Nichts mehr wie es war – Serbische Gegenwartskunst im Künstlerhaus

Die Kunst in Serbien ist heute in Beziehung zur Macht und Opposition und immer im sozialen, politischen und ökonomischen Kontext zu finden. „real presence“, Gegenwartskun

28/08/2009

Die Kunst in Serbien ist heute, schreibt Kuratorin Mirjana Peitler im Ausstellungskatalog, in Beziehung zur Macht und Opposition und immer im sozialen, politischen und ökonomischen Kontext zu finden.

So man jeden Tag an etwas arbeitet, dachte sich der Belgrader Künstler Raša Todosijević, bedeutete dies Fortschritt: Und er machte sich nach einem Diktum, Plinius d. Ä. zugeschrieben, daran, jeden Tag eine Linie zu zeichnen. Nach mehreren Versionen waren es 1977 dann einmal 200.000 Linien. Diese führte Živko Grozdanić, Künstler und Direktor des Museums für gegenwärtige Kunst in Novi Sad, mit seiner Installation „Vier Patriarchen schauen auf die 200.000 Linien von Raša Todosijević“, 2007 in ein vielfältiges Verweissystem um Kunstgeschichte, Gegenwartskunst und Kritik an dominantem Einfluss auf die Gesellschaft Serbiens seitens des orthodoxen Klerus.

Eine dramatische Verschiebung von Spätsozialismus zu Postsozialismus in den 1990er Jahren und darauf in eine „Transitionsgesellschaft“ beobachtet Miško Šuvaković in seinem Essay (Katalog) zur Kunst in Serbien nach 2000. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien und permanente gesellschaftliche Konflikte seien dafür verantwortlich, die mit dem Sturz Milošecić’ im Jahr 2000 in Fronten „zwischen gesellschaftlichen und kulturellen Kräften“, die sich für einen Wandel aussprechen und in solche, die „antireformistische und antieuropäisch orientierte Positionen“ einnehmen, spalten. Die Situation der künstlerischen Szenen in Belgrad, Novi Sad und Vršac beschreibt Šuvaković als zwiespältig bestimmt von „den Idealen der europäischen Partizipation und dem antieuropäischen Lokalpatriotismus“.

Vor solchem Hintergrund zeigt das Künstlerhaus Graz am Landesmuseum Joanneum im diesjährigen Länderschwerpunkt – nach Slowenien und Italien – eine Schau zur aktuellen Kunst Serbiens unter dem Titel „real presence“. Künstlerhausdirektor Werner Fenz und die selbst aus Serbien stammende Grazer Kuratorin Mirjana Peitler konnten mit Živko Grozdanić und dem Museum Novi Sad Kooperationspartner gewinnen; vierzehn KünstlerInnen bzw. Künstlergruppen sind mit ihren Arbeiten vertreten.

Seit den 1990er Jahren realisiert Nenad Glšć Aktionen und Performances. Nach einem Studium an der Akademie Düsseldorf konzentriert er sich auf das Medium Video und zeigt im Untergeschoss des Künstlerhauses – idealer Raum für diese Arbeit – „Training“, DVD 2007. In seiner Wohnung lässt ein über und über mit serbischen Heiligen und neuen Kriegshelden tätowierter Mann seinen Pitbull-Terrier auf einem Laufband trainieren. Bild und Ton sind verlangsamt, es genügt hier anzuführen, dass diese Arbeit im Magazin EIKON (Nr. 63, 2008) unter dem Titel „Hardcore Serbien“ besprochen wurde.

Wie diese, sind etliche Arbeiten, mehr oder weniger bestimmt, mit Ursachen für Angst verbunden. Dem magischen Volksritual „Angstabgießen“ nimmt sich der 1970 geborene Selman Trtovac an, indem er in Wasser erkaltete Bleistücke zu einer auf dem Boden ausgelegten „Angstspirale“ formt. Ein Teil des Bleis füllt einen Türkischen Fes.

In einer Videoinstallation von Jelena Kovacevic Jureša, geb. 1974, erzählen vier Protagonistinnen ihre Schicksale, die von brutalem und egoistischem Verhalten von Männern bestimmt sind. Weitgehend unkommentiert dagegen bleibt eine auf den ersten Blick verhaltene Installation von Dragan Matić, der unter dem Titel „Rafting, Driving, Living“ drei auf Flohmärkten gefundene Fotoalben von Familien aus Novi Sad, aus dem weiter nicht zu bestimmenden deutschsprachigen Raum und einer dritten, wiederum aus Novi Sad, zur Disposition stellt. Das künstlerische Werk von Zoran Todorović behandelt auf unterschiedlichste Weisen den menschlichen Körper und seine medialen wie gesellschaftlichen Repräsentationsformen in Kunst- und Kulturgeschichte. Im Kontext von Aktionismus und Körperkunst bezieht Todorović radikale Positionen, als er sich etwa in „Agalma“ mit einer Seife aus eigenem Körperfett, in einer Operation entnommen, wusch. In „Assimilation“ aß er biomedizinischen Abfall aus der plastischen Chirurgie. Im Künstlerhaus ist ein fotografisches Triptychon zu sehen, das während der Performance „Die Braut“ 2008 aufgenommen wurde.

Am 18. September, um 19.00 Uhr, findet im Künstlerhaus eine Diskussion („Im Gespräch“) zum Thema „Der Kontext Kunst und Gesellschaft“ mit Slavko Bogdanović, Živko Grozdanić, Ješa Denegri und Miško Šuvaković statt.

Ausstellung: „real presence“, Gegenwartskunst aus Serbien

Ort: Künstlerhaus Graz, Burgring 2 8010 Graz

Zeit: 21.08.2009 - 27. 09. 2009

Öffnungszeiten: Mo – Sa 10.00 – 18.00 Uhr und Sonn- und Feiertage 10.00 – 13.00 Uhr.

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Empfehlung

Weiterführende Links

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Selman Trtovac: „Die Angstspirale – Es ist ein roter Fes, meine Mutter“, Türkische Volksskappe, Blei, 2009 (vorne links); Slavko Bogdanovic: „Gruppe KÔD (1970 – 71) INDEX (1970)“ (an der Wand links); Goran Despotovski: „Showroom“, Installation, 2004 (Mitt
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Milan Blanuša: „Nichts ist mehr wie es war“, Terrakotta, 2008
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Živko Grozdanic: „Vier Patriarchen schauen auf die 200.000 Linien von Raša Todosijevic“, Installation, 2007 (Fotos: Wenzel Mracek)

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