Lehren aus dem EM-Stadionprojekt - Kommentar der anderen von Bernhard Hafner und Wolfgang Feyferlik, erschienen in DER STANDARD, Print-Ausgabe 26./27./28.3.2005.
Die Trennung von Planung und Ausführung ist eines der Fundamente architektonischen Schaffens. Sie befreit die programmatisch-gestalterische Arbeit von freiberuflichen Architekten und Ingenieuren von Logistik, Leistungsfähigkeit und der Optimierung der Kosten der Errichtung durch Unternehmen. So bekommt der Bauherr das bestmögliche Produkt: den besten, aus einem großen Angebot von Bietern gewählten Entwurf und den im gegeben Fall kompetentesten Ausführenden.
Bei der Ausführung geht es für den Unternehmer darum, ein bereits geplantes Produkt mit Kostengunst und Gewinn zu realisieren. Dafür soll der Preiswettbewerb sorgen. Der vom Ausführenden gewählte Planer plant nach anderen Gesichtspunkten als der selbständige Architekt oder Ingenieur. Er ist Auftragnehmer und eine Art von Subunternehmer. Auch in der Ausführung wirkt sich die Trennung von Planung und Errichtung positiv aus: Immer noch hat der Architekt die Aufgabe, die Qualität des von ihm geplanten Werkes zu beaufsichtigen und zu sichern. Dadurch gewinnt er Wissen um Kosten und deren Einfluss auf das Bauen.
Der Unterschied zeigt sich auch in der Art des Wettbewerbs, dem sich beide stellen. Architekten sprechen von einem Architekturwettbewerb, in dem sie eine geistig-schöpferische Leistung erbringen, die von gleich Qualifizierten begutachtet wird. Ausführende sprechen von Preisanboten eines Kostenwettbewerbes, eines Tender. Wenn nicht Mängel der Erfüllung von Vertragsbedingungen bestehen, gewinnt der Billigstbieter. Dort werden Planungen mit Planungen vergleichen, hier Kosten mit Kosten.
In einem Generalübernehmerverfahren ist das anders. Architekten sind ausgeschlossen, da sie weder ausführungsberechtigt sind noch wirtschaftlich-finanzielle Kriterien erfüllen können. Nur wenige können in so einem Fall im Auftrag des Ausführenden als eine Art von Subunternehmer wirken. Wie aber soll die Qualität der Planungen unterschiedlicher Bieter beurteilt werden, wenn diese Teil von Kostenangeboten sind? Kosten sind einfach zu vergleichen, aber Planungen? Selbst wenn die Voraussetzungen für eine Qualitätsauswahl wie in einem Architekturwettbewerb gegeben sind, bleibt die Problematik des Vergleichens einer geistig-schöpferischen Leistung mit Kosten bestehen. Darunter leiden Durchsichtigkeit des Prozesses und Qualität des Ergebnisses. Die Bequemlichkeit des Auftraggebers, alles in einer Hand zu sehen, wiegt dieses Manko nicht auf: Auch Bauherr Sein ist eine große und wichtige Aufgabe. Er bekommt nicht nur etwas von seinen Auftragnehmern sondern auch für sein Engagement.
In unserem kulturellen Verständnis bedeutet Bauen die Planung als geistig-schöpferische Leistung von der Ausführung zu trennen. Das ist die Grundlage der Innovation im Bauen. Werke der Baukunst vom Dipteros über das Pantheon und die Aquädukte, die Kathedralen, den Zentralbau der Renaissance bis zu den Meisterwerken der Moderne sind ein entscheidender Teil unseres Selbstverständnisses. Wer spricht heute noch über die Bilanzen ihrer Bauherrn? Imagination und, nicht selten, Utopie stehen im Vordergrund, nicht die Kostenoptimierung für die Firmenbilanz. Erst mit dieser Trennung werden Verfahren durchsichtig, qualitätssichernd und kostenbewusst. Planungen sollen mit Planungen verglichen werden und Kosten und Leistungsfähigkeit von Unternehmen miteinander; in beiden Fällen sozusagen Äpfel mit Äpfeln, nicht Äpfel mit Birnen. So ist es in getrennten Verfahren, so ist es richtig.
Die Geschichte um das EM Stadion in Klagenfurt zeigt die Problematik auf. Zwei Architekten gingen wegen des Generalübernehmerverfahrens vor den Bundesvergabeausschuss. Einmal, weil Architekten als nicht Ausführungsberechtigte von der Teilnahme ausgeschlossen sind, zum andern, weil auf Verfahrensmängel aufmerksam gemacht werden sollte. Der erste Klagegrund wurde abgewiesen – die Berufung beim Verwaltungsgerichtshof läuft -, die aufgezeigten Verfahrensmängel aber wurden bestätigt. Sie zeigen jetzt Folgen, die den Bau in Frage stellen, und es gab, wie erwartet, keine Beschleunigung der Projektabwicklung. Jetzt gibt es Klagen ausgeschiedenen Bewerber gegen den Auslober. Bewerber, „die am lautesten Unterpreis schrien“ haben sich „nach Veröffentlichung der Angebote in der Kärntner Woche, auf unserem eingependelt“, so Porr-Chef Horst Pöchhacker: so unumstößlich sind also auch Kostenangebote nicht. Über die Qualität der Planungen der Bieter verlautet nichts: ihre Qualität scheint „selbstverständlich“ zu sein. Worum aber geht es dann? Für den Unternehmer geht es um einen Großauftrag, von dem er sich Gewinn und Prestige verspricht; für den Auslober um die zeitgerechte Fertigstellung des Stadions, die er durch die Wahl eines Sonderverfahrens gesichert meinte. Worum geht es eigentlich uns Österreichern, die das Geld zur Verfügung stellen und in deren Auftrag die Politik einen Job zu erfüllen hat? Da die Entscheidung, bauen zu wollen, gefallen ist, geht es auch ihnen um die Errichtung des Stadions. Unser Kulturverständnis verlangt, dass Entscheidungen durchsichtig, nachvollziehbar und im Sinne von Qualität getroffen werden. Dies ist am ehesten durch die Trennung von Planung und Ausführung statt dem Begehen eines Weges mit vermeintlich geringsten Widerständen gewährleistet. Wer gegen diesen Weg ist, so meint der Porr-Chef, habe „entweder nicht die Zufriedenheit der Kunden im Auge oder zu wenig Kompetenz“. Wer solche Pauschalurteile ausspricht, zeigt mangelndes kulturelles Verständnis im Umgang mit öffentlichen Interessen oder setzt seine Zufriedenheit gleich der Zufriedenheit des öffentlichen Auftraggebers. Eigentlich eine maßlose Selbstüberschätzung.
Wir alle hoffen, dass das Stadion fristgerecht fertig gestellt wird. In Zukunft aber bitte anders: Nicht nur Verfahrensmängel vermeiden, sondern Planung und Ausführung trennen. Alle wollen Architektur. Sie sollen sie auch kriegen - mit Architekten, die nicht nur im Auftrag von Bietern im Preiswettbewerb planen können.
- Verfasser/in:
- Bernhard Hafner, Wolfgang Feyferlik, Architekten
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