Dem Ort entgeht man nicht: ort., eine neue Publikation des HDA Haus der Architektur Graz.
Mit der Abschlussveranstaltung der Programmreihe ort. lud das Haus der Architektur am vergangenen Freitag, den 21.10.2005 zu Vorträgen der australischen ArchitektInnen Viviane Stappmanns und Simon Knott. „Australien. Glenn Murcutt und die Folgen“ ist damit die letzten Station auf der Spurensuche des HDA nach dem Einfluss lokaler Produktionsbedingungen in der Architektur. Gleichzeitig verabschiedete sich auch der Vorstand der vergangenen zwei Jahre im Haus der Architektur. Edgar Hammerl, Thomas Heil, Robert Kutscha, Erich Prödl und Irmfried Windbichler taten dies nicht ohne die Präsentation der bemerkenswerten Publikation „ort.“, die die nun abgeschlossene Programmreihe in Buchform zusammenfasst.
Anders als in der „Genius Loci“-Diskussion, in der das räumliche Umfeld eines Gebäudes im Vordergrund steht, geht es in der Publikation ort. um das Ausloten der gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für architektonisches Handeln. Das Buch führt damit eine Diskussion fort, die mit Kenneth Framptons Begriff des „Kritischen Regionalismus“ bzw. Friedrich Achleitners Buch „Region, ein Konstrukt? Regionalismus, eine Pleite?“ die Wechselwirkung zwischen globalen Einflüssen und ihrer lokal gefärbten, kritischen Verarbeitung reflektiert. Ausgewählte Beispiele funktionierender, von der Gesellschaft getragener, aber auch kritischer Architekturkulturen aus London, Chile, Portugal, Finnland, Österreich und Australien ergänzen die Publikation.
Ort, das ist eine der wesentlichen Konstanten in der Architektur, sowohl in seiner positiven Bedeutung wie in seiner Negation als Nicht-Ort. „Dem Ort entgeht man nicht“ – diesem Statement aus einem in ort. enthaltenen Interview mit Friedrich Achleitner, steht die Realität suburbaner Stadtgebiete diametral gegenüber. In der Eigenschaftslosigkeit unserer Vorstädte scheint einem der Ort buchstäblich zu entgehen; lokalspezifische Charakteristika lösen sich im weißen Rauschen einer weltweit anzutreffenden Beliebigkeit auf. So überrascht es nicht, dass für Architektur und Stadtplanung in Australien ähnliche Themen bestimmend sind wie hierzulande. Auch in „Down Under“, so führte Stappmanns in ihrem Vortrag aus, sind das eigene Haus und der Besitz von Grund und Boden das weit verbreitete Wohnideal, wenn auch zum Preis ausufernder Siedlungsstrukturen und zersiedelter Landschaften. 80% der Einwohner Australiens leben heute in urbanen Gebieten - der Mythos des Bauens in unberührter Landschaft, so Stappmanns, muss angesichts dieser Tatsachen revidiert werden. Die Landschaft, in der vor allem junge australische Architekten heute tätig sind, ist der wuchernde Teppich von Suburbia.
Wenn die Stadt es nicht mehr schafft, ihre wachsenden Gebiete auch infrastrukturell zu versorgen, hat auch in Australien die Ausdehnung der Städte eine Grenze erreicht. Auffüllung und Verdichtung bestehender Siedlungsstrukturen sind aber nicht nur dort aktuell diskutierte Strategien weiterer Stadtentwicklungen; auch in unseren Breiten fordert die Vorstadt Architekten und Planer dazu auf, das Banale ernst zu nehmen, seine Potentiale zu erkennen und konsequent weiterzuentwickeln. Die Auseinandersetzung mit dem Ort, wie Erich Prödl in vorliegender Publikation meint, kann dabei durchaus als Aneignung des Ortes bezeichnet werden. In dem Maß, wie wir uns das vor Ort Vorhandene bewusst machen, partizipiert das Vorhandene an unserer Architektur. Denn Ort, wie Achleitner sagt, meint auch die Verdichtung von Bedeutung, Geschichte und Erinnerung. Dass diese Prämisse angesichts einer globalisierten Gesellschaft nicht mehr nur lokal gedacht werden kann, ist eine besondere Herausforderung.
ort.
HDA Haus der Architektur Graz
(Hrsg. und Verlag)
Renate Ilsinger, Kira Kirsch, Erich Prödl, Irmfried Windbichler
Erhältlich um € 19,90,- im Buchhandel und im
HDA Haus der Architektur
Engelgasse 3-5, 8010 Graz
T 0316/32 35 00, office@hda-graz.at
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller, Bericht
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