Protokoll der 2. Jurysitzung/2. Tag/2. Wettbewerbsstufe
Datum: 15.06.2005
Uhrzeit: 8:00 bis 18:00 Uhr
Ort: Dominikanerkaserne, Graz
Anwesende (in alphabetischer Reihenfolge):
Dipl.-Ing. Paul Bitzan Ersatz Fachpreisrichter
Dr. Gertrude Celedin Fachpreisrichter
Mag.arch. Axel Justin Fachpreisrichter/Schriftführer
Arch. Dipl.-Ing. Michael Haberz Fachpreisrichter/Vorsitzender
Mag. Christine Klug Sachpreisrichter
Dipl.-Ing. Michael Mayer Fachpreisrichter/SchriftführerStv.
Dipl.-Ing. Alois Murnig Beratung der Jury
Ing. Manfred Payer Ersatz Sachpreisrichter
Dipl.-Ing. Dietmar Schantl Fachpreisrichter
Arch. Dipl.-Ing. Barbara Strenitz Vorprüfung
Mag.arch. Wolfgang Tschapeller Fachpreisrichter/VorsitzenderStv.
Arch. DI Karl Heinz Winkler (tw.) Ersatz Fachpreisrichter
Gerhard Veith Beratung der JuryHaberz begrüßt die Anwesenden. Nachdem ein gewisser Abstand zum ersten Wertungsdurchgang gegeben ist wird vom Vorsitzenden die Frage nach Rückholung eines oder mehrer Projektes gestellt. Es wird vor dem nächsten Wertungsdurchgang von keinem Jurymitglied der Antrag auf Rückholung eines oder mehrerer Projekt gestellt.
Für den nächsten (2.) Bewertungsdurchgang kommt die Jury überein, dass für ein Weiterkommen eines Wettbewerbsbeitrages die einfache Mehrheit der Jurystimmen (mindestens 4 Stimmen) notwendig ist.
Es erfolgt der zweite Bewertungsdurchgang:
Projekt Nr. 1081 – 1 Stimme
Projekt Nr. 1064 – 7 Stimmen
Projekt Nr. 1060 – 6 Stimmen
Projekt Nr. 1059 – 6 Stimmen
Projekt Nr. 1019 – 6 Stimmen
Projekt Nr. 1004 – 5 Stimmen
Somit scheidet das Projekt Nr. 1081 aus. Es verbleiben 5 Projekte in der Wertung und die Jury kommt überein, dass sich alle fünf im zweiten Wertungsdurchgang ausgewählten Projekte in den Preisrängen befinden. Haberz stellt einen Rückholantrag für das Projekt 1011, der einstimmig angenommen wird. In weiterer Folge wird über Antrag abgestimmt und festgestellt, dass das Projekt Nr. 1011 als erster Nachrücker (mit 4 Stimmen) und das Projekt Nr. 1081 als zweiter Nachrücker (mit 4 Stimmen) gereiht wird.
Projekt Nr. 1081
Die Vorzüge des Projektes sind die durchdachte Proportionalität des Platzes und der Gebäudestruktur, der Umgang mit der Altsubstanz, die spannende Erschließung die jedoch nur teilweise durchgehalten wird, die Auffaltung und der räumliche Platzabschluss mit den Stiegen.
Die Öffnungen zum bestehenden Gang werden nicht vergrößert, die Büros die an dieser Seite liegen sind schlecht belichtet. Dies betrifft vor allem die kleinen Räume. Obwohl die mathematische Variante Arbeitsraumqualität zulässt, wird die architektonische Qualität als schlecht bewertet. In den Problemzonen (Eckrisalit des Gebäudes) sind die Arbeitsplätze schlecht ausformuliert. Die Anordnung eines Foyers ist definitiv in der zweiten Stufe gefordert. Das Projekt weist keinen entsprechend ausformulierten Eingangsbereich auf, die Schaffung einer zweiten Erschließungsfläche verdoppelt die vorhandene Verkehrsfläche, ohne sie de facto nutzbar zu machen und einer Doppelfunktion zu unterziehen. Dadurch wird die Flächenbilanz zwischen Nutzfläche und Verkehrsfläche sehr ungünstig. Durch die geplanten Verkehrsflächen entsteht kaum Kommunikation im Gebäude.
Projekt Nr. 1011
Das Projekt stellt klar, dass die Platzierung von Einrichtungsgegenständen in einem bestehenden Gebäude einem Vorgang der Urbanisierung gleichkommen könnte. An den bestehenden Arkadengängen werden speziell geformte Einrichtungsgegenstände (Nutz- und Funktionsobjekte) angedockt. Die Textur des Bestands wird von einem Schwarm „roter Wesen“ und „beiger Türme“ durchsetzt. im Idealfall liegen also tektonische Ordnungen über- und ineinander. Beide annähernd komplette Textsätze, die sich jedoch durch gegenseitige Unterbrechungen fragmentieren. Daraus entwickelt das Projekt einen rätselhaften, spannenden Charakterzug. Die isolierte Formation der roten Teile (z.B.: axonometrische Darstellung) ließe bereits Rückschlüsse auf den Bestandsbau zu ohne diesen zu kennen. Es gelingt also die Ansätze des 1. Durchgangs weiterzuverfolgen, jedoch wird in der Jury angemerkt, dass sich das Projekt zu sehr diversifiziert, zu sehr Einzelinteressen, Einzelreaktionen folgt. So kann keine klar lesbare Haltung zur Verschränkung der beiden Ordnungen gelesen werden. In manchen Bereichen wäre es wohl konsequent, dass die Schwarmanordnung den Bestand durchlöchern müsste, zum Beispiel die aufgetürmten Sanitärzellen. Diese könnten zu erkennbaren Turmbauten innerhalb der Ordnung des Bestandes werden. Der Neubauvorschlag wird wesentlich detaillierter dargestellt. Innerhalb der Jury wird die Meinung vertreten, dass diese Detaillierung zu Kleinteiligkeit und zu einem Verlust gegenüber dem Vorschlag der 1. Wettbewerbsstufe führt. In jedem Fall, hier wird ein konzeptuell interessantes und sensibles Projekt vorgelegt dem die Jury wünschen würde, dass es seine Anliegen stärker und deutlicher artikuliert.
Es erfolgt der dritte Wertungsdurchgang:
Das Projekt Nr. 1004 wird einstimmig für einen Ankauf gereiht.
Das Projekt Nr. 1019 wird mit 4:3 Stimmen für einen Ankauf gereiht.
Das Projekt Nr. 1059 wird mit 6:1 Stimmen für den dritten Preis gereiht.
Somit verbleiben das Projekt Nr. 1064 und das Projekt Nr. 1060 in der weiteren Wertung.
Projekt Nr. 1004
Dieses Projekt weist eine gute Flächenbilanz (Verkehrsfläche zu Nutzfläche) auf, hat eine Mittelgangerschließung mit großzügigem Foyer im Erdgeschoss im Südtrakt. Die Arbeitsplätze sind gut belichtet, für die Akten wird jeder Abteilung in der Mittelzone ein Extrabereich zugeordnet. Die Anordnung der Arbeitsplätze im Gangbereich ist terminiert durch die Tragstrukturen und äußerst sparsam bemessen. Positiv vermerkt wird, dass in den dunklen Punkten keine Büros angeordnet sind (Ecksituationen). Ein höherer Grad an Detailüberlegungen ist beim Projekt anzumerken und für den Bereich der Innenraumgestaltung
anzuerkennen.
Das Projekt entwickelt in seinen zeichnerischen Darstellungen einen verführerischen Außenraum mit sehr guten Dimensionierungen. Der Ansatz der ersten Wettbewerbsstufe wird weiterbearbeitet. Die Empfehlungen der Jury – das Objekt radikal zu konzentrieren wird aufgenommen. Dabei wird das raumumspülte Neubauobjekt aus einer „Raumitte“ an einen „Raumrand“ gerückt. Zusätzlich wird das Neubauobjekt an ein Nachbarobjekt angebunden. Damit geht leider ein wesentlicher Projektansatz der ersten Stufe verloren, nämlich ein von Freiraum umgebenes Objekt in einem größeren Stadtraum zu erstellen. Der perspektivisch dargestellte Platzraum und das städtebauliche Modell scheinen zu verschiedenen Ergebnissen zu gelangen. Während die perspektivischen Darstellungen einen spannenden Außenraum suggerieren, ebenso eine subtile Oberflächenbehandlung erahnen lassen, weist das Massenmodell auf ein in der Größe durchschnittliches, eventuell auch in der Proportionierung durchschnittliches oder problematisches Objekt hin.
Weiterhin gültig bleibt die Reformatierung des geschlossenen, historischen Hofraumes zu einem offenen, die Grenadiergasse mitnehmenden Platzraum. Dieser Ansatz wird überzeugend umgesetzt. In der Jury wird diese Umsetzung verschieden beurteilt. Aus Sicht von Denkmalschutz und Städtebau verweist man auf die typischen engen und gekrümmten Gassen in diesem Bereich der Stadt, die einen Verlust erleiden würden. Trotzdem wird hier eine glaubhafte und interessante Alternative zu anderen Projekten angeboten.
Im bestehenden Gebäude wird der Ansatz aus der ersten Wettbewerbsstufe – die Erschließung aus dem Randbereich zu nehmen und aus einer einhüftigen Anlage eine zweihüftige Anlage zu machen - weiterverfolgt. Die Forderung der Jury „diese Maßnahme konzeptuell und tatsächlich klar zu setzen und die additiven Maßnahmen – also das Teilen der Gangfluchten in Einzelräume- und die subtraktiven Maßnahmen – das Herausbrechen einer mittig gelegenen Erschließung architektonisch zu artikulierenden – kann im Projekt jedoch nicht entsprochen werden. Damit entsteht die Situation, dass das „Kapital“ des Gebäudes (die großzügige Erschließung) gelöscht wird. Mit der neuen mittigen Erschließung wird jedoch kein neues Kapital gebildet, kein annähernd entsprechender Ersatz zum Arkadengang, der noch dazu durch den Einbau fester Wände „gelöscht“ wird, geboten. Jedes Gebäude benötigt Überfluss, Frei-, Lust-, und Reserveraum.
Projekt Nr. 1019
Die Erschließung erfolgt über die bestehende Gangfläche. Durch sehr intensive Abbruchinterventionen werden sehr große Büroeinheiten geschaffen. In den oberen Geschossen wird der schonende Umgang mit der Struktur immer mehr vernachlässigt. Alle Besprechungsräume sind ins Dachgeschoss verlegt worden, die Unterbauung des Bestandes die nicht notwendig und nicht verlangt war, für Archivzwecke, wird als negativ gesehen. Positiv vermerkt wird die fußläufige Erschließung des Anschnitts in der Erdgeschosszone zum Andräplatz hin. Durch die Anordnung und das Zusammenziehen des Alt- und Neubaus in der Erdgeschosszone wird zwar einerseits eine interessante architektonische Lösung gebracht, andererseits wird im Altbau ein großer Flächenverlust vorgenommen, der sich in der Gesamtflächenbilanz auswirkt. Auch die großzügige Foyerlösung in der Erdgeschosszone in zweifacher Form hat negative Auswirkungen auf die Flächenbilanz. Die Räume in den Ecksituationen sind hinsichtlich Arbeitsplätzen und Erschließung als problematisch zu betrachten (Belichtung). Die völlige Auflösung der gangseitigen Wand ist notwendig, wird aber aus Denkmalschutzgründen als negativ empfunden. Im 2. und 3. Obergeschoss sind Abbruchmaßnahmen vorgesehen, die darauf schließen lassen, dass eine Neustruktur auf Pfeilern, die eingezeichnet sind, angeordnet werden soll. Dies würde zur gänzlichen Entfernung der Decken führen.
Zusammenfassend: Das Projekt ist souverän und reagiert vielfältig. Die Erschließungswege der Stadt werden feinfühlig an die Arkadengänge des Bestandes herangeführt, eingefädelt und hochgeführt, eine „Weg Legung“ wie in der Landschaft. Die Erschließung des Neubaues und in der Folge das Volumen des Neubaues wird aus dieser „Weg Legung“ entwickelt. Es entstehen 2 wesentlich verschiedene Räume.
Einmal der Raum der Grenadiergasse. Die Windungen und Verengungen der Grenadiergasse, als typische schmale Gasse der Murvorstadt werden in den Raum geführt. Der Neubau neigt sich, oder überkippt sozusagen in den Raum der Grenadiergasse. Eine Flucht von planimetrischen Wendungen wird gekonnt in den Raum geführt.
Dann der Innenraum des Hofes. Das Projekt definiert klar einen Hof. Jedoch wird die historische Trennung durch die bestehende Mauer invertiert. Die Mauer wird aufgehoben, der Raumfluss entsteht im Fußgängerbereich – das hochgehobene, nach dem Umraum geschnitzte (geformte, abgeformte) Gebäude definiert die Räume. Es trennt und verbindet. Zugleich wird eine Kultur der Architekturfindung vorgetragen, die nicht ein übergeordnetes Konzept an den Anfang stellt, sondern aus einer Unzahl von Anpassungen und Heranführungen besteht. Es ist ein graduelles Ausprobieren von Stadtraum und Raumprogramm, bis der letztgültige Satz gefunden ist, in dem alle Vorgesprochenen, Versuchten noch mitschwingen.
Es ist erfreulich, den Übergang zwischen den Wegen der Stadt und den Wegen des Gebäudes zu verfolgen. Der Besucher gerät fast unbemerkt in die Arkadengänge des Bestandsgebäudes. Diese werden weitestgehend erhalten. Hinter der Ebene der Arkadengänge wird neu strukturiert. Das Raumprogramm wird großzügig platziert, u. U. zu großzügig wie in der Jury diskutiert wird. Der weitgehende Abbruch von Bestandswänden führt mehrfach zu normativen Situationen. In weiten Bereichen sind die angebotenen Büros von einem Neubau nicht zu unterscheiden. Das Spezifische und das Kritische des Bestandes scheint verloren zu gehen. Das ist einer der vorgetragenen Kritikpunkte. Der zweite Diskussionspunkt liegt an dem Grad der Öffentlichkeit der dem Hofraum zukommt. Im Zusammenhang aller Projekte scheint es der Jury, dass eine sehr offene Beziehung zwischen Hofraum und Grenadiergasse vorteilhaft ist. Es ist exakt dieser Punkt der dieses sehr feine, in den “ Weg Legungen“ nervige (nervenartige) Projekt an diese Stelle reiht.
Projekt Nr. 1059
Der Projektansatz der 1. Stufe wird strategisch weitergeführt. Eine einfache Spiegelung verändert die räumliche Situation, zugleich wird eine der Facetten abgeblendet und der Platzfläche als Umkantung zugeordnet. Während der Baukörper unter Tageslicht stabil und massiv aufsitzt, wird der nächtliche Baukörper zu einem schräg sitzenden abschüssigen Lichtvolumen Die Facettierung der Oberfläche wirkt zurück auf die Tragkonstruktion. Schräg fließende Stützkonstruktionen und Tragwerksteile führen die Geometrie in das Gebäudeinnere. Gleichzeitig entsteht ein Neubauvolumen das für verschiedenste Nutzungen verwendbar ist.
Die Schräglage der Bodenplatte des Hofes erzeugt eine räumliche Trennung zwischen Grenadiergasse und Hof. An einem strategisch in Gebäudenähe angeordneten Punkt treffen sich Hoffläche und Straßenfläche. Die Waage zwischen Trennung und Verschmelzung von Hof- und Straßenfläche wird gehalten. Der monumentale Charakter des Baukörpers wird in der Jury divers diskutiert.
Auf der bestehenden Erschließung des Altbaues wird in positiven Sinn insistiert. Den Arkadengängen folgen kurze Stichgänge, oder partielle Grabungen in die Masse der Büronutzung. Die Flächenbilanz und die Raumerfordernisse werden dadurch erfüllt. Das erdgeschossige Foyer wird als erweiterungsfähig betrachtet. Durch entsprechende Öffnungen ist dieser Bereich gut zu gestalten. Problematisch empfunden wird die Entfernung des dritten Stiegenhauses und das neu Interpretieren der Struktur durch Abbruch der Mittelmauern und zurückführen auf ein Säulenmodell, das in der Realität durch die verschiedenen Höhen der Gewölbe nicht funktionieren kann. Ein Mischsystem von Linearität und Abzweigung das man detailliert und räumlich ausgetragen sehen möchte. Die Anwendung technischer Maßnahmen für Licht und Belüftung wird von der Nutzerseite als problematisch angeführt. Zusammenfassend ist es das Projekt einer SchachspielerIn, klar, schön und weitblickend angelegt, der Bruchteil eines letzten Kicks ging der Jury jedoch ab.
Seitens der Stadtplanung wird noch einmal festgehalten, dass es sich bei diesem Projekt um ein Hochhaus handelt (FB OK 23,75 m). Es wird nochmals darauf hingewiesen, dass dieser Standort laut Stadtentwicklungskonzept kein ausgewiesener Hochhausstandort ist. Des weiteren wurden die Abstände zum nördlichen Nachbarn nicht eingehalten und ein Gebäude in offener Bebauung vorgeschlagen. Die Jury sieht die Qualität des Projektes durch Weglassen eines Geschosses nicht beeinträchtigt.
Fortsetzung der Beratung der Jury:
Es folgt eine Diskussion über städtebauliche Kriterien und die unterschiedlichen Lösungsansätze beider, in der Wertung verbliebenen, Projekte. Beide Projekte haben aber das Thema „Hof“ neu definiert. Es überzeugt vor allem der Ansatz den „Hof“ auch von der Grenadiergasse als öffentliche Fläche für die Allgemeinheit nutzbar zu machen. Der Vertreter der Stadtplanung stellt in diesem Zusammenhang fest, dass eine Genehmigung nur im Einvernehmen mit der ASVK möglich ist und dass eine massive Überbauung des Platzes bzw. Hofes, wie sie im Projekt 1060 vorgeschlagen wird, aus städtebaulicher Sicht zu hinterfragen ist. Von der Mehrheit der Jury wird diesbezüglich keine städtebauliche Unverträglichkeit gesehen.
Auch für den Altbau und die angebotenen Lösungen wird mit dem Vertreter des BDA die Qualität des Umgangs mit der Gebäudestruktur diskutiert, wobei vom Vertreter des BDA festgehalten wird, dass beide Projekte grundsätzlich genehmigungsfähig sind, soferne in einer weiteren Bearbeitung auf die vom BDA geforderte und im Unterschutzstellungsbescheid verlangte Unveränderbarkeit von Gebäudeteilen zurückgekommen werden wird.
In der Mittagspause wurde auf Wunsch des Auslobervertreters kurzfristig ein Ziviltechniker aus dem Bereich der Tragwerksplanung (Dipl.-Ing. Robert Wendl) zur Beratung über die generelle Machbarkeit ohne Bewertung beigezogen. Der hinzugezogene Konsulent bestätigt, dass er keines der zur Diskussion stehenden Projekte kennt und in die Projekterstellung keines der Projekte involviert war.
Beide Projekte werden mit Auflagen zur Realisierung als möglich gewertet.
Es wird daraufhin der Antrag gestellt das Projekt Nr. 1060 zum Siegerprojekt zu wählen. Der Antrag wird einstimmig angenommen. Somit ist das Projekt Nr. 1064 am zweiten Platz gereiht.
Projekt Nr. 1064
Vorteilhaft ist die Anordnung einer relativ breiten Mittelzone und der zellenförmigen Raumstrukturen, die in Ergänzung hineingestellt werden. Einer guten Ausformulierung der Erschließungszone sind jedoch Einzelbüros, entsprechend dem Raumprogramm, entgegengestellt, was als Vorteil gegenüber den Großraumbüros angesehen wird. Die dadurch entstehenden Raumproportionen sind jedoch teilweise zu kleinräumig. Vor allem in der Erschließungsart wird der Ansatz als gut empfunden.
Die Extraunterbauungen des Tiefspeichers führen zu einer Überschreitung der Flächenbilanz, was jedoch durch den Einbau in die Tiefgarage wieder aufgehoben werden kann. Durch das Einfügen einer Dreigeschossigkeit ab dem 2. OG im außenliegenden Bauteil wird eine Nutzflächenerhöhung herbeigeführt (+640 m2). In der Gesamtbilanz weist das Projekt eine Flächenüberschreitung auf. Das Raumprogramm wird erfüllt, aber die Fläche laut Vorgabe wird nicht erfüllt.
Die Tiefgaragenzufahrt ist entsprechend dem vorgegebenen Verkehrskonzept gelöst, doch die Ein- und Ausfahrten sind in das Gebäude integriert, was zu einer Schonung der Außenraumflächen und einer gut verträglichen Anbindung sowohl der Zu- als auch der Ausfahrt führt. Das Projekt macht sich über den Außenraum (relativ schmaler Streifen zum Nachbargrundstück) Gedanken und bringt auch hier Lösungsansätze die realisierbar sind und eine Verbesserung mit sich.
Das Projekt überrascht in der 2. Wettbewerbsstufe. Die außen liegende Hälfte einer Dippelbaumdecke wird herausgelöst, abgebrochen und durch zwei neue Geschossdecken ersetzt. Anstatt von 2 Ebenen liegen nun im äußeren Gebäudebereich 3 Ebenen. Der Kontrast zwischen den hohen alten 2 Geschossen und den über einen Spalt gegenüber gestellten neuen 3 Geschossen ist klar lesbar, interessant und kontrastiert 2 Welten: die der historischen Repressionsarchitektur des Kasernen-, Kloster-, und Schulbaues mit der einer demokratischen Gesellschaft. Die historische Repressionsarchitektur mit ihren hohen und luftigen Räumen (jedoch mit schwerer Konstruktion), die demokratische Ordnung mit ihren niedrigen gedrückten Räumen (jedoch mit schlanker und luftiger Konstruktion). Der Kontrast ist interessant und wird durch einen 2-geschossigen Luftraum verstärkt Dieser Luft- oder Kommunikationsraum scheint eine Alternative zu den mit Büros belegten Arkadengängen darzustellen. In einer intensiven Diskussion kommt die Jury jedoch zur Auffassung dass angestrebt werden soll, die Arkadengänge soweit wie möglich zu erhalten bzw. als allgemein zugänglichen Kommunikationsraum zu nutzen. Das Bundesdenkmalamt weist darauf hin, dass historische Raumhöhen auch einen erhaltenswerten Faktor darstellen. Der Auslober weist darauf hin, dass die Kosten für die vorgeschlagenen Abbruch- und Neubaumassnahmen gravierend und seiner Einschätzung nach im Projektbudget nicht gedeckt sind. Bei genauerem Planstudium wird klar, dass die im Arkadengang vorgeschlagene Nutzung problematisch ist. Die Jury muss zu dem Schluss kommen, dass der Vorschlag in der angebotenen Dimension nicht umsetzbar ist, jedoch sehr wohl in Teilbereichen eine interessante Lösung darstellen könnte. Der konzeptuelle Ansatz wird geschätzt, vor allem im Zusammenhang der erweiterten Fassadenöffnungen. Die Jury stellt die Frage ob es sich bei den Eingestellten Neubauteilen um platte rechteckige Flächen handeln muss, oder ob in diesen Bereichen auch plastische Qualitäten möglich sind.
Der vorgeschlagene Neubau gibt Neutralität vor, erfüllt die funktionellen Erwartungen des Auslobers und ist in der Lage einen feinen Hofraum zu suggerieren. Das Schwierige an dem Neubauobjekt ist jedoch, dass es defensiv argumentiert. Es möchte sich fast, obgleich eines beachtlichen Volumens, aus dem Grundstück zurückziehen. Diese Haltung wird in der Jury verschieden bewertet.
Projekt 1060
Das Projekt wurde gegenüber der 1. Stufe entscheidend weiterentwickelt. Die Idee des Gebäudes als Dach eines öffentlichen Raumes konnte glaubwürdig materialisiert werden. Das Platzdach, (oder der Teppich wie die VerfasserIn meint) ist präzise im Verhältnis zum bestehenden Gebäude positioniert. Gesimskanten und Neubauunterkanten spielen gut zusammen. Neubau und Altbau erzeugen eine Art „Superzimmer“, collagieren einen außenliegenden Großraum aus heterogenen Elementen. Das Schöne, Erleichternde und Erfreuliche ist, dass hier eine konstruktive und räumliche Vision angeboten wird, die aus der spezifischen Situation entwickelt wurde und gleichzeitig frühe, theoretische Beispiele der Grazer Schule reformuliert.
Den vertikalen Flächen des bestehenden Gebäudes wird eine serielle und plastisch durchgebildete Gebäudeuntersicht (Teppich) gegenübergestellt. Die „Eigenfestigkeit“ dieser Gebäudeuntersicht scheint den Baukörper aus den Zwängen eines Schwebens zu befreien. Es ist kein schwebendes Gebäude, es ist ein Gebäude hoch über der Erdoberfläche gelagert auf einer Reihe von Stützen. Dieser unterliegende Stützenwald durchsetzt den Raum des „Superzimmers“, wird zu einem aktiven räumlichen Element und kann auch bei allfällig, erforderlichen statischen Zusätzen bestehen.
Der „Raum unter dem Teppich“ kann für Veranstaltungen aller Art verwendet werden. Vorgeschlagen sind Konzerte, Märkte und Spielflächen für Kinder. Der Teppich selbst wird einmal als Serie von räumlich interessanten Wohnungen, einmal als Bürocluster – in exklusiver Qualität beschrieben. Beide Funktionen sind gut vorstellbar.
Der Altbau wird über die bestehenden Arkadengänge erschlossen. Die Großzügigkeit des Gebäudes bleibt erhalten. Den bestehenden Arkadengängen untergeordnet wird eine zweite „interne Erschließung“, die vor allem die innere Kommunikation regelt. Im bestehenden Rahmen wird die Grundlage für einen flexiblen Bürokörper gebildet. Die VerfasserIn wird die räumliche und funktionelle Qualität dieses 2. untergeordneten Weges genauer erklären und klären müssen. Die bestehenden Arkadengänge des Bestandsgebäudes stellen im Vorschlag der VerfasserIn einen Raumüberschuss dar. Sie fungieren als Foyer und Kommunikationsflächen, kommunizieren zwischen Außen- und Innenraum und filtern private Zonen von öffentlichen Bereichen. Es wird in Abstimmung mit dem Nutzer zu klären sein, inwieweit sie als Kommunikationsflächen bzw. als Büroflächen mitgenutzt werden können. Für einen funktionierenden Verwaltungsbau ist die Ergänzung um funktionsfähige Foyers in den Hauseingangsbereichen dringend erforderlich. In der weiteren Bearbeitung wird auch der Wunsch des Nutzers zu berücksichtigen sein, ständig genutzte Arbeitsplätze grundsätzlich direkt belichtet bzw. belüftet zu gestalten und eine Gleichwertigkeit der Arbeitsplätze herzustellen. Die Übergänge zwischen vertikaler und horizontaler Erschließung müssten besser formuliert werden.
Durch die doppelte Erschließung ergibt sich ein sehr hoher Verkehrsflächenanteil. Das Raumprogramm konnte erfüllt werden, wenngleich die Größe der Räume bei der vom Projektverfasser vorgeschlagenen Aufteilung bzw. Belegung nicht immer den gestellten Anforderungen entspricht und somit einer Optimierung hinsichtlich der abteilungsspezifischen Flächenanforderungen bedarf. Die Archive sind im Keller untergebracht, was eine Verringerung der Allgemeinflächen bedeutet. Arbeitstechnisch ist gewünscht, dass sich die Abteilungsarchive im Raumverband der Abteilungen befinden, was in ggst. Projekt nicht der Fall ist, aber als behebbarer Mangel eingestuft wird. Die Zusammenfassung von Einzelbüros zu größeren Einheiten sollte in Abstimmung mit dem Nutzer überprüft werden.
Der Erschließungsbaukörper wird in einzelnen Juryanmerkungen kritisiert. Tatsächlich ist dieser Baukörper der unentschiedenste Teil des Projekts. Dieser Bauteil muss auch unter dem Aspekt gesehen werden, dass das anschließende Gebäude am Nachbargrundstück einmal fehlen könnte.
Der Vorschlag der VerfasserIn die rechteckigen Fensterformate der Nordfassade gegen bogenförmige Fensterformate zu tauschen wird zurückgewiesen. Dieser Vorschlag ist für die Mehrheit der Jury schlicht und einfach unverständlich.
In einzelnen Anmerkungen der Jury wird auch gefragt ob die Höhenlage und Ausdehnung des Baukörpers richtig ist, u.U. sollte der Baukörper höher zu liegen kommen. Vom Vertreter der Stadtplanung wird angemerkt, dass eine Überbauung im vorgeschlagenen Ausmaß noch auf die stadträumliche Verträglichkeit hin überprüft werden müsse. Auch die Auswirkungen der Bebauung auf die Sicherstellung einer ausreichenden Belichtung der Arbeitsräume des Bestandes wird im Weiteren zu beachten sein. In jedem Fall sieht die Jury das Erfordernis hier mit großformatigen Studienmodellen zu arbeiten.
Fortsetzung der Beratung der Jury:
Der Vorsitzende Haberz dankt allen Jurymitgliedern und den anwesenden Ersatzmitgliedern für die auf hoch stehendem Niveau geführte sachliche Diskussion.
Es werden die Verfasserkuverts geöffnet. Der Vorsitzende verständigt die Preisträger telefonisch vom Ergebnis.
Ende des zweiten Jurysitzungstages um 18:00 Uhr.