"Die Zukunft der Stadt ist, dass sie überall ist" - Symposium im Rahmen von steirischer herbst, am Freitag, den 14. und Samstag, den 15. Oktober 2005 an der Technische Universität Graz, Rechbauerstraße 12, HS 1.
DIE AGGLOMERATIONSFGRAGE
Die mitteleuropäischen Agglomerationen, wo heute über 70% der Menschen leben, haben ihre Infrastruktur den Kernstädten angeglichen, so dass die Suburbanisierung in eine Urbanisierung übergegangen ist. Dazu gehören telekommunikative Vernetzungen,
welche zahlreiche Funktionen und Arbeitsformen standortunabhängig gemacht haben. Es hat sich eine instabile, großräumliche Stadtkonstellation gebildet, die den globalen, oft kurzlebigen Märkten mehr entspricht als die alten Kernstädte. Die Dynamik dieser ‚hot spots’ bedeutet, dass Urbanität überall entstehen und verschwinden kann. Diese Entwicklung ist in ihren Folgen komplex und zwiespältig. Einerseits bietet sie die Chance, die Agglomeration als eine besondere, neue Form von Urbanität zu begreifen und zu entwickeln - als ein grenzenloses Feld, das gegenüber der Kernstadt erweiterte Spielräume bieten kann: für Provisorisches, Ungeplantes, Hybridlandschaften, Orte ohne Adressen, Nicht-Vorgedeutetes, autorenlose Architektur und vieles mehr. Andererseits stellt sich die bisherige Entwicklung selbst in Frage, da die Agglomerationen an ihre eigenen ökonomischen und finanzpolitischen Grenzen stoßen. Denn die traditionellen Streusiedlungen, ihre Infrastrukturen, Straßennetze und flächendeckende Versorgungssysteme (Wasser, Kanalisation, Energie) sind nicht nur ineffizient – die Folgekosten durch Zersiedlung sind für die heutige und wohl auch zukünftige Wirtschaft mit schwachem oder keinem Wachstum unbezahlbar geworden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die aktuelle Form der Urbanisierung (und der entsprechenden Lebensweisen)
nicht an Attraktion verliert.
DIE KERNSTADTFRAGE
Durch die infrastrukturelle Aufwertung der Agglomeration ist den Kernstädten eine übermächtige Standortkonkurrenz erwachsen - zuerst als Wohnort, nun auch als Arbeitsort mit urbaner Infrastruktur. Die Kernstädte leiden unter einem wirtschaftlichen und politischen Machtverlust. Dabei schwinden auch die sozialen Integrationsfunktionen, so dass sich die urbane Kultur zunehmend ausdünnt. Ein Kernproblem mitteleuropäischer Städte besteht darin, dass die Stadtbürger eine Minderheit geworden sind. Die Stadtkunden, die vom Umland kommen, sind eine deutliche Mehrheit, so dass ihre (vorwiegend mittelständischen) Bedürfnisse und ihr Konsum die „Macht“ übernommen haben. Dabei entstehen Gegensätze zwischen den Ansprüchen an eine Event-City und den Bedürfnissen an ein urbanes Alltagsleben. Was für Stadtkunden ein Erlebnisraum ist, kann für den Stadtbürger zum erlittenen Raum werden. Die Interessenkonflikte erzwingen die Frage: wem gehört die Stadt?
Ein Rückblick auf die letzten zehn Jahre belegt, dass die meisten Städte sich den Bedürfnissen der Stadtkunden angepasst wurden, auch in architektonischer, atmosphärischer Hinsicht. Man kann gar von einer Bilderpolitik der Event-City sprechen; sie ist im Sog der new economy entstanden und oszilliert im Wesentlichen zwischen europäischen Retro-Kulissen und globalen Allerweltzeichen.
In den letzten Jahren konnte man nun feststellen, dass Städte, die sich einseitig an der Eventindustrie orientieren, keineswegs eine gesicherte Perspektive haben und dass sich ihre ökonomische Krise gar verschärfen könnte. Auch stellt sich die Frage, ob
durch den sozialen Wandel (Individualisierung, wachsender Anteil älterer Menschen, Downgrading u.a.) eine Rückwanderung von der Agglomeration in die Kernstädte stattfinden wird. Urbane Szenarien und Projekte für die nahe Zukunft.
Das Symposium sucht weniger nach analytischen Ansätzen (solche wurden an anderen Kongressen mit ähnlichen Themen bereits dargestellt), sondern nach urbanen Konzepten und konkreten Projekten. Dabei sollen Überlegungen zu urbanen Alltagsszenarien der nahen Zukunft der Ausgangspunkt sein. Das Schwergewicht wird auf die Entwicklungspotenziale der Agglomeration gelegt, insofern als sich – wie erwähnt – das Abhängigkeitsverhältnis umgekehrt hat: die Existenz der Kernstädte ist von ihrem Umland abhängig.
> > PROGRAMM
Freitag, 14.10. 2005
_ 10.00 – 20.00 Uhr:
ORT: Referate im Hörsaal 1 der TU Graz, Rechbauerstraße 12
- Ernst Hubeli, Graz / Zürich: Peripherisierung der Stadt, Verstädterung der Agglomeration?
- Heidi Pretterhofer, Dieter Spath (Arquitectos) und Kai Vöckler, Wien / Berlin: Rurbanismus
oder Leben im postruralen Raum
- Rem Koolhaas/Floris Alkemade (OMA), Rotterdam: Neue Projekte
- Angelus Eisinger, Zürich: Bricolagen an der aktuellen "condition urbaine"
- Stefan Rettich (KARO), Leipzig: Korridore des Alltags
- Martin Schröder( Process Yellow), Berlin: Konzentrierte Zersiedlung
- Andreas Sonderegger (Pool), Zürich: Entwürfe für hybride Lebensformen
- Feld 72, Wien: Stauraum
- Theo Deutinger (TD*), Rotterdam: AdiAudiAldi
- Michael Zinganel, (Saisonstadt): Tourismus in schrumpfenden Städten
- Thilo Fuchs (Schizo) , Berlin: 5:23
_ Samstag, 15.10 2005
Mobiles Symposium mit Agglowanderung um 11 Uhr mit Treffpunkt TU Graz, Haupteingang, Rechbauerstrasse 12
Wanderungen und Ausfahrten unterschiedlicher Bewegungsgeschwindigkeiten (Projekt "GU" Graz Umgebung). Das Lebensgefühl alltäglicher transitorischer Pendlerräume wird dabei sensibilisiert bzw. als erlebbarer Großraum entworfen. Im Format eines mobilen Symposiums gibt eine Gruppe von Theoretikern und Praktikern ihre Anweisungen für das Lesen "rurbaner" Landschaft.
Automusik und Fest in der größten Shopping-City Österreichs
Ab 22:00 Uhr:
Live Auto-Musik am Parkplatz der Shopping-City Seiersberg.
DJ´s: Fritz Ostermayer, Thomas Edlinger
Das Symposium ist eine Koproduktion von Steirischer Herbst 2005/Institut für Städtebau TU Graz/Stadt Graz/ Land Steiermark/ Kunstverein Graz
Symposium, Leitung/Konzept: Prof. Ernst Hubeli, Zürich/Graz; Kai Vöckler, Berlin.
