insight out.
zu einigen arbeiten von Sabine Richter.
eine EINFÜHRUNG in eine künstlerische arbeit ist keine leichte sache. entweder man verfährt kunsthistorisch und legitimiert das werk über verwandtschaftbeziehungen zu den grossen kunstmanifestationen der geschichte. oder man ergeht sich in einfühlsamen detailbeobachtungen, die auf ein wesentliches, genialisches im künstlerischen prozess zielen. man kann aber auch solcherart vorgehen, dass man eine beziehung, ein verhältnis sucht zwischen dem kunstwerk und der eigenen arbeit. auf diese weise ist der kurze text in dem folder entstanden. Dieser text spiegelt in gewisser hinsicht die intentionenen der künstlerin in den voraussetzungen meiner eigenen arbeit als kultur- und medientheoretiker. ich spreche also in diesem text über mich, über meine wahrnehmung und reflexion und möchte in dieser einführung auch nur über diesen text sprechen, d.h. ihn für mich und für sie interpretieren und ihnen auf diese weise meine arbeit und in der spiegelung dieser die arbeit von Sabine Richter näher zu bringen versuchen. eigentlich nehme ich das unternehmen von sabine richter ernst und reflektiere das, was sie zeigt, nämlich spiegelungen. in abwandlung eines philosophischen topos könnte man von einer >sich selbst spiegelnden spiegelung< reden. man könnte auch sagen, ich leiste so etwas wie vielfache übersetzungen – der fotos in text, des textes in sprache, der sprache wieder zurück in bilder. doch gehen wir gleich zum ersten satz.
Die Spiegelungen, die Sabine Richter an der Stadthalle fotografiert, sind Paradoxa.
dieser satz spiegelt ein denken wieder, ohne das es diesen ganzen ersten text gar nicht geben würde. als ich nämlich die arbeiten von Sabine Richter das erste mal genauer betrachtete, las ich gerade wieder mal in einem erstaunlichen buch: logique du sens, logik des sinns von gilles deleuze. . das buch enthält 34 „serien der paradoxa - untersucht werden >paradoxa des sinnswidersinnpositiven bild< korrigiert zwar die vertikale achse, nicht aber die seitenverkehrung. jegliche fotografie ist also ergebnis eines paradoxen prozesses, einer spiegelung - und ihre betrachtung ist stets auch eine im wissen um diese >andersartigkeit< des bildes im vergleich zum realen.
Dort, wo sich [die Spiegelungen] ereignen, entsteht eine Verkehrung architektonischer Verhältnisse dergestalt, daß die sichtbaren Zustände in keinerlei Weise mehr ihren real-stofflichen und statischen Ursachen entsprechen.
zunächst soll der vorgang der spiegelung selbst als >ereignis< beschrieben werden. spiegelungen ereignen sich, will sagen, dass sie keiner logik, keinem kalkül folgen, sondern einem nicht-determinierbaren prozess, der sie als hoch-kontingent erscheinen lässt. kontingente erscheinungen also, will sagen, es bedarf einer besonderen hinwendung, einer gewissen sensation und aufmerksamkeit, um die erscheinungen überhaupt in den blick zu nehmen, die spiegelungen sind eine singuläre erscheinung, die jederzeit in ein anderes >bild< umkippen kann, sie ist also eine möglichkeit von vielen zum zeitpunkt ihrer wahrnehmung. DA diese erscheinungen also kontingent sind, ist es ihnen möglich, eine verkehrung der verhältnisse, der statischen und materiellen verhältnisse herbeizuführen. nun ist plötzlich alles anders, die ingenieurskunst ist einer visuellen kunst gewichen, das bild kombiniert die einzelnen bauelemente nach paradoxen regeln, gruppiert die flächen und vektoren um - eine neuartige konstruktion tritt ins bild, eine wundersam andere welt, denn die der funktionalität der architektur. die >sichtbaren zustände< sind solche aus der welt „hinter den spiegeln“.
Zu sehen sind Wirkungen, ins Bild mutierte unkörperliche Wirkungen, die als „reine“ Oberfläche in den Blick kommen und die Architektur anders erfahren lassen.
>unkörperliche wirkungen< - auch das eine referenz an Gilles Deleuze´s studie zur philosophie der stoiker, die zwei arten von dingen unterscheiden: nämlich körper und ihre aufeinander bezogenen ursachen einerseits, und ereignisse, bzw. unkörperliche wirkungen andererseits. zu sehen sind unkörperliche fotografien unkörperlicher spiegelungen, die nicht existieren, sondern insistieren, sie insistieren darauf, dass sie nicht abbilder von architektur-ideen also -konstruktionen sind, sondern simulakren mit oberflächenwirkungen, die nicht die frage nach einem SEIN stellen, sondern die nach einem aliquid, einem ETWAS. etwas passiert auf einem spiegelnden glas, das keine identität/idealität beansprucht, sondern von dem betrachter die bereitschaft abverlangt, sich auf eine paradoxe welt einzustellen, in der das, was innen ist, aussen wird, und das, was aussen ist, innen!
Der fotografische Akt bildet Raum aus, will sagen, er gewährt Einblicke und Einsichten in die baulichen Relationen, die als Bild eine Evokation der Stadthalle ermöglichen, wie sie jegliche andere, unräumliche, also abbildende Fotografie so nicht zu zeigen in der Lage ist.
die konzentration auf die fotografische herausbildung eines >raumes< folgt meiner nun schon mehrjährigen beschäftigung mit medialen raumverhältnissen. der rede vom >raum< liegt ein raumverständnis zugrunde, das sich streng von jener euklidischen und newtonschen definition des raumes abgrenzt, wonach dieser sich in drei dimensionen vermessen lässt und als schachtel oder kontainer vorstellbar ist. in dieser tradition hat die >umgebung< keinen einfluss auf den >inhalt< - und das ist ein problem. wenn ich davon spreche, dass Sabine Richter im akt des fotografierens raum ausbildet, so meine ich damit, dass sie alle einzelnen elemente des baukörpers in ungewohnte, andere, ungewöhnliche beziehungen zueinander setzt, also einen neuen raum schafft, der gleichfalls anders wahrgenommen und auch sinnlich bewohnt werden will! es passiert eine ein-sicht in das, was der baukörper noch sein könnte, sein anders-sein wird evoziert: räumliche erfahrung dieserart medial erzeugt vermag eine evokation, also eine anrufung der architektur der stadthalle, zu ermöglichen, die dem erleben der stadthalle als einer art „wonder-building“ begegnet! zwar ist der bau nun nurmehr als bild erfahrbar, aber in dieser bildlichkeit ist solch eine menge potentialität versammelt, die das ganze gebaute ding noch einmal, oder besser: noch viele male in so gänzlich u-topischer weise sich entwerfen lässt, dass der betrachter höchst erfreut im neuen bild, in der neuen schwerelosikgeit, in einer art „topoästhetik“ sich zu verlieren bereit ist.
Die als Foto-Grafik ausgewiesenen Arbeiten abstrahieren diesen Akt in eine absurde, also hoch-künstlerische Zwittersprache hinein. In der grafischen Geste werden die Spiegelungen in eine Architektursprache rückübersetzt, die der Planzeichnung, das Unmögliche, Irreale also – zumindest als ikonischer Code – möglich, real gemacht.
Ich komme zum zweiten aspekt, den grafischen arbeiten. sind die spiegelungen gefunden, so die grafiken erfunden. sie abstrahieren von den fotografisch gespiegelten spiegelungen und nehmen von diesen bloss ihre kontur mit, die linien, diese werden, vergleichbar der planzeichnung, nachgezeichnet und auf diese weise erfährt das irreale der spiegelung eine eigentümliche realisierung, eine verwirklichung innerhalb der codes der planzeichnung. diese sind ikonische codes, d.h. also zeichen, die in einer ähnlichkeitsbeziehung zum objekt, zum zu bauenden oder gebauten objekt stehen. sie erlauben ein wiedererkennen oder identifizieren von bauelementen, sind also vertrauensvoll. man ist beim lesen der zeichen überzeugt, dass sich so tatsächlich ein bauwerk präsentieren könnte. Kommen wir zum letzten punkt.
Zugleich werden diese Zeichnungen mit fotobildlichen Fragmenten versehen, die auf eine Realität jenseits des Bildes verweisen, die den Blick zwischen einer inneren und einer äußeren Oberfläche oszillieren und also die Uneindeutigkeit also formale Evidenz ins Bild sich einschreiben lassen.
Zu diesen ikonischen zeichen treten jedoch mit den fotofragmenten indexikalische zeichen – diese stehen nicht mehr in einer ähnlichkeitsbeziehung zu den bauelementen, sondern in einer existentiellen beziehung: es müssen zum zeitpunkt der aufnahme genau jene elemente in ihren lichtreflektionen sich mit der fotokamera treffen, die dann auch im bild zu sehen sind. Jedes foto ist zeugnis einer bestimmten wirklichkeit, in diesem fall einer baulichen wirklichkeit. prekär an dieser feststellung ist, dass fotos auch von bereits vorgefundenen medialen wirklichkeiten – von spiegelungen etwa - ein solches zeugnis abgeben können, nur vermögen diese bilder dann nichts mehr über die genaue position und die exakten räumlichen verhältnisse zu sagen, sondern können bloss noch davon berichten, dass zum zeitpunkt der aufnahme irgendwo sich auch das gespiegelt objekt befand. somit gelingt es Sabine Richter in subtiler weise eine unauflösbare vibration zwischen aussen und innen, zwischen gespiegeltem und realem zu initieren, ein spiel der zeichen, das uns mit einer ungewöhnlichen evidenz vertraut macht, der evidenz der uneindeutigkeit, der unschärfe der bedeutungen könnten man auch sagen, die allerdings, wie ich finde, sehr gut in unsere zeit passt, bedenkt man den bilderstreit, der sich zurzeit überall dort entfacht, wo es um alte wahrheiten statt neue freiheiten geht.
- Verfasser/in:
- Marc Ries