An die
ORF
Generaldirektion
ORF Zentrum
Würzburggasse 30
1136 Wien
Wien, 19. 9. 2006
Sehr geehrte Damen und Herren!
Die IG-Architektur – Interessensgemeinschaft Architekturschaffender Österreichs – setzt sich seit Jahren erfolgreich für Belange der Architektur ein, zu denen neben dem beruflichen Umfeld ganz wesentlich auch der Umgang mit für die Allgemeinheit bedeutenden öffentlichen Bauaufgaben und Bauten gehört.
Die Zukunft des ORF ZENTRUM WIEN gibt nun zu großer Sorge Anlaß.
Wir sehen den ORF als zentralen Bestandteil der kulturellen Identität Österreichs. Das Sende-Zentrum am Küniglberg, Hauptwerk des bedeutendsten österreichischen Architekten der Nachkriegszeit, Roland Rainer, steht für den ORF als öffentliche Institution ebenso, wie für den gesellschaftlichen Aufbruch einer Zeit, deren gestalterische und bauliche Produkte gerade heute wieder einen wichtigen kulturellen Bezugspunkt bilden.
Das ORF-Zentrum gehört in seiner herausragenden öffentlichen Bedeutung und Funktion zu den Symbolen dieses Landes, die beweisen, dass unser architektonisches und kulturelles Erbe über Barock und Ring-straßenbauten weit hinausgeht, dass die Moderne hier ihre geistigen und physischen Spuren hinterlassen hat. Der Architekt Roland Rainer war ein international angesehener Mitgestalter dieser Epoche. Als hervorragender Bau der österreichischen Nachkriegsmoderne vereint das ORF-Zentrum am Küniglberg strukturelles, funktionales und architektonisch-baukünstlerisches Denken auf höchstem Niveau. Seine differenzierte Erscheinung ist Resultat der virtuosen Übersetzung konstruktiver und funktionaler Anforderungen in eine stringente architektonische Form.
Dieses bauliche Ensemble ist durch untransparente, kurzsichtige Entscheidungen im Zuge notwendiger Sanierungs- und Adaptionsarbeiten in akuter Gefahr. Die in den letzten Jahren unter eingeengten technischen Gesichtspunkten vorgenommenen Veränderungen haben die architektonische Substanz des Gebäudes in Teilen bereits wesentlich beeinträchtigt. Nun sind Medienberichten zufolge Arbeiten größeren Umfangs geplant, die auf eine Verringerung der Betriebskosten und die dauerhafte Sanierung der Sichtbetontragstruktur abzielen. Als Grundlage für diese Überlegungen wird unseren Informationen zufolge ein einzelnes statisches Gutachten angeführt. Ein Gesamtkonzept fehlt ebenso wie jeder Ansatz zu einer transparenten Entscheidungsfindung, die einem verantwortlichen Umgang mit einem öffentlichen Gebäude dieses Ranges angemessen wäre. Angesichts der Komplexität und Bedeutung der Aufgabe ist diese Vorgangsweise unüblich und stellt eine krasse Verletzung der Sorgfaltspflicht dar, die dem ORF allein
schon aus seinem kulturellen Auftrag heraus auferlegt ist.
Es liegt im Eigeninteresse eines Unternehmens, das in öffentlichem Auftrag arbeitet, Umbau- und Standortentscheidungen in transparenten Verfahren abzuwickeln. Wir fordern die Generaldirektion daher dringend auf, die Vorhaben am Standort Küniglberg einer öffentlichen Diskussion zu stellen und für eine Objektivierung der Entscheidungsfindung zu sorgen.
Nur dadurch können die Grundlagen für notwendige oder gewünschte Adaptionen am Gebäude des ORF-Zentrums gefunden werden, die einer architektonisch-technischen Gesamtkonzeption verpflichtet sind. Die wesentlichen Teile der baulichen Qualität des Gebäudes können so (entsprechend ihrem kulturellen Stellenwert) erhalten und nach Möglichkeit gesteigert werden. Dies wird unserer Erfahrung nach nur auf der Basis eingehender Analysen des Bestandes in einem moderierten Wettbewerbsverfahren gewährleistet.
Wir unterstützen Sie dabei gerne und stehen für ein Gespräch jederzeit zur Verfügung. Als impulsgebende Initiative ist für Ende Oktober eine Diskussionsveranstaltung mit ExpertInnen und MedienvertreterInnen geplant. Wir freuen uns, Sie zu dieser Veranstaltung noch in einer gesonderten Aussendung einladen zu dürfen.
Mit freundlichen Grüßen,
Bruno Sandbichler
Andreas Vass
Johannes Zeininger
IG-Architektur, Arbeitsgruppe Architekturpolitik
IG Architektur
Gumpendorferstr. 63B
1060 Wien
T 01/408 93 60
F 01/403 87 94-17
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- Verfasser/in:
- IG-Architektur