Zu Hause, mitten im Jänner. Vom November, als ich in Palermo war, habe ich nichts - außer einige einschneidende Erinnerungen und immerhin ein Blatt bedrucktes Papier. Auf dem steht in einladendem Layout (und auf der ganzen Welt kann nur ein einziger Mensch diese Wörterfolge angemessen zu Gehör bringen, nämlich ein Italienischlehrer des Schulfunks, dessen manierierte Radiostimme mit jedem Wort, mit jedem Zungenschlag den gesamten Sprachkörper »Italienisch« abschleckte):
Societa Italiana di Endocrinologia e Diabetologia Pediatrica. Corsi di Aggiornamenta 1995. Mondello, Palermo. Hotel Splendid La Torre. Ja, diesen Versammlungsprospekt italienischer Kinderärzte habe ich aus dem Hotel Splendid La Torre in Mondello/Palermo mitgenommen. Draußen, und das im November, schien die Sonne aufs Meer - es spiegelte die Lichtstrahlen wider -‚ und drinnen im Hotel besprachen elegante Ärztinnen und Ärzte die Zuckerkrankheit von Kindern.
Nach Mondello, dem mondänen Vorort, war ich ausgewichen, Palermo, die Stadt, fliehend. Ich gebe zu, ich bin nicht der geborene Reisende, ich bin ein furchtsamer Mensch, und konsequent fürchte ich mich am meisten dort, wo es auch was zu fürchten gibt. Palermo ist eine schöne Stadt, Palermo sehen und sterben, aber die Schönheit der Stadt ist krank, und die Krankheit ist die Armut der Mehrheit ihrer Einwohner und der in Massen Zugereisten, der Illegalen, die in Palermo sind, ohne aber Einwohner zu sein; sie sind bloß Fluchtunterbrecher, und ich bin bloß einer, der sein Zuhausesein unterbrochen hat. Es ist die Sensibilität dessen, der ein Zuhause hat, die den Blick auf die Fremde verstellt: In dieser Stadt ist so viel Wahrheit, die man von Haus aus nicht anerkennen kann, also greift man zur Furcht, die einen durch ihre Deutlichkeit beschützt.
In meinen Augen war Palermo von einer Düsternis befallen; die abgetakelte Großmannssucht ehemaliger Herrscher und Kirchenfürsten, großartige historische Bauten, aber das alles steht inmitten einer gigantischen sozialen Auflösung, und vor Auflösung fürchte ich mich sehr. Schnell verliert man überall auf der Erde den Boden und auch den Grund. Alle Orte der Welt sind - aus meiner Sicht (aus dieser lebensnostalgischen Angst vor dem Tod, aus einer Schwäche also, die ich für die Verachtung Stärkerer bereitstelle) - gleich weit vom Abgrund entfernt, und mit äußerster Verachtung gedenke ich des Fußballobermanagers aus dem italienischen Norden, der gesagt hatte (aus einem der üblichen idiotischen Anlässe), ja, die Deutschen, die wagen es, uns schlecht zu behandeln, weil sie glauben, alle Italiener wären Sizilianer. Aber ist es nicht der Norden gewesen, der den Süden ausgebeutet hat, und der diesen jetzt nicht mehr sympathisch findet, weil der von den Folgen der Ausbeutung so entstellt wirkt?
Die Himmelsrichtungen. Merkwürdig (oder von mir aus: unvergeßlich), da spazierte ich mit einem deutschen Professor, einem namhaften Germanisten, durch eine schmale palermische Gasse. Ich erklärte ihm gerade die Welt, selbstverständlich in lauter, unüberhörbar deutscher Sprache, und plötzlich ging der Professor neben mir zu Boden; ein junger Einwohner war aus einer Ecke hervorgezischt, hatte blitzschnell die Herrenhandtasche des Professors gefaßt, der Professor ließ die Tasche nicht los, Dieb und Beraubter stürzten gemeinsam zu Boden. Die Bodentechnik des Diebes war allerdings unschlagbar, am Boden kennt sich so einer aus, und wieder einmal war ein deutscher Professor seiner Kreditkarten verlustig gegangen.
Was für eine Bilderbuchgeschichte, diese Geschichte von der direkten Einhebung der Fremdensverkehrsabgabe, direkt von der Bevölkerung eingehoben, ohne bürokratische Umwege -inklusive Solidaritätszuschlag. Und es war meine Weiterklärung gewesen, die den Menschen angelockt hatte, der sich als Dieb entpuppte. Der Dieb hatte von meiner Welterklärung nichts verstanden, aber das Wichtigste eben schon, nämlich daß es für ihn etwas zu holen gab. Die Laute meiner Muttersprache hatten ihn angelockt. Auf den Professor wartete ich später mehrere Stunden; ich stand vor einer Polizeikaserne in Palermo und verkürzte mir die Zeit unter anderem mit der Erinnerung, daß mein Vater auch Polizist gewesen war und daß mir das Warten vor Häusern nicht fremd war, in die Polizei hinein- und herausgeht. Überall auf der Welt findet man in Gedanken Anschluß. Der lange Aufenthalt des Professors im Gebäude galt nicht dem Dieb, sondern der geraubten Herrenhandtasche. Diese hatte nämlich alles enthalten, was ein Mensch auf Reisen benötigt, sogar den Paß, vor allem aber eine kleine Armee von Kreditkarten, die sich der Professor bei seinen Gastprofessuren zugelegt hatte und die er jetzt - mit Hilfe der Polizei - zurückrufen mußte. Der Professor hatte gegen jede Touristeninformation geglaubt, je näher er etwas am Körper trage, desto sicherer würde es sein. Beisichsein und Beisichhaben.
Eine Woche noch blieb der Professor in Palermo. Aber seine Verstörung wegen des Vorfalls, wegen seines Sturzes und wegen des kurzen und aussichtslosen Kampfes am Rande des Rinnsteins, wurde nicht schwächer. Im Gegenteil, ich mußte an dem Professor sogar eine moralische Verwahrlosung, eine Zerrüttung wahrnehmen: Er hatte sich von mir Geld geliehen, eine für mich beträchtliche Summe, und es kam allmählich heraus, daß er nicht im geringsten geneigt war, sie mir zurückzuzahlen. Er schien zu meinen (und er machte es mir in Anspielungen deutlich), daß er ohnedies überfallen worden wäre und daß ihm daher alles gebührte, was er nur kriegen konnte. Da ich zu selbstzerstörerischer Großzügigkeit neige und diese Neigung wie ein Laster genieße, schenkte ich ihm das Geld und verlor kein Wort mehr darüber. Jetzt ist es das erste Mal, daß ich der Wahrheit wegen darüber spreche. Wahr ist leider auch, daß ich bei aller Großzügigkeit - man merkt es bis heute - mit einem niederträchtigen Gefühl zu kämpfen hatte, mit einer Verachtung für den Professor, der in dem ihm angestammten Rahmen großtat, während er die Konfrontation mit einer anderen, mehr körperbetonten Wirklichkeit kaum verkraftete.
Wäre ich zu Boden gerissen worden, wie hätte ich es überstanden? Auch um mich über die Niederträchtigkeit meiner Verachtung eines Opfers, eines beraubten Menschen, zu trösten, behaupte ich, daß meine Professorenverachtung auch etwas von Selbstverachtung hat. Der Professor hatte doch den Verdacht bestätigt, der auch über mich verhängt ist, daß nämlich ein Mensch, der die Welt erklärt und Bücher liest, es mit Erklärungen zu tun hat und mit Büchern, aber es mit der Welt kaum aufnehmen kann. Kaum zeigt sich diese von ihrer nicht kooperativen Seite, ist der Mensch als Professor (und auch schon als nicht habilitierter Welterklärer) in einer unwürdigen Art und Weise hilflos. Ich schämte mich für diesen Gedanken, der obendrein noch ein weitverbreitetes Vorurteil bestärkt. Aber könnte man in meiner Verachtung etwas Positives finden, so wäre es doch der Glaube, daß »die Literatur« denen, die zu ihr Zugang haben (oft so sehr, daß sie die Zugänge verstopfen), einen Sinn für die Anarchie gibt, die der »außerliterarischen Wirklichkeit« manchmal auch zum Glück nicht auszutreiben ist.
In meine Knochen, ja, in die Knochen, ist mir etwas anderes von Palermo gefahren, und zwar während einer Nachtfahrt. Daß Dunkelheiten sich im Inneren eines Menschen manchmal wie eine Erleuchtung ausnehmen, darüber muß ich verlegen (wenn auch nicht um eine Erklärung verlegen) behaupten, daß solche Eindrücke wohl urtümlichen Ursprungs sind: als der Mensch noch in Höhlen lebte und zwischen Licht und Dunkel Welten lagen. Das Taxi fuhr langsam durch die Stadt, und auf einmal lag ein großer Platz vor uns, dessen genaue Ausmaße wegen der Sichtverhältnisse nicht einzuschätzen waren. Dem Platz gegenüber bestand in diesen Augenblicken alles aus Ahnungen, aber sie ersetzten bestimmt, was den Wahrnehmungen entzogen war, und den Rest an Einsicht besorgte der im Fond des Taxis nachdenklich gewordene Kopf So entstand in jener Nacht ein ganzes, ein integres Bild, schon bereit für die spätere Erinnerung. Die an Ort und Stelle fehlenden Details konnte man ruhig übersehen, ein Ganzes heißt nicht alles, dachte ich, ein noch unbekanntes Gesetz des Wahrnehmungstotalitarismus aufstellend. Es war ein Moment, in dem das Abgründige des Daseins eine Kulisse gefunden hat. Aber genau so darf ich es nicht sagen: Ironie ist nicht am Platz, also keine Kulissen.
Der Platz war für sich in Dunkelheit getaucht; das Licht des Taxis zerteilte sie zuerst allmählich, dann plötzlich schneidend, und es verlor sich am Ende im Nichts. Das Taxi fuhr wie im Triumphzug in den Platz ein, aber da das Licht am Ende nicht hielt, was es versprach, war der Triumph auch schnell vorüber. Es gab - neben den Scheinwerfern - nur noch einzelne, verwischte Lichtfetzen am Horizont. Hätte ich die Lage aufgrund meiner Eindrücke beurteilen müssen, dann hätte ich gesagt, diese Stadtlandschaft ist eine Vorkriegs- oder eine Nachkriegslandschaft: Die große Erschöpng steht entweder bevor oder sie ging gerade vorüber. Vorübergehend herrschte auf dem Platz Friede. Die Vorstellung dieser Übergangszeit, dieser Unentschiedenheit, verlieh meiner Taxifahrt etwas Schwebendes. Mir fiel der Grund ein, aus dem ich vor vielen Jahren meinen ersten Videorekorder gekauft hatte: Ich hatte einen Film gesehen, in dem die Menschen nicht auf Straßen fuhren, sondern sich durch die Häuserschluchten in kleinen, in der Luft schwebenden Raumschiffen bewegten. Diese Bewegung wollte ich mir unbedingt nach Belieben vorspielen, und so trug ich eines Tages einen Fernseher mit einem Rekorder nach Hause. Den Rest des Films, ein Heldengewirks, haßte ich, aber die Leichtigkeit, mit der sich die luftgeeichten Raumschiffe in der Höhe bewegten, habe ich den angenehmen Seiten meines Lebensgefühls hinzufügen können.
Auf dem Platz, der gewiß vor Hunderten von Jahren erbaut worden war, ergriff mich schlagartig eine Feierlichkeit, ein Gefühl, das die Unschuld erst in seiner Beschreibung verliert, während es doch im Taxi noch ganz echt war. Der Platz war ein Fest aus Architektur; seinen Namen und seine Geschichte wollte ich nicht wissen, um das Allgemeine seiner Schönheit, die sich mir in Augenblicken bot, auch in der Erinnerung feiern zu können. Ich wollte es bei der Flüchtigkeit der Durchfahrt belassen, wollte nicht bei einem anderen Licht wiederkommen. Obwohl der Platz, sieht man eben von den Scheinwerfern des Taxis ab, fast vollständig im dunkeln lag, erschien er mir in diesem Moment als die einzig mögliche Verkörperung von Öffentlichkeit, gemacht für Ansammlungen von Menschen, die entschlossen waren, »die Wahrheit«, also das, was sie ehrlich dafür hielten, auch zu sagen. Eine Öffentlichkeit, in der Menschen stolz sind, keine Geheimnisse zu haben, und die in der architektonischen Schönheit ein Äquivalent für diesen Stolz findet; in der Schönheit ist das Geheimnis bewahrt, das die Offenheit des Platzes und seine allgemeine Zugänglichkeit nicht zuläßt. Egal, ob der Bauherr Aristokrat war und er den Ausdruck des Platzes in diesem Sinne haben wollte, offene Plätze sind immer auch im Gegensinn da; sie sind anfällig fürs Bürgerliche und für die Plebs, die anerkannt sein will.
Die erstaunliche Schönheit, wie man bei uns sagt, des Südens, der zu dieser Jahreszeit gar nicht bei sich war, und der Platz als Erinnerung an eine Zivilisation, die wenigstens an manchen Stellen würdevoll erscheinen wollte (auch um ihre Würde weiterzugeben) - wenn von diesem Willen, so dachte ich, etwas geblieben ist, und sei es ein Platz in der Stadt, dann ist damit auch ein Motiv überliefert, aus der Erscheinung, aus dem schönen Schein, Schlüsse für den Lebensernst zu ziehen. Das ist das utopische Moment, das selbst nur scheinbar gelungenen Vergangenheiten innewohnt. Dieser idealistische Gedanke war das Resultat einer Ergriffenheit, derer ich mich nicht erwehren konnte. Der Stolz, den ich in die Architektur des Platzes hineinprojizierte, galt heute wie damals, ungeachtet der Barbarei, die schon um die Ecke spürbar war. So idealistisch war ich also nicht, um das zu übersehen. Die Menschenleere des Platzes verstärkte seine ästhetische Eindringlichkeit, und durch die Lichtfetzen und Schattenrisse hindurch fuhren wir endlich an ihm vorbei.
Ich war eingeladen bei einem anderen Germanisten, bei einem Deutschen, der viele Jahre schon in Palermo lebte und der eine vornehme Frau aus dieser Stadt geheiratet hatte. Sie war von einer seltenen Grazie, von einer nicht arroganten Herausgehobenheit aus dem Rest von uns - im Vergleich mit ihr erschienen viele gewöhnlich, jedenfalls kam ich mir selbst so vor. Ich muß ihr danken, daß sie mir niemals das Gefühl gegeben hat, gegen meine in ihrer Gegenwart unvermeidlich auftretende Gewöhnlichkeit angehen zu müssen. Dem beraubten Professor, dem ich weiterhin die Welt zu erklären pflegte, gab ich allerdings den Hinweis, man könne manchmal schon sehen, daß der aufrechte, gattungsübliche Gang zu etwas gut sei. Ihr Mann, der aus Deutschland eingewanderte Germanist, trug den wunderschönen Nordlichtnamen Brodersen, durch den ich mir Schiffahrt und Fischfang und eine kalte Brise von der See her vorstellte. Die Wohnung des Ehepaares lag in meiner Erinnerung nahe der Oper, und als ich das herrschaftlich wirkende Haus betrat, fiel mir die große, durch ihre luxuriöse Ausstattung hervorragende Portiersloge auf. Sie stand leer, und ich dachte mit der typischen Häme eines Eingeladenen aus den unteren Schichten: Dazu hat es also nicht gereicht, einen echten Portier können sie nicht bezahlen. Ein echter Portier hätte mich gewiß von seiner Loge aus gestellt, und ich hätte als Losungswort den Namen sagen müssen: Brodersen.
In der Wohnung war ich dann schon beruhigt und konnte mich vorbehaltlos über den maßvollen Prunk freuen. Seltsam war nur, daß die meisten Einrichtungsgegenstände mit großen Tüchern zugedeckt blieben. Ich dachte für einen Moment, diesen Menschen wäre ich nicht wert genug, für mich würden die nie ihre Bezüge von den Möbeln entfernen. Die Hausfrau, die perfekt Deutsch sprach, wie eine echte Brodersen, erklärte mir, man würde erst zu Weihnachten »die Tradition der Gastlichkeit« wieder aufnehmen und dann auch die Hüllen von den Möbeln wegnehmen. Bis dahin existiere die Wohnung gar nicht wirklich; sie diene für das Ehepaar nur als Unterkunft. Aber wenn die Saison der Gastlichkeit wieder anfinge, dann würde auch wieder Leben in ihre Wohnung kommen. Bis dahin waren sie also mit dem Unbelebten in ihrer nächsten Umgebung zufrieden, und ich weiß bis heute nicht, ob es mißverständlich war oder taktlos, dass ich, einmal ins Reden gekommen, erzählte, was von Palermo mir in die Knochen gefahren war, nämlich die Auflösung. »Es ist dieser Verfall«, sagte ich, »aber es ist der Verfall einer Schönheit, die heute dem Betrachter so viel Trauer zur Wegzehrung mitgibt, daß er sicher nicht lustig nach Hause kommen wird. Aber man kann sehen, wie im Verfall die Schönheit bewahrt ist; im Verfall ist sie viel stärker noch bewahrt, als wäre sie ganz intakt. Die Schönheit, wenn sie im Glanz dasteht, gibt einem genug Grund, fürchten zu müssen, daß sie vergeht. Im Verfall jedoch ist das letzte Urteil über sie gefällt, und man braucht sich nicht mehr zu sorgen.« Schweigend nahmen die Frau und der Mann meine Ansichten zu Kenntnis.
Eines Tages kam der Wettersturz. Ich war aus Palermo, der Stadt, nach Mondello, der Vorstadt mit Strand, zurückgekommen. Im Unwetter hatte sich alles verwandelt: Der Wind peitschte das Meer, welches seinerseits gewalttätig wurde und sich mit einer schrecklichen Wucht gegen die Mauern an der Uferstraße aufbäumte. Dem Wind ausgesetzt, ging ich diese Straße entlang; sie diente auch jetzt - wie bei jedem Wetter - ihrem Zweck, nämlich in geparkten Autos Zärtlichkeiten auszutauschen, vielleicht auch den Geschlechtsakt zu vollziehen, aber wenn ich mir auch stets mein Teil denke, so genau schaue ich niemals hin. Es war nur Privatleben, das im Auto stattfand, keine Prostitution, Geld war nicht im Spiel, zumindest wollte ich es so, um Sympathie empfinden zu können. Die Schlange der Autos war an diesem Abend klein, verletzlich und verlassen. Ich bekam es mit der Angst; das Unwetter tobte, sodaß ich mir nicht mehr zutraute, zu meinem Hotel hinauf zu gelangen. Auf der Uferstraße lagen einige Restaurants, es war mir gleichgütig, welches mir Unterschlupf bot, und so stolperte ich in das einzig richtige hinein. Das Licht im Lokal schien mir, gemessen an der Finsternis, aus der ich kam, grell. Es tat aber meinen Augen gut, nicht zuletzt deshalb, weil es mithalf, mir das Gefühl der Ungeborgenheit allmählich zu nehmen. An meinem Radebrechen merkte der Kellner mir meine Herkunft an; er sprach perfekt Deutsch, und ich dachte, vielleicht ist auch er ein Germanist, aber es stellte sich heraus, daß dieser große hagere Mann viele Jahre in Innsbruck gearbeitet hatte. »In Innsbruck«, sagte er, »fühlte ich mich zu Hause«, und er ließ keinen Zweifel daran, daß er mir von diesem Innsbrucker Heimatgefühl einiges in Mondello zurückgeben, sozusagen heimzahlen wollte.
Eine Zeitlang bildeten wir in dem Lokal eine Kolonie, aber dann sprach mich ein älterer Herr an, der mit einer jungen Dame an einem der Tische saß. Schlecht ist, wer schlecht denkt, und so dachte ich rigoros in diesem Sinne, daß der Herr sehr verheiratet war, aber nicht mit der jungen Dame. Es stellte sich heraus, daß dieser Ehemann ein Soziologieprofessor aus Rom war, der mit einer Studentin ein paar Tage in Mondello verbrachte. Ich kannte seinen Namen von meinem Freund Leo, der in Italien studiert hatte und Italienisch sprach, und wenn ich mich nicht irre, hatte auch ich aus den übersetzten Schriften des Professors schon eitel zitiert. Deutsch wollten er und seine Studentin mit mir sprechen, immerhin die Sprache von Max Weber und Karl Marx. Der Kellner tischte auf, ein fürchterliches Essen und Trinken begann. Ich schlürfte eine nicht endende Reihe von frischen, ungekochten Muscheln, der Meeresspezialität in dieser Gegend. Eine Woche später soll die italienische Regierung das Servieren genau dieser Muscheln verboten haben; sie seien lebensgefährlich, wegen der Meeresverschmutzung, und ich kann dazu nur sagen, den erinnerten Muschelschleim am Gaumen, daß ich wieder einmal davongekommen bin.
- Verfasser/in:
- Franz Schuh