„Music is a place to live in“

...oder die Suche nach Räumlichkeit. Michael Haberz ist ein Architekt mit klassischem Lebenslauf, der unterschiedlichste Projekte in allen Bereichen realisiert hat. Er ze

12/07/2006

...oder die Suche nach Räumlichkeit.

Michael Haberz ist ein Architekt mit klassischem Lebenslauf, der unterschiedlichste Projekte in allen Bereichen realisiert hat. Er zeichnet sich aber auch durch verschiedene Tätigkeiten außerhalb der Architektur aus, ist zum Beispiel einmal pro Woche DJ bei Radio Helsinki, mit einer Sendung für Avantgarde Musik und Jazz.

Im Frühjahr 2006 realisierte er in den USA „Knock on the sky“ – eine Theaterproduktion mit Myra Melford (Komponistin), Dawn Akemi Saito, (Choreographie, Tanz), Oguri (Tanz), Michael Haberz und Reinhard Plösch (Visuals)

GAT traf Michael Haberz zum Gespräch.

GAT: Musik zieht sich wie ein roter Faden durch ihren Lebenslauf, hilft Ihnen die Vielschichtigkeit der Musik Qualität für Räume zu finden? Bauen Sie aufgrund dieses Bezuges anders?

MH: Auf jeden Fall. Die Suche nach der Räumlichkeit steht immer im Vordergrund und auch die akustische Qualität. Ich bemühe mich auch dafür zu sorgen, dass große Räume in einer Unterteilung gut funktionieren. Wir als Architekten haben ja auch nur über die Räumlichkeit die Möglichkeit uns abzuheben. Baufirmen und Baumeister sind ja heutzutage durchaus in der Lage verschiedene Details schnell zu übernehmen. Wir Architekten sorgen aber für die räumliche Qualität.

GAT: Sie sagen, dass beim Herstellen von Architektur allzu oft die Räumlichkeit verloren geht. Was ist damit gemeint?

MH: Es geht uns häufig die Vorstellung des Raumes verloren. Der Verdacht drängt sich auf, dass es Entwurfsmethoden gibt, die rein auf das Bild aus sind und nicht auf die Qualität des Raumes, die ja nicht darstellbar ist. Es ist aber diese Qualität, die man spürt, wenn man ihn betritt – man merkt ja ob ein Raum funktioniert oder nicht, bei großen Räumen, wie Kirchen existiert das Gefühl noch immer. Oft fehlt dieser Aspekt dem Innenraum einfach. Das Bedürfnis danach ist jedoch da und wird häufig vergessen oder von Bauherren zu wenig beachtet.

GAT: Die Musik und ihre zusätzlichen Projekte und Tätigkeiten helfen Ihnen den vorgegebenen Zwängen einer Bauaufgabe oder eines wenig weitsichtigen Bauherren zu entkommen?

MH: In der Architektur beeinflusst das Material normalerweise die Arbeitsweise. Natürlich gibt es Ausbruchsversuche aus dem konventionellen Rhythmus und je nachdem, welche Arbeitsweise ich wähle, beeinflusst das ja auch das Ergebnis. Die Musik ist ein wesentlich offeneres Medium. Es gibt zum Beispiel auch nicht wirklich eine Geldfrage für das Konzipieren von Musik. In der Architektur geht es immer um große Summen Geld, für viele Menschen eine Lebensinvestition. Deshalb nehmen Bauherren ja häufig eine sehr konservative Rolle ein und wollen nicht experimentieren. Bei der Musik gibt es das nicht.

GAT: Wie verbinden Sie Musik und Bauen?

MH: Die Akustik spielt im Raum eine essentielle Rolle, aber auch im übertragenen Sinn beeinflusst sie meine Arbeit. Mein eigenes Haus birgt auch solch einen Ansatz. Es gibt ein Stück von Miles Davis mit dem Titel „So what“ aus dem Jahr 1958, das mich stark beeinflusst hat. Es war damals ein außerordentlich revolutionäres Stück, das in seiner Einfachheit perfekt funktioniert und vielfach zitiert wird. Dieses Stück birgt eigentlich sehr viele Brüche, die dann einfach stehen gelassen werden, die Musik setzt anders fort ... und trotzdem funktioniert es – wirkt harmonisch. Sheila Jordan sagte einmal „Jazz is a place to live in“ und meinte damit, dass es eine Struktur geben muss, und wenn diese funktioniert, kann man sich darin frei bewegen. So war das auch mit meinem Haus. Die Struktur der schiefen Schachtel ist einfach und funktioniert, innen kann man frei agieren und die Qualität der Räumlichkeit ist gegeben.

GAT: Projekte wie „Knock on the sky“ sind ja eigentlich die ideale Lösung für das Erzielen von Räumlichkeit. Diese Produktion, die im Mai 2006 in den USA aufgeführt wurde, fand ihren Ursprung schon im Jahr 2000. Wie ist das Projekt entstanden?

MH: Ich kannte Myra schon aus einer früheren Zusammenarbeit anlässlich einer Veranstaltung im HDA zum Thema Musik und Architektur, die ich mit kuratiert hatte.

Im Jahr 2000 kam sie zusammen mit der Tänzerin Dawn Akemi Saito für die Produktion „The Face of us all“, basierend auf einem Stück von Octavio Paz, im Orpheum wieder, bei der ich die Bühne und ein Videokonzept machte. Das war im Prinzip das Vorprojekt für „Knock on the sky“, das wir heuer umsetzen konnten.

GAT: Worum geht es bei „Knock on the sky“?

MH: Das Stück ist eine Interpretation Camus’ „Mythos des Sisyphus“ und Kobo Abes Roman „Woman in the Dunes“. Im Roman geht es um einen Mann, der im Krater einer Sanddüne festgehalten wird, um einer Frau beim Sandschaufeln zu helfen. In dieser gemeinsamen Gefangenschaft im Rahmen der anstrengenden repetitiven Tätigkeit entstehen alle Arten von Emotionen und auch so etwas wie eine Beziehung. Am Ende hat der Mann die Möglichkeit zu entkommen, er entscheidet sich jedoch zu bleiben. Für uns stellt sich die Arbeit am Stück so dar, dass es eine vorgegebene Struktur gibt, in der wir uns frei bewegen, improvisieren, und alle Akteure ständig aufeinander reagieren.

GAT: Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

MH: Es geht darum, die geschaffene Räumlichkeit direkt mit der Musik zu verbinden und einen Improvisationsraum zu schaffen. In der Realisierung des Konzeptes arbeite ich eng mit Reinhard Plösch zusammen, der für die Videoarbeit und Elektronik verantwortlich zeichnet. Wir bilden zusammen den visuellen Aufbau durch Licht und Videoinstallation. Wir haben sogenannte Scrims, feine Netze, aufgespannt, die als Projektionsfläche dienen und je nach Positionierung des Lichtes auch blickdicht werden können. Auf diese Scrims wird das Material der 5 Livekameras, die Liveaufnahmen der Musiker oder Tänzer machen, projiziert. Die Bilder werden grafisch verfremdet und laufen parallel zum Stück auf den Scrims, so vervielfältigt sich die Szene auf unterschiedliche Weise. Ein weiteres Element ist der „Space Bass“, den wir für diese Art Stück entwickelt haben. Er ist einerseits ein Instrument, andererseits Teil der räumlichen Installation. Dabei handelt es sich um eine Stahlseilkonstruktion, die quer durch den Raum gespannt wird und damit abseits der Guckkastenbühne zusätzliche Raumstrukturen schafft. Diese Stahlseile werden gestimmt und werden so zum Instrument, das durch den ganzen Raum reicht. Dies wird wieder gefilmt und projiziert. Das wirkt teilweise so intensiv, dass die Tänzer regelrecht direkt darauf reagieren müssen. Das kann sehr heftig und schnell sein, wie bei Oguri oder langsam und fast unmerklich wie bei Dawn. Ein weiteres Element ist eine Kamera, die auf die Klaviertastatur und Myras Hände gerichtet ist. Diese ebenfalls verfremdeten Bilder werden auf die Scrims übertragen, ebenso wie die Bewegungen der Tänzer. In dieser Konstellation ergibt sich während des Stückes eine Fülle von Improvisationsmöglichkeiten um auf Musik und Tänzer vice versa zu reagieren.

GAT: So kreieren Sie ja geradezu das Sinnbild von Räumlichkeit.

MH: Ja, und man muss fast aufpassen hier nicht zu sehr der Schönheit zu verfallen und auch ein wenig Schärfe zu bewahren. Wir reagieren auf unterschiedlichste Weise auf das Geschehen und greifen ein.

GAT: Die Parallele zum Sisyphus Mythos entsteht also durch die vorgegeben Struktur des Stückes und die immer wiederkehrende Tätigkeit, die aber wie bei Sisyphus auch immer neu ist?

MH: So ist es. Der Mensch sollte sich vielleicht in diesem Blickwinkel auch die Sinnfrage einmal anders stellen, denn man macht doch jeden Tag eigentlich etwas anderes, auch wenn es vermeintlich das gleiche ist.

GAT: Wird es in nächster Zukunft wieder so ein Projekt geben?

MH: Wir werden im nächsten Jahr vermutlich in New York, Los Angeles und San Francisco aufführen. Es wäre natürlich schön, das Stück nach Europa bringen zu können. Wir versuchen derzeit, hierzulande das entsprechende Interesse zu wecken und Veranstalter zu gewinnen.

Verfasser/in:
Susanne Baumann-Cox, Gespräch

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