Putting Allspace in a Nutshell – Nachruf auf Hartmut Skerbisch

Nach langer Krankheit ist Hartmut Skerbisch am vergangenen Freitag verstorben.

05/04/2009

„Unter den Hauptvertretern der österreichischen Konzeptkunst steht Hartmut Skerbisch ganz besonders für diesen Mut, nicht an der eigenen Formensprache hängenzubleiben und Wege zu gehen, die zunächst niemand aus dem vorhergegangenen Werk erwartet hätte.“ In seinem Essay „Skulptur nach der Konzeptkunst“ schrieb Robert Fleck 1994 über Arbeiten und Werkphasen von Hartmut Skerbisch, dass „es gewissermaßen zwei Skerbisch gibt – den früheren, konzeptkünstlerischen und den späteren, der sich in und durch eine neue Auffassung der Skulptur ausdrückt.“ Nach langer Krankheit ist Hartmut Skerbisch am vergangenen Freitag verstorben.

Allen Raum in eine Nussschale zu packen, entsprechend der Assoziation eines Titels zu einem Wettbewerbsbeitrag für trigon ´69 (mit Manfred Wolff-Plottegg) – einer „Räumliche[n] Anordnung“ zur Darstellung von Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeit mittels Kameras und Monitoren – bzw. wie Skerbisch den Titel aus Finnegans Wake verwendete – Putting Allspace in an Notshall – und dem sich daraus herleitenden Paradoxon des gleichzeitigen Seins und nicht Sollens, stellte für ihn eine „Initialzündung“ dar, „einen Stachel, um weiter daran zu arbeiten, die unsichtbare elektronisch errichtete Architektur, und die Konsequenzen aus ihrer Installierung, in irgendeiner Weise auszudrücken“. Hartmut Skerbisch, 1945 in Ramsau geboren, hatte Architektur studiert und blieb den Raumarbeiten bis zuletzt verbunden. Aus jenem Wettbewerbskonzept zum Thema „Architektur und Freiheit“ führte sein Weg als einer der Protagonisten früher Medienkunst in Graz zu diesem von Robert Fleck so genannten „späteren“ Skerbisch über die Ausstellung des Grazer Kunstvereins „Vom Kriege“, 1986 im Stadtmuseum. Zwei beinahe raumhohe, auf den ersten Blick hausförmige Körper aus Stahlblech führten hier nur den Titel „Anordnung“. Dieser Anordnung lag als Intention Skerbischs ein Prinzip der Konfrontation zugrunde: Skulptur gegenüber dem Betrachter, gegenüber dem Raum und seinen Proportionen, Skulptur gegenüber ihrem Autor. Nennen wir hier noch das Skulpturkonzept „Formblatt“ von 1990, ein schon in die Sprachkunst reichendes, wenngleich physisches Variationsspiel um Ich-Bezüge gegenüber dem Objekt und seinen Raumbestimmungen.

Bezüge zur Literatur – Joyce, Musil, Kafka – fanden immer wieder Eingang in Skerbischs Arbeiten und sind gleichermaßen Teil seiner Auseinandersetzung mit Proportion und Struktur. Das Grazer „Lichtschwert“, entwickelt für den Steirischen Herbst 1992 unter dem Motto „America nowhere“, ist einerseits die 1:1 Abbildung des Skeletts der New Yorker Freiheitsstatue, andererseits die physische Umsetzung der Beschreibung Franz Kafkas in dessen unvollendetem Roman „Amerika“. Dort aber hält Liberty nicht die Fackel, sondern ein nach oben weisendes Schwert in der Rechten, die Welt in der Linken. Dass der Minimalist Carl Andre 1970 einmal bemerkte, Bildhauer interessierten sich jetzt weniger für die Umformung der Freiheitsstatue mittels Kupferblech, sondern für deren innere Struktur, war fraglos auch dem Raumtheoretiker und -Praktiker Hartmut Skerbisch bekannt. Neben dem Brunnen am Südtirolerplatz und der Fraktalplastik „3D Fraktal 03/H/dd“ im Skulpturenpark hat Skerbisch mit dem Lichtschwert das wohl markanteste Signifikat neuerer Zeit für Graz geschaffen.

Dem entspricht in Gleisdorf der „Solarbaum“ (1998), der die Energie für 70 Straßenleuchten in der Innenstadt liefert. Seine „Sphäre“ (2006) im oststeirischen Schloss Kalsdorf, wo er die letzten Jahre lebte und arbeitete, entwickelte er ebenfalls aus seinen Untersuchungen zu Fraktalen und subatomaren Strukturen. Vergleichbar einer Wiederaufnahme aus neuplatonischer Gedankenwelt ist dieses Kleine im Großen ein Großes im Kleinen, nämlich eine Kugelform im Durchmesser von 1274 Zentimetern, entsprechend einem Millionstel des Erddurchmessers: „Für diese Geschichte ist die Welt zurechtgebogen“, sagte Skerbisch in einem Interview mit dem Falter.

In einer Zusammenarbeit mit kunstGarten – Irmi und Reinfried Horn – und dem Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark wurde nach einem Entwurf von Hartmut Skerbisch im Jahr 2007 „Das Gartenlabyrinth“ im Dr. Schlossarpark, Auf der Tändelwiese, ausgeführt; eine „wachsende Solarskulptur aus Buxus sempervirens“ mit metallischem Zentrum. In der Gartenkunst werden Pflanzen auch als „lebendes Material“ bezeichnet. Im Sinn des eingangs zitierten „nicht an der eigenen Formensprache hängenzubleiben und Wege zu gehen, die zunächst niemand aus dem vorhergegangenen Werk erwartet hätte“, nun doch eine für Skerbischs Werk ungewöhnliche Arbeit.

Es bleibt, sich zu erinnern an Hartmut Skerbisch sempervirens.

Arbeiten im öffentlichen Raum (Auswahl):

1992/94 »Statue (Lichtschwert)«, Opernring Graz

1998 »Solarbaum«, Gleisdorf bei Graz

2003 »3D Fraktal H/dd«, Österr. Skulpturenpark bei Graz

Einzelausstellungen (Auswahl):

1975 »Das Tor«, Poolerie Graz

1976 »Erde«, Galerie L24 Graz

1977 »Zepter und gleissender Stein«, Neue Galerie Graz

1980 »Jetzt-Generator«, Galerie Krinzinger Innsbruck

1981 »Null Party«, Galerie H Graz

1986 »3 Skulpturen«, Galerie Pakesch Wien

1992 »Das Offene«, Grazer Kunstverein, Künstlerhaus Graz

1993 »Edition K«, Galerie & Edition Artelier Frankfurt

1994 »Mal« Neue Galerie Graz

1998 »3D Fraktal H/o°«, Gösser Krypta Leoben

2001 »Das Energiespiel« Stadtpark Gleisdorf

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl):

1976 »Toward the True Vision of Reality«, Neue Galerie Graz

1977 »Konzepte, Theorien und Dokumente österreichischer Videoproduktionen«, AVZ Graz

1980 »Video Made in Austria«, Museum d. 20.Jhdts. Wien

1981 »Szene aus dem gleichnamigen Stück« (mit Michael Schuster), Forum Stadtpark Graz

1985 »Beyond the Sound of Music«, Ohio Theatre New York

1988 »Das gläserne U-Boot«, Tabkfabrik Stein/Krems

1989 »Vom Kriege«, Grazer Kunstverein, Stadtmuseum Graz

1990 »Österreichischer Kunstsalon«, Kulturhaus Graz

1992 »Gemischtes Doppel«, Generali Foundation, Secession Wien, »Schriftzug«, Galerie & Edition Artelier Frankfurt

1994 »Exhibition«, Museum d. 20.Jhdts. Wien

1998 »Kunst ohne Unikat«, Künstlerhaus Graz

2000 »Re-Play«, Generali Foundation Wien

2002 »Lichtwege«, Finanzlandesdirektion Graz

2003 »Meisterwerke d. Steir. Moderne«, Frohnleiten

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Nachruf

Weiterführende Links

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Hartmut Skerbisch (1945 - 2009). Foto: J. J. Kucek
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Das Gartenlabyrinth im Dr. Schlossarpark, Auf der Tändelwiese, Graz (Foto: Horn)
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3D Fraktal 03/H/dd, im Skulpturenpark Unterpremstätten/Graz. Foto: E. mil
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Lichtschwert, Graz. Foto: E. mil

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