Ein Erlebnissaufsatz.
Ich hasse Menschenmassen, ich hasse angeordnete Generalfröhlichkeit, ich hasse Silvester und ich hasse Kälte. Ich hasse Eröffnungen.
Dem ersten minusgradigen Schrei einer frisch geborenen europäischen Kulturhauptstadt zum Jahreswechsel sich schutzlos auszusetzen, heißt ein mächtiges Glaubensbekenntnis abzugeben. Liebe deine Feinde und zwar alle auf einmal.
Sechs Jahre nach Graz findet nun wieder in einer Stadt Österreichs - zusammen mit dem litauischen Vilnius - für ein Jahr das kulturelle Nabelpiercing Europas statt.
Und so begab es sich, dass an diesem letzten Tag des Jahres sich die Sonne diskret und unbenutzt vom Linzer Himmel stahl, denn es wurde heller.
Die Brückenkopfgebäude an der Donaulände erblauten mit erhabenen Lichtbändern. Skybeamer (die guten alten Lichtdome) stocherten in Nachtwolken. Und auf der Nibelungenbrücke herrschte auch keine Spur von Verdunkelung. „ A bisserl speerig, das Alles“, raunte - etwas politisch unerhört - ein Betrachter aus der Masse neben mir.
Es ist halt so ein Problem mit der Imagebekämpfung. Einmal Führers Liebling gewesen zu sein, verheilt nur sehr langsam. Aber da ich ja selbst in der Stadt einer anno seinerzeitig bedeutsamen Volkserhebung lebe, werde ich jetzt nach keinem Stein greifen.
Klar, auch ich bin durchaus für „Ahs“ und „Uhs“ anfällig, wenn sich über mein Haupt geschossenes Schwarzpulver entzündet. Und wie das neue Ars Electronica Gebäude dann immer wieder von solch einer funkelnden Trauerweide aus Nitraten und Eisenspänen umrahmt wurde, dazu noch ein riesiger Chor übers Wasser gurgelte, ja freilich hält man da den Atem an. Besonders, wenn man seinen Beobachtungsposten in Windrichtung der Schwefelschwaden gewählt hat.
Doch ich presche vor.
Da waren ja noch die Bauarbeiter am Donauufer, die den 08/09-Countdown als Uhrkörper abhackelten. Im Minutentakt mit Brettern, Schrauben, Elektrobohrern und Leitern die Zeit physisch zu wechseln, gibt Begriffen wie Takt, Unruhe oder Ziffernsturz eine sehr menschliche Note.
Im Brucknerhaus fanden die immer neu abmischbaren Dreieinigkeiten der Vorabwesentlichkeiten ihren Schauraum.
Der Präsident, der Bürgermeister und der Intendant.
Die Eleganz, die Prominenz und der Berichterstatter.
Das Büffet, die Bar und die Bühne.
Während die Geladenen im Warmen Worte wechselten, wurde ans kalte Volk draußen ein Kulturhandschuh in rosarot verteilt. „Being in the pink“, also gesund und munter sein, wer wünscht dem Nächsten das nicht immer aus vollem Herzen, knapp bevor der alte Kalender entsorgt wird. So lässt es sich kälteresistenter umarmen, wenn später sich das neue Jahr erbricht.
Nicht zu vergessen auch die Rassetierschau. Im Grand Hotel, der adeligsten Herberge an der Donau. Zu der bin ich auch dann schleunigst gewechselt, bevor Festreden mich fest schlafen ließen. Der russische Krebs hat übrigens diesen Wettbewerb in faunastischer Dramatik verdient gewonnen. Auch wenn ich lange mit der Blutegelin sympathisierte.
Am Hauptplatz hab ich tolle Binder & Krieglstein verpasst, aber dafür tolle Attwenger nach Mitternacht nicht. Nachdem ich aber nicht sensationsgierig warten wollte, bis bei der Kälte dem Markus Binder die Maultrommel an den Lippen anfriert, bin ich dann doch heimlich schlafen gegangen.
Die Dreifaltigkeitssäule haben sie aber auch fesch beleuchtet, war mein letzter Gedanke am Nachhauseweg.
Dann ein Tag der Ruhe, der außer Tee trinken und abwarten, nur durch einen gröberen Kratzer an meinem Handrücken geprägt war. (Der alten Hauskatze die pink-färbigen Handschuhe als Beinwärmer überzustreifen, um sie als Paulchen Panther zu reinkanieren, erwies sich dann doch schmerzhafter als gedacht – für mich.)
Am dritten Tag die Wiederauferstehung.
Die Ars Electronica der Welt öffnete sich im neuen Würfel für den Spieltrieb:
Die flirtende Roboterdame mit den Lippen wie die Stossstange eines V12 Jaguars (endlich kann ich diese Liedzeile eines meiner Lieblingslieder der Achtziger ohne Chauvinismus anbringen, danke übrigens Herr Morak).
Die Megapixelprojektionen. Flüchtet vor dem Ganzen, rettet das Detail! In einer kargen Landschaft eines amerikanischen Nationalparks nach einem versteckten Toyota zu suchen, was für eine Metapher zu Krisenzeiten. Wow !
Das Genlabor, in dem jeder seine im Sterben begriffene Topfpflanze neu erschaffen kann. Das Ende der Blumenläden ist nah!
Der Blick auf die inneren Werte von sich selbst. Da wird eine Retina zum Wüstenplaneten und selbst eine spontane Darmspiegelung geht ganz schmerzfrei ab.
Mein persönlicher Favorit war dann wohl eins der kleinsten Lebewesen im Raum. Es trug und trägt noch immer den hübschen Vornamen Yersinia, gehört zur Familie der Enterobakterien und schaut auch so niedlich aus – am Objektträger unterm Mikroskop. Der Haken daran, es überträgt den schwarzen Tod.
Als Bakterienkultur ist die Pest Gott sei Dank 2009 nicht als Programmschwerpunkt vorgesehen. Würde ja auch die Besucherstatistik ziemlich belasten.
Mit einem weichen B dagegen entsteht sofort wieder Entspannung und Harmonie. Wie im Lentos. Da gibt es Best of Austria und behördlich zugelassene Kulturträger. Museum im Museum sozusagen mit Exponaten quer durch Österreichs Kunstpflegeheime.
Leider lassen sich Bechtolds Betonporsche nur im freien Fall recht zügig beschleunigen, dafür reagierte mein Wolf im Schafspelz eher gereizt auf Deborah Sengls Zebralöwin. So befand sich mein Körper bald in einem Stadium der musealen Durchlauferhitzung. Aber kein Schluck aus Maria Theresias Teeservice zu kriegen.
Da blieb nur eine Rettung: Zurück zur Natur - der von den Weinbergers im Nachbarsaal. Die zwei dicht mit verklebten Fliegen zu einem Kreuz geformten Honigstreifen. Welch einfach göttliche Eleganz.
Am Nachhauseweg kam ich wieder am Hauptplatz vorbei. Die Bühnen, die Lichtrampen von der Eröffnungsnacht waren längst wieder weg. Nur die Dreifaltigkeitssäule stand leuchtend und entrückt nach wie vor. Im frühen 18. Jahrhundert als die Pestwellen ihr Ende gefunden hatten, war sie als Dankeschön an die da oben aufgestellt worden.
„So schließt sich heute der Kreis“, dachte ich und an die Stromkosten, die dieses Jahr in Linz anfallen werden.
Emil Gruber
lebt in Graz
Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger
Kontakt: katmai@aon.at
- Verfasser/in:
- Emil Gruber
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