Das größte Grazer Baurelikt der NS-Zeit und ihrer Propagandamaschinerie wird am 27. September 2008 als Messehalle B und „Event-Arena“ mit „Biergenuss, Schmankerl-Meile mit mehr als 40 Szenewirten und einem täglichen Show-Programm“ (Homepage der Messe Congress Graz) wiedereröffnet: Gemütliche Oktoberfestatmosphäre unter der hölzernen Dach- und Ständerkonstruktion der ehemaligen „Volkskundgebungshalle“, die 1939/40 von einem autoritären, menschenverachtenden System nach Plänen der Grazer Hochschulprofessoren Karl Hoffmann und Friedrich Zotter sowie K. Demel als Provisorium für zehn Jahre errichtet worden ist. Gegenüber, dort wo sich auf der ehemaligen Trabrennbahn das Aufmarschgelände der Nationalsozialisten befand, wird sich künftig der Vergnügungspark ausbreiten.
Nach anfänglichen Konflikten um den geplanten Abriss des in der Nachkriegszeit in „Halle 11“ umbenannten Baus haben Denkmalpflege, Politik, Messeleitung und Bauforschung ein Sanierungsprojekt durchgezogen, als dessen Resultat nun zwei Drittel der Holzhalle, verschoben um einige Meter, wieder aufgebaut wurden. Eine mit grauer Sanofil-Folie verklebte Holzverschalung ersetzt die ehemalige Außenhaut, wodurch die Halle B mit der unmittelbar angrenzenden neuen Halle A von Riegler Riewe optisch verschmilzt. Abbau, Zwischenlagerung und Wiederaufbau haben Summen in Millionenhöhe verschlungen, allein vom Bund wurden 600.000 Euro beigesteuert.
In der Argumentation um die notwendige Erhaltung wurde der NS-Bau auf die technisch-handwerkliche und baukünstlerische „Meisterleistung“ des Rahmenfachwerks reduziert, eine gesellschaftlich breit angelegte Diskussion um einen adäquaten Umgang mit dem NS-Erbe hingegen vermieden. Dr. Robert Zinkanell, Vorstand der Messe Congress Graz, ist heute stolz auf dieses neue, überdachte Freigelände des Messeareals, das mit seiner „sensationellen“ Dachkonstruktion ein werbewirksames „Unikum“ sei. Die Frage, ob daran gedacht sei, an die ursprüngliche Funktion zu erinnern, verneint er zunächst entschieden. Schließlich sei der Bau „vor Kriegsbeginn“ erfolgt (tatsächlich wurde die Halle im Herbst 1940 eröffnet, als die Deutschen bereits lange den Krieg begonnen hatten und der „Anschluss“ mehr als zweieinhalb Jahre zurücklag), und die Halle, welche die Grazer Messe ja schon damals genutzt habe, sei ohnehin verkürzt und an anderer Stelle wieder aufgebaut worden. Dennoch zeigt er sich bereit, über ein Erinnerungszeichen nachzudenken.
Im Zusammenhang mit der Unterschutzstellung, die Ex-Landeskonservator Dr. Friedrich Bouvier ein besonderes Anliegen war, wird die „Zotter-Halle“ gerne als unbedenkliche Mehrzweckhalle präsentiert. Multifunktionell war diese sicher: Im 1939 in der Deutschen Bauzeitung publizierten Kommentar zum Wettbewerb werden neben dem Zweck der „Volkskundgebung“ weitere Funktionen angeführt: „zu Ausstellungszwecken für die Grazer Messe, für Großkonzerte, Filmvorführungen, sportliche Wettkämpfe und andere Massenveranstaltungen“. Was man sich unter solchen vorzustellen hat, zeigt eine im November 1940 hier stattgefundene Totengedenkfeier, bei der Gauleiter und Reichsstatthalter Dr. Uiberreither umgeben von Hakenkreuzfahnen vor 25.000 GrazerInnen sprach: Seine „Worte vom jahrtausendalten Kampf deutscher Menschen, von Opfern und Gräbern, die die Straße in die deutsche Ewigkeit begleiten“ drangen „bis in die letzten Winkel der Riesenhalle“ (Tagespost 1940).
Das eigentliche Problem der neuen Messehalle B ist nicht die Wiedererrichtung einer im NS-System errichteten und von diesem genutzten Halle, sondern vielmehr deren kommentarlose Neu-Kodierung: Das Versetzen um ein paar Meter, das Kürzen um ein Drittel, das Neubenennen und Füllen mit neuen Inhalten und Funktionen: All das kann den Entstehungszusammenhang und die ehemalige Nutzung nicht auslöschen. Eine Berufung auf eine noch so große baukünstlerische und technische Meisterleistung kann nie die Auseinandersetzung mit den Inhalten und zeitgeschichtlichen Implikationen ersetzen. Die – bewusste oder unbewusste? – Verharmlosung und Auslöschung der Erinnerung an die NS-Funktion der Halle spiegelt sich auch in den Medien wider, wo diese zusammenhanglos als bisher unentdecktes, europaweit relevantes Baujuwel der 1930er-Jahre präsentiert wird.
Zu einer Reflexion über eine geeignete Nutzung der Halle B ist es schon zu spät. Auch wenn diese nur mehr ein Fragment und ihre ursprünglich höchst beeindruckende Raumwirkung nicht mehr nachvollziehbar ist, wäre doch eine Diskussion darüber dringend notwendig, wie die Erinnerung an den ursprünglichen Entstehungs- und Nutzungskontext wachgehalten werden kann.
> > VORSCHAU:
Nächste Woche bringt GAT einen ausführlichen Bericht über die neue Messehalle A von Riegler Riewe Architekten, die am 27.09.2008, um 12.30 Uhr eröffnet wird.
- Verfasser/in:
- Antje Senarclens de Grancy, Kommentar
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