Nachlese zum FrauenStadtSpaziergang in Graz, am 29.02.2008, zu Ehren der scheidenden Frauenstadträtin Tatjana Kaltenbeck-Michl

Nachlese zum FrauenStadtSpaziergang am 29.02.2008 in Graz zu Ehren der scheidenden Frauenstadträtin Tatjana Kaltenbeck-Michl.

02/03/2008

Kulturvermittlerin Ilse Wieser, die von 1991 bis 2007 die feministischen FrauenStadtSpaziergänge geleitet hatte, machte Tatjana Kaltenbeck-Michl ein Abschiedsgeschenk: Ein letzter, von Wieser geführter Stadtspaziergang - sie hat dieses Projekt an jüngere Kolleginnen abgeben - zu dem Kaltenbeck-Michl Freundinnen einlud. Ich hatte die Ehre, eine dieser Freundinnen zu sein.

Tatjana Kaltenbeck-Michl war 13 Jahre Stadträtin in Graz. Sie hat sich in dieser Funktion immer mit ganzer Kraft für die Gleichstellung und die Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen in unterschiedlichen Lebenslagen eingesetzt und viele Verbesserungen erwirkt. Kaltenbeck-Michl war eine wichtige Unterstützerin der Ideen der autonomen Frauenszene. Sie hat sich auch für die Gleichstellung von Architektinnen eingesetzt: Bereits in den 1990er Jahren brachte sie einen Gemeinderatsantrag ein, wo es darum ging, dass vermehrt Architektinnen zu Architekturwettbewerben und -jurien der Stadt Graz geladen werden sollten. Sie forderte eine 40-prozentige Quote. Ich konnte mit ihr unter anderem das erste und einzige Grazer Frauenwohnprojekt (Hohenwartweg, 1997; Anm.) umsetzen. Wie sehr Tatjana Kaltenbeck-Michl und ihre Leistungen von den in Gleichstellungsfragen engagierten Frauen geschätzt wird und wurde, brachte die ihr zu Ehren gegebene und vom Verein Thekla organisierte Abschiedsveranstaltung am 29.02. zum Ausdruck.

Das Grazer Rathaus

Der Spaziergang startete im Rathaushof. Wieser erzählt, dass das Rathaus im 17. Jahrhundert auch ein Gefängnis beherbergte, in dem Hexenprozesse stattfanden. Vier Frauen wurden des Viehzaubers, des Milchzaubers sowie des Verhexens von Männern beschuldigt und hingerichtet. Die Zeit der Hexenverfolgung führte dazu, dass Frauen immer die 2. Geige spielten und heute noch spielen. Feministinnen besetzten den Begriff fortan positiv: Hexe steht für Widerstand gegen Weiblichkeitsnormierungen. Was hat das mit Stadträtin Kaltenbeck-Michl zu tun? Als Feministin hat sie selbst wiederholt in der Politik erfahren müssen, dass man sich als Feministin nicht gerade beliebt macht.

Kaltenbeck-Michl berichtet, dass sie, bevor sie Politikerin wurde, selbst Geschichte unterrichtet hatte. Dabei musste sie feststellen, dass die Geschichtebücher von Männern geschrieben wurden und ausschließlich von männlichen Heldentaten handelten. Die verlorene Geschichte der Frau hervorzukehren, sichtbar zu machen, war ihr immer ein großes Anliegen und daher war es nur logisch, die FrauenStadtSpaziergänge, auch gegen den männlichen Widerstand in der Regierung, zu unterstützen. So meinte ein Politikerkollege, als es um die Förderung des Projektes FrauenStadtSpaziergänge in der Höhe von 30.000,-- ATS ging: „Die Frauen kommen uns ganz schön teuer, vor allem, wenn sie spazieren gehen. Kaltenbecks schlagfertige Antwort auf die abfällige Bemerkung war:„Am teuersten kommen Männer, wenn sie zu elft hinter einem Ball her rennen.“ Die jährliche Förderung der Stadt Graz für GAK und Sturm Graz betrug damals ca. 30 Millionen ATS.

Das Stadtmuseum:

An diesem Ort befand sich zwischen 1934 und 1945 das Grazer Mädchen-Lyzeum. Dieses wurde als erstes Mädchenlyceum der Donaumonarchie 1873 nach zweijähriger Vorbereitungszeit, am Standort Neutorgasse 4, gegründet. Die Proponentinnen waren die Frau des Bürgermeisters und die Frau des Landeshauptmannes, dies sich für Frauenbildung einsetzten. Erst im Jahr 1911 gab es eine reguläre Matura, davor mussten die Absolventinnen an anderen Gymnasien eine externe Prüfung machen. Das besondere an dieser Schule war, dass es naturwissenschaftlichen Unterricht, Englisch, Französisch und Turnen aber keinen Handarbeitsunterricht gab, was für die fortschrittliche Ausrichtung der Schule spricht. Aus diesem Lyceum entstand später das Seebachergymnasium.

Das Stadtteilcafe Palaver, Griesgasse:

Das Stadtteilcafe Palaver wurde im Rahmen des ersten Urbanprojektes 1999 gegründet und ist ein Ort der Begegnung, der interkulturellen Kommunikation und der Auseinandersetzung unterschiedlichster Frauen miteinander und mit ihren unterschiedlichen Lebenswelten. Neben dem Cafe als Treffpunkt, bietet es ein Schreibstube mit PC und Internetzugang und einen mietbaren Veranstaltungsraum. Kaltenbeck-Michl hat sich sehr für dieses Projekt eingesetzt und auch in schwierigen Situationen dessen Überleben ermöglicht. Wieser erklärt, dass es nur in der Ära von Sozialminister Dallinger (1980-89; Anm.) ein gutes Klima für die Gründung sozioökonomischer Projekte gegeben hat. Zu dieser Zeit hat das AMS Stellen zu 100 Prozent gefördert (siehe „Projekt 8000“). Es war die Zeit experimenteller Arbeitspolitik und eine günstige Zeit für Frauenprojekte.

Die Andräschule:

An dieser Schule war Kaltenbeck-Michl von 1975 bis 1995 Lehrerin und Direktorin. Die jetzige Direktorin erzählt, dass es an dieser Schule - mit wenigen Ausnahmen- immer schon Direktorinnen gab. Die Andräschule war zuerst eine reine Mädchen-Bürgerschule. In den 1970er Jahren wurde die Koeduktation eingeführt. Es gab erste Schulversuche zur integrierten Gesamtschule. Heute tut sich die Schule durch besondere integrative Maßnahmen, wie muttersprachlicher Unterricht in 12 Sprachen, hervor.

Der FrauenStadtSpaziergang klang mit einem gemütlichen Zusammensitzen aus. Graz verliert eine Politikerin, die sich besonders durch ihre soziale Gesinnung, ihren Kampf um Gerechtigkeit und ihre Kompromisslosigkeit im Durchsetzen schwieriger Projekte auszeichnete. Viele Frauen hoffen, dass sie weiterhin in irgendeiner Form aktiv bleibt.

ZUR INFORMATION

Politische Funktionen von Kaltenbeck-Michl:

März 1993 bis April 1995 Gemeinderätin der Stadt Graz;

1995 bis 1999 Landesvorsitzende des Sozialdemokratischen Lehrer- und Lehrerinnenvereines Österreich (SLÖ)

1998 bis 2001 Vorsitzende der SPÖ Graz

Seit April 1995 bis 2003 Stadträtin für Kinder, Jugend, Familie, Frauen und Schulen

Von April 2003 bis März 2008 Stadträtin für Kinder, Jugend, Familie, Frauen und Soziales

Die Grazer FrauenStadtSpaziergänge werden seit 1991, anfänglich unter Helga Konrad und dann unter T. Kaltenbeck-Michl gefördert. Zuerst nahm nur eine kleine Gruppe von Frauen teil. Im Jahr 2001 erfolgte eine Führung unter dem Titel Hexe und Hebamme. Nach einem Zeitungsbericht darüber konnte man einen Teilnehmerinnenrekord von 300 Frauen (bei e i n e m Spaziergang!) verbuchen. Im Rahmen des Frauenschwerpunkt WOMENT, im Kulturhauptstadtjahr 2003, fanden 10 FrauenStadtSpaziergänge statt, bei denen die Teilnehmerinnenzahl mit ca. 180 Frauen pro Spaziergang ebenfalls sehr hoch lag.

Die Architektin Elisabeth Lechner lebt und arbeitet in Graz.

Verfasser/in:
Elisabeth Lechner, Bericht

Weiterführende Links

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Ilse Wieser leitete von 1991 bis 2007 die feministischen FrauenStadtSpaziergänge in Graz. Sie lud die scheidende Frauenstadträtin Tatjana Kaltenbeck-Michl und Freundinnen zu einem FrauenStadtSpaziergang durch Graz ein.
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Treffpunkt Grazer Rathaus. In der Bildmitte die Noch-Stadträtin für Kinder, Jugend, Familie, Frauen und Soziales Tatjana Kaltenbeck-Michl (SPÖ)
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Treffpunkt Grazer Rathaus. In der Bildmitte die Noch-Stadträtin für Kinder, Jugend, Familie, Frauen und Soziales Tatjana Kaltenbeck-Michl (SPÖ)
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Im Stadtmuseum Graz
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WOMENT-Tafel im ehemaligen Mädchen-Lyzeum. Fotos: Elisbeth Lechner

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