Ort.00, das neue Programm im HDA
Assoziationen: Orte, Unorte, rastlos, ratlos, urbar, lösbar, Loosbar, Sonder-bar, Wonderbra u.s.w.
Neugierde: Hingehen, anwesend ca. 70 Personen, Publikum mehrheitlich männlich
Später im TV: Griechenland : Frankreich, ca. 110 Personen im HDA
Ort.02 – HDA 25.06.2004
Thema: London. Kreativer Stadtumbau von unten
Die Protagonisten:
Ellis Woodman, Jahrgang 1972, Kunsthistoriker, Professor in Bath.
Adam Caruso, Jahrgang 1962, Architekt in London, Professor in Bath.
Bath? Ist doch ein altes Römerbad?
Oder: Castor und Pollux.*)
London. Kreativer Stadtumbau von unten. Wer ist unten? Wo ist oben? Ratlos.
Soll man an Berlin denken, vor 1989? An Hämer, an Kreuzberg? An Migranten, an sanfte Stadterneuerung? An APO, Krawalle, Hausbesetzer? Nein, sicher nicht.
Also eines zumindest wird bald klar, es geht um London und wer und was oben ist.
Ganz oben sind:
Foster, Rogers, Grimshaw, Hopkins u.a., die Global Players.
Noch nicht ganz oben:
John Pawson, Zaha Hadid, Will Alsop, Demetri Porphyrios, häufig publiziert in der britischen Fachpresse.
Die oben produzieren High-Tech-Architektur. Diese, der britischen Art, ist eine erklärt außer-kontextuelle Architektur. Ellis Woodman trägt dies vor und zeigt Fotos:
Swiss Re, London, Foster, High-Tech
Selfridges, Sheffield, future systems, Blob, organisch
Eine Kunstakademie, Alsop, aufgestelzt.
Swiss Re kennt man. Nahe St.Paul’s Cathedral. Ein phallus erectus, nicht dramatisch hoch, ziemliche Rückversicherung, mit einem Jumbo kaum zu treffen. Das obere Ende von Waagner Biro, perfekt, der untere Anfang, das Entree, ein Fiasko. Wenn man von hier nach oben blickt, spannt sich die Haut dieses Objekts scheinbar bis weit in den Straßenraum. Was oben ist, lässt sich von hier aus nur vermuten. Der Bauplatz ist minimal, noch kann man um das Gebäude herumgehen, später wird hier sicher alles überwacht, Security. Der Flaneur ist nicht unbeeindruckt. Die Frage nach dem Kontext stellt sich ihm in dieser Umgebung nicht. Lloyds von Rogers ist in Sichtweite.
Aber wo ist unten und wer baut von dort aus London um?
Ein Social Club in Soho, ein betonierter Bartresen im Souterrain. Eine Kunstgalerie in einem Vorort, ein Doppelhaus mit Swimmingpool, Sichtziegelmauerwerk, die Fenster aussen bündig, Sigurd Lewerentz wird erwähnt. Wozu? Noch ein Doppelhaus, Doppelgiebel, ziemlich putzig, schon gesehen bei Stanley Tigerman. Eine Vorstadtbar als Flachbau, erkennbar als Bar an diesem Unort, weil es in großer Schrift draufgemalt ist. Learning from Las Vegas? Noch 2, 3 Häuser, Pattern Language. Ist der Zuhörer willig, anerkennt er die Bemühung um den kontextuellen Anspruch dieser Architekturen. And he is willing.
Später zeigt Caruso eigene Arbeiten, wortreich.
Für Novartis in Basel ein Verwaltungsgebäude. Eine Kiste unter vielen Kisten. Kontextuell? Berlage wird zitiert. Otto Wagner. Wozu? Warum nicht Mies? Eine Büroetage, die Verglasung raumhoch, wegen des Blickes auf die Stadt. Vor dem Glas ein umlaufender Balkon als Fluchtweg. Mit einer massiven Brüstung aus dem feinsten, polierten, weißesten aller weißen Marmore. Der Blick auf die Stadt ist futsch, verstellt durch die Brüstung. Daher also nicht Mies!
Eine Platzgestaltung in einer schwedischen Stadt, eine Kathedrale inmitten. Eine feinsinnige Komposition aus Natursteinen. Katzenkopfsteine, Flusskiesel, Waschbetonplatten (sic!). Linien und Flächen als Ornament, gut ausgewogen. Der Bauherr wollte einen Springbrunnen. Wie immer. Der Architekt wollte keinen. Soll vorkommen. Also wurden mehrere Springbrunnen installiert, aber unterirdisch. Am Platz ist kein Wasser, doch man hört durch Schallöffnungen im Pflaster das Plätschern, Murmeln und Raunen aus der Tiefe. Auf langen stählernen Stangen sind rote Lichter montiert. Die Stangen stecken im Boden und die Lichter tanzen in großer Höhe im Wind, Tag und Nacht. Den Schweden gefällt es, berichtet Caruso. Menschen waren auf den Fotos nicht zu sehen, aber Caruso erzählt uns vom Mythos der Feldsteine und ihrer Geschichte aus der Zeit der Gletscher.
Gebildet sind sie, diese Briten! Well!
Bei einem Wettbewerb für einen riesigen Bürokomplex nahe St.Pancras hat der Architekt als Fassade vorgefertigte Rasterelemente aus Beton vorgeschlagen. Tausende Squaremeter. Brrrh. Aber bitte. Die Proportionen der Fassade, die Struktur der Oberfläche und die Profilierung der Kanten entsprechen genau jenen von Santa Maria dei Miracoli in Venedig (1481- 89)
Aber: London, kreativer Stadtumbau von unten, heißt das Thema.
Bitte, wie geschieht dies und wer macht ihn?
Also: es gibt eine Reihe junger Architekten, diese sind befreundet mit einer Reihe junger Künstler. Merke: alle diese Leute sind kreativ. Die Architekten bauen für diese Künstler Häuser und für deren Galeristen Galerien. So wird man bekannt und wird weitergereicht unter Freunden. Und weil die High-Tech-Schiene schon besetzt ist, baut man down under und arbeitet am eigenen Image. Irgendwann gewinnt man einen Wettbewerb, hoffentlich einen möglichst großen und dann baut man ganz London von unten kreativ um.
Und bis es soweit ist, übt man sich mit Sichtziegelmauerwerk und Betonfertigteilen und sagt, das wäre traditionell.Und weil die Grundstücke schwierig sind, muss man darauf reagieren und das heißt, man arbeitet kontextuell.
Aber warum Castor und Pollux?
Weil der Architekt mit Ambitionen sich seine zukünftige Bedeutung bereits jetzt vom begleitenden Kunsthistoriker auf den Leib schreiben lässt und der Kunsthistoriker quasi über die Exklusivrechte seiner Architektenstory verfügt. Nun müssen beide nur noch nach oben, aber:
The Medium is the Message. Marshall Mc Luhan lässt grüßen.
Übrigens: Griechenland schlägt Frankreich 1:0.
Aus dem HDA
Heinz Wondra
*) Castor und Pollux, Fixsterne im Sternbild des Orion. Zwillingsbrüder, Helden der griechischen Sage, sinnbildlich für engbefreundete Männer (laut Duden-Lexikon)
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- Heinz Wondra "Kommentar"
