Nachruf auf Jan Kaplicky – besser bekannt als Future Systems

Nachruf auf den tschechisch-britischen Architekten Jan Kaplický von Future Systems, der im Alter von 71 Jahren gestorben ist.

20/01/2009

Der Durchbruch war für Jan Kaplický, den Architekten mit tschechischer Herkunft, der vor wenigen Tagen 71-jährig starb, spät gekommen. Das erste Bauwerk, das ihm und seiner Partnerin Amanda Levete internationales Renommee einbrachte – die Pressetribüne im ehrwürdigen Lord’s Cricket Ground in London - war einer der ersten Blobs der Architekturgeschichte. Die Aluminiumkonstruktion des immer an neuestem High-Tech interessierten Architektenduos wurde damals in einer Werft gefertigt. Als Future Systems 1999 dafür den prestigeträchtigen britischen Sterling Preis erhielten, war Kaplický immerhin schon 61.

Architektur gemacht hat der Tscheche, der 1968 kurz nach dem Einmarsch der russischen Truppen in Prag nach London emigriert ist, schon immer. In den Londoner Jahren bis 1979, dem Jahr, in dem er sich selbstständig machte und Future Systems gründete, arbeitete Kaplický für einige der britischen Architekturgrößen und war an nicht wenigen Bauten maßgeblich beteiligt, die Weltruhm erlangten – unter anderem für Norman Foster oder Piano und Rogers am Pariser Centre Pompidou, dessen Errichtung er vor Ort jedoch nicht mitverfolgen konnte, weil er keinen Pass besaß. Bekannt für ihre immer etwas verrückten Entwürfe, die in den 1980ern noch als visionäre, die Grenzen des Möglichen überschreitende Ideen galten, waren Future Systems in Fachkreisen allerdings schon vor ihren ersten großen Erfolgen. Der schien sich mit dem „Selfridges Building“ in Birmingham, dem Kaufhaus in Amöbenform, das mit seiner glänzenden paillettenartigen Oberfläche zur Architekturikone wurde, die den Architekten 2004 den renommierten RIBA-Preis (Preis des Royal Institute of British Architects) einbrachte, endgültig zu festigen. Aufträge für die U-Bahn in Neapel und für ein Maserati Museum in Modena, das heuer fertig gestellt werden soll, folgten ebenso wie die Einladung zur Teilnahme am Wettbewerb für die neue tschechische Nationalbibliothek in Prag im Jahr 2007. Bei diesem Wettbewerb konnte sich Jan Kaplický gegen rund 400 Teilnehmer aus der ganzen Welt durchsetzen. Für den Exilanten, der Prag mit 100 geliehenen Dollar verlassen musste, ein doppelter Triumph. Schicksalhaft schien sich der Kreis zu schließen.

Der Entwurf der Nationalbibliothek, die unweit der Prager Burg situiert sein sollte, war ein giftgrünes organisches Gebilde, das den Spitznamen „Krake“ erhielt. Die zermürbenden Auseinandersetzungen rund um das Bauvorhaben, das in der Folge in Tschechien zum Politikum gemacht wurde, kratzten am Glück Kaplickýs, der nach Prag zurückgekehrt war, um seine Realisierung doch durchzubringen. Am Mittwoch letzter Woche ist der Architekt mit dem markanten Gesicht, das ihn manchmal viel jünger wirken ließ, in Prag auf der Straße tot zusammengebrochen - wenige Stunden nachdem seine zweite Frau eine Tochter zur Welt gebracht hatte.

Buchhinweis:

Future Systems

Bauten und Projekte 1958-2000

Autor: Marcus Field

Springer Verlag, 1999

Verfasser/in:
Karin Tschavgova, Nachruf

Weiterführende Links

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Jan Kaplický (1937-2009), Foto: Reuters
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Kaufhauses Selfridges in Birmingham 1999
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Lord´s Media Centre in London 1994

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