hainfeld, wo Joseph von Hammer-Purgstall seinen Sommersitz hatte, spielt auch Schloss Kalsdorf bei Ilz eine wichtige Rolle im regionale-Programm. „Open Sky“ heißt der von Sandro Droschl kuratierte Programmpunkt Wir öffnet sich der Himmel?
Nur nebenbei: Schloss Kalsdorf ist vom Baulichen her absolut beispielhaft, was den Umgang mit so einer Substanz betrifft. Es gibt dort Mietwohnungen, die extrem lässig sind, fast wie städtische Lofts – sehr straight und urban –, und es entspricht einer zeitgenössischen Nutzung. Man muss so Schlösser nicht unbedingt schönbrunnmäßig restaurieren... Im Rahmen von „Open Sky“ wird unter anderem Hartmut Skerbisch, der auf Schloss Kalsdorf wohnt, eine neue Arbeit machen. Anfang August findet auf Kalsdorf das von Fritz Ostermeier kuratierte Symposium „Gesänge auf den Wein – Westöstliches Delirium“ statt, das Trinklieder, Pop und Literatur zusammenbringt.
Damit sind wir wieder bei der Disco „Baby O“ angelangt, was den Promillepegel betrifft. Hoffen wir auf rauschende Wochen bei der regionale!
regionale08 - „Diwan – Grenzen und Kongruenzen“
Eröffnung: 4. Juli 2008, Grenzlandhalle Feldbach
Dauer: 5. Juli bis 13. September 2008
Ort: 13 Gemeinden der Bezirke Feldbach, Fürstenfeld und Bad Radkersburg
- Verfasser/in:
- Werner Schandor, Gespräch
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