Peter Eisenman sei, so wird gesagt, der europäischste unter den amerikanischen Architekten. Tatsächlich leitet sich seine fast 40 jährige Arbeit als Architekt von der immer wieder gestellten Frage nach der Genese von Form jenseits formalistischer Prozesse ab. Auf der Suche nach Antworten bedient er sich philosophischer Gedankengebäude, etwa der französischen Denker Blanchot oder Derrida, dessen Idee des Textes und der Dekonstruktion er in entsprechende architektonische Verfahren übersetzt. Eisenmans Ergebnisse, sowohl die gebauten wie die gedachten, zielen darauf ab, unseren Kanon von Raumvorstellungen zu destabilisieren.
In diesem Sinne ist auch seine Installation für die Ausstellung im Wiener Museum für Angewandte Kunst zu sehen, die ein Projekt für sich geworden ist. Eisenman baut einen vordergründig unspektakulären Raum, den Emmanuel Petit in seinem Katalogtext „still“ nennt, als raumfüllendes Implantat in die historistische große Halle des Museums und verdrängt diese radikal. Zurück bleibt nur das riesige Eingangsportal.
Der neue Raum ist reduziert auf einen orthogonalen Raster, der den Boden als weißer breiter Streifen durchzieht und in dessen Schnittpunkte 30 pfeilerartige, begehbare Strukturen gesetzt wurden. Eine auf nur zweieinhalb Meter Höhe abgesenkte Decke komprimiert die vertikale Dimension des Raumes bedrohlich. Sie hüllt ihn in diffuses Halbdunkel, während die Pfeiler den Plafond durchdringen und sich schachtartig fünf oder neun Meter nach oben öffnen, von wo sie belichtet werden. Die Pfeiler scheinen zu schweben. Ihre nicht tragenden Wände sind vom Boden leicht abgehoben und verströmen von unten Licht in die fast klaustrophobischen Zwischenräume.
Betritt man die einzelnen Pfeiler, deren Zugänge ausnahmslos vom Halleneingang abgewandt sind, findet man sich unvermittelt mitten in Eisenmans fast hermetischer Denkwelt. Einige der figuralen Elemente und Gitterstrukturen, die als Fragmente seiner Entwürfe je einen Pfeiler besetzen, öffnen sich dem Betrachter trotz kurzer Erklärungen kaum. Nur vier der Projekte sind in der Form klassischer Modelle präsentiert. Seine frühen Häuser, von denen Haus IV und VI in der Schau zu sehen sind, sind trotz komplexer figurativer Innenraumkubaturen als Ergebnis einer mehrfachen Überlagerung und Transformation von Rastern lesbar. Und im Wexner Center, Eisenmans erster größerer Realisierung, werden Dekonstruktion und Fragmentierung mit beinahe expressiver Wucht vorgeführt und so verständlich.
Dem Ausstellungskonzept und allen gezeigten Projekten ist gemeinsam, dass sie die Hegemonie der Zeichnung verneinen zugunsten des Diagramms, das nach Eisenman das Sichtbare und das Figurale nicht mehr primär erscheinen lässt und dem Raum das Ikonische nimmt. Der Rückgriff auf das Diagramm in den Arbeiten der Holländer MVRDV oder Ben van Berkel lässt auf ähnliche Ansätze schließen.
Eisenmans Werkschau hat nichts gemein mit den üblichen „best of ...“- Präsentationen und auch nichts mit didaktischen Analysen. Sie bleibt fragmentarisch und introvertiert und wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. Man kann den Denker unter den Architekten auf seiner steten Suche nach dem inneren „Text der Architektur“ in der Schau begleiten und, wenn man sich auf sie einlässt, Bedeutungstiefe finden. Aber auch augenzwinkernde Oberfläche, etwa den Schriftzug „Eisenmanamnesie“ - ein Palindrom*), wie ein Graffiti an die Innenwand eines der Pfeiler gesprüht.
*)Wortfolge oder Satz, die vorwärts wie rückwärts gelesen (den gleichen) Sinn ergeben.
Ausstellungsort MAK-Ausstellungshalle
Weiskirchnerstraße 3, A-1010 Wien
Ausstellungsdauer bis 22. Mai 2005
Öffnungszeiten Di (MAK NITE©) 10.00–24.00 Uhr
Mi–So 10.00–18.00 Uhr, Mo geschlossen
MAK-Eintritt € 7,90 / € 9,90 mit MAK-Guide / ermäßigt € 4,–
Jeden Samstag Eintritt frei.
Peter Eisenmans Lecture im Rahmen der MAK-Vortragsreihe „changing architecture“ fand am Dienstag, den 11. Jänner 2005 um 19.00 Uhr zugleich mit der Katalogpräsentation im MAK-Vortragssaal statt.
Katalog „PETER EISENMAN. Barfuß auf weiß glühenden Mauern“, herausgegeben von Peter Noever, mit Texten von Peter Eisenman, Karl Chu, Greg Lynn, Emmanuel Petit und Pier Vittorio Aureli, MAK 2004, 34 €, deutsch/englisch, ca. 220 Seiten, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit
- Verfasser/in:
- Karin Tschavgova
- Redaktion GAT







