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Der dritte und letzte Abend der Vortagsreihe SLO}{discussions, am 31.5.06 im gut besuchten HdA Graz, stellte sich dem zentralen Thema: „Slowenien und Österreich: Jeder für sich oder gemeinsam stärker“.
Das Hauptanliegen war die Klärung der Frage, wie es zu einer Öffnung der Identität von Orten kommen kann. Mentale und politische Grenzen sollen überwunden werden, um mehr Internationalität zu schaffen, dabei könne sich die Kunst, insbesondere die Architektur an der Wirtschaft ein Beispiel nehmen. Um dieses Thema zu illustrieren, wurde die Beziehung zwischen Graz und Maribor und die städtebauliche Situation in Ljubljana von den Referenten herangezogen. Gäste waren Andreas Ruby (Architekturkritiker und -theoretiker), Boštjan Vuga (Sadar Vuga Arhitekti, Ljubljana), Miha Zupanc (Operative Director, BTC Ljubljana) und Roger Riewe (Riegler Riewe, Graz). Fabian Wallmüller und Andreas Ruby moderierten die Veranstaltung.
Andreas Rubys Vortrag beschäftigte sich mit dem Thema „Orte“: Slowenien und Österreich liegen zwar geografisch nahe beieinander, sind aber durch historische Umstände kulturell sehr unterschiedlich geworden. Für eine Zusammenarbeit dieser Regionen benötige man ein bestimmtes Identitätskonzept, nämlich jenes, dass eine Person an einem Ort einen Teil der eigenen Identität freilassen soll für andere Orte, um sich von einer weiteren Identität nähren zu können. Ruby kritisiert das Festhalten an der Vorstellung, dass Orte, die einmal produziert wurden, von uns heute nur mehr kuratiert werden. Heutzutage werden künstliche Orte „gemacht“ (so genannte non places) und vielfach in andere Orte transponiert (z.B. Indoor Schihallen, Ocean domes...). Um die Idee der Transponierung von Ortsqualitäten von einem Ort auf den andern sinnlich spürbar zu machen, bot Ruby seinen Zuhörern zum Abschluss seines Vortrages eine Kostprobe eines Musikstückes eines britisch-indischen DJs, der in seiner Komposition indische Musik mit drum & base –Sequenzen kunstvoll verquickt.
Der slowenische Investor Miha Zupanc sprach über BTC-Ljubljana, das europaweit größte Shopping Center. BTC entwickelte sich aus dem seit 1975 bestehenden Binnenlager auf den Feldern von Ljubljana und umfasst heute 45ha; über 4000 Menschen arbeiten dort und es gibt 420 verschiedene Shops. Pro Jahr suchen 18 Millionen Besucher BTC-City auf. Das Areal bietet neben Bürogebäuden Platz für Sport- und Kulturaktivitäten. Man ist bestrebt internationales Publikum anzulocken. Der Komplex wurde von 40 verschiedenen Architekten realisiert. Als Beispiel für internationale Mitgestaltung nannte Zupanc die Realisierung eines Wasserparks durch einen deutschen Architekten. Zupanc und seine Gesellschaft wollen BTC zum größten Einkaufszentrum der Welt machen, sogar ein 2-tägiges „Festival des Einkaufens“ ist geplant - Konsum ohne Grenzen.
Boštjan Vuga schloss in seinem Vortag an Rubys Gedanken der „gemachten Orte“ an – BTC ist ein solcher. Ljubljanas Einwohner zeigten anfangs kein Interesse an dem neuen benachbarten Stadtteil und waren nicht bereit BTC-City zu integrieren. Ljubljana sei eine Stadt, die auf ihre architektonische Entwicklung mit Plečnik und Ravnikar stolz ist. In den letzten 15 Jahren hat sich nicht viel verändert. Ein Bronzemodell von Ljubljana–City mitten im Zentrum der Stadt symbolisiert diesen eingefrorenen Zustand.
Ljubljana-City versus BTC-City? Sadar Vuga Arhitekti durchdachten die Möglichkeiten neuer integrativer Visionen für Ljubljana und BTC. In einer Studie, die Sadar Vuga Arhitekti letztes Jahr am IAAC Institut in Barcelona durchgeführt hat, stellte sich das Team folgende Fragen: Was kann man zu einer Stadt, der es an nichts fehlt, noch hinzufügen, damit sie zu einer „genialen Stadt“ wird? Wie könnte ein Link zwischen der Stadt Ljubljana und BTC-City funktionieren, damit sie in Synergie miteinander leben können? Ziel war es den Raum um Ljubljana nicht zu zerstören, sondern sichtbare Erneuerungen der Stadt anzubieten.
Es entstand eine neue Stadtschicht, „The Formula of New Ljubljana“, die dynamische Transformationen für Slowenien bringen sollte, mit der Begründung, dass sich ein Stadtbild konstant verändern muss. Die neue Schicht sollte eine neue bereichernde Identität für Ljubljana produzieren. Dann könnten sich die Bewohner immer noch entscheiden, ob sie der neuen Schicht angehören oder in der erstarrten Stadt weiterleben wollen.
Roger Riewe stellte seinen Vortrag unter den Leitgedanken, dass Grenzen nur gedankliche Konstrukte sind. Schon vor 10 Jahren hatten die Grazer Architekten darüber diskutiert, was nach dem EU-Beitritt Sloweniens passieren würde? 1999 entstand das ZV- Projekt „Graz-Maribor - Räume der Zukunft“. Durch die Schaffung der „California Line“, einer durchgängigen Verkehrsverbindung von Portugal über Triest, Ljubljana, Budapest-Kiew bzw. Thessaloniki (es handelt sich hier um ein EU-Projekt, Anm.), würde es für Graz notwendig werden, sich in Richtung Süden zu bewegen, um an die Tranversale andocken zu können. Ohne auf politische Hilfestellung in dieser Bewegung zu warten, wurde von der ZV ein Internetforum eingerichtet, um das Gebiet Graz-Maribor zu evaluieren. Das Forum ist zwar gescheitert, aber auf der unteren politischen Ebene gab es Begegnungen. Auch in der Presse fand das Thema Widerhall.
In der Diskussion kristallisierte sich der in Ljubljana herrschende Gegensatz zwischen dem Wunsch nach mehr Größe und der Angst vor drohendem Identitätsverlust durch Internationalität heraus. Die Wirtschaftslobby strebt nach Expansion, die Architekten wollen durch kulturelle Produktionen das Selbstwertgefühl steigern. Dieser Widerspruch soll gesellschaftlich produktiv gemacht werden. Das „Wie?“ einer extrovertierten Identitätspolitik wurde in den Raum gestellt. Werden Architekten angehört, um mitzuhelfen, eine translokale Identität zu forcieren? Die polyglotten Slowenen sind bereit für einen weiter gespannten Identitätsbegriff. Sie haben das Bewusstsein, dass sie noch mehr nach außen gehen müssen. Slowenien befindet sich nach dem EU- Beitritt in einem politischen Schwebezustand und der Raum Triest-Ljubljana-Graz-Maribor wird zusehends in drei verschiedene Gebiete zerfallen, die politische Landkarte unbedeutend werden. Fremdnutzung ist wichtig, um neue Identitäten entstehen zu lassen und dominante, lokale Identifikation soll durch Nomadentum gebrochen werden.
- Verfasser/in:
- Vilja Popovic, Bericht





