Aufregung um die negative Beurteilung des Dachausbaus Kastner & Öhler durch die Unesco: Die Aberkennung des Weltkulturerbetitels von Graz steht im Raum. Stadtrat Rüsch nimmt Stellung.
„Man hat entschieden, dass das Projekt so nicht geht“. Wilfried Lipp, Präsident der Icomos Österreich, Hüterin des Weltkulturerbes, bringt das Ergebnis der Beratungen der Unesco zu den Ausbauplänen von Kastner & Öhler auf den Punkt. Bei der gestern zu Ende gegangenen Sitzung des Unesco-Welterbekommitees in Vilnius wurde dem Dachaufbau des Traditionskaufhauses zwar grundsätzlich zugestimmt, den Entwurf des im Wettbewerb siegreichen spanischen Architektenduos Nieto Sobejano will die Unesco in dieser Form aber nicht akzeptieren. Sollte das Projekt ohne Abänderungen realisiert werden, ist eine Eintragung von Graz in die ominöse „Rote Liste“ der Unesco so gut wie fix – was einer letzten Verwarnung vor dem Rausschmiss aus dem edlen Club der Weltkulturstätten gleichkommt. Planungsstadtrat Rüsch und Baudirektor Werle konnten in Vilnius allerdings die Einsetzung einer Expertenkommission der Unesco noch in diesem Sommer erwirken. Die Kommission soll das Projekt Kastner & Öhler nochmals eingehend besichtigen – was seitens der Unesco bisher auch noch nicht geschehen ist.
„Es ist immer gut, wenn man mit Fachleuten reden kann“, ist Kastner-Geschäftsführer Wäg gegenüber der Kommission grundsätzlich diplomatisch-positiv gestimmt, gibt sich aber angesichts des qualitativ hochwertigen Entwurfs der Architekten, den auch die Grazer Altstadt-Kommission positiv beurteilt hatte, kämpferisch: „So einfach geben wir nicht auf.“ Dies auch zu Recht, denn im Unterschied zur diffusen Vorgehensweise bei Kommod-Haus und Thalia, die zuletzt auch den Unmut der Unesco erregt hatte, legte Kastner & Öhler ein transparentes Verfahren für seine Ausbaupläne vor: Internationaler, geladener Architekturwettbewerb, Beteiligung aller mit dem Denkmalschutz betrauten Stellen an der Wettbewerbsjury. Einziger Schönheitsfehler: Die Unesco, vertreten durch Icomos-Chef Lipp, war der Einladung zur Juryteilnahme nicht gefolgt, nachdem es im Vorfeld Uneinigkeiten zwischen Kastner & Öhler und Lipp über den Umfang des Ausbaus gegeben hatte. Lipp hatte für maximal 50% der Dachfläche eine positive Beurteilung in Aussicht gestellt, Kastner & Öhler beharrte auf 80%, ein Wert, der nach Abbruch der Gespräche auch die Grundlage des Architekturwettbewerbs bildete. Die Meinungsverschiedenheiten mit der Unesco bestehen allerdings nach wie vor: ein Damoklesschwert, das seit dieser Woche wieder etwas tiefer hängt. Die Zeit für eine Einigung zwischen Stadt Graz und Unesco drängt jedenfalls, wenn am 21. September die für die Realisierung des Projekts nötige Änderung des Bebauungsplans – sie sieht einen maximalen Ausbau von 75% der Dachflächen vor – beschlossen werden soll. GAT traf Planungsstadtrat Gerhard Rüsch zum Gespräch, um mit ihm über die Hintergründe der jüngsten Ergebnisse von Vilnius zu sprechen.
GAT: Herr Stadtrat, Sie kommen gerade aus Vilnius zurück – dort hat man einem Ausbau des Kaufhauses Kastner & Öhler zwar grundsätzlich zugestimmt, gegen den vorliegenden Architektenentwurf gibt es aber, wie es heißt, „deutliche Vorbehalte“. Woran spießt es sich konkret?
StR. Rüsch: Es besteht gegenüber dem Siegerprojekt des Wettbewerbs der grundsätzliche Vorbehalt, dass es „nicht in die Altstadt passt“. Das war uns natürlich zu wenig. Gleichzeitig war es aber auch Anlass, eine Expertengruppe nach Graz einzuladen, um im Beisein der Architekten im Detail zu klären, wie ein Ausweg aus der jetzigen Situation gefunden werden kann.
GAT: Was sind die kritischen Details?
StR. Rüsch: Es wird vermutlich um die Höhe der geplanten Aufbauten gehen, um die Kubatur, um das Material. Ich denke, dass man in allen Bereichen – und ich hoffe hier auch auf die Flexibilität der Architekten – die Dinge anpassen kann, sodass das Projekt letztendlich auch im Sinne des Weltkulturerbes akzeptabel ist.
GAT: Gegen die Unesco regte sich in letzter Zeit immer wieder Unmut über eine zu oberflächliche Behandlung kritischer Fälle, wie er nun auch in Graz eingetreten ist. Dies mag angesichts der mittlerweile über 800 Weltkulturerbestätten auch nicht verwundern. Wie viel Zeit hat man sich in Vilnius für die Causa Kastner & Öhler genommen?
StR. Rüsch: Die Verhandlung über Graz war relativ kurz, da die öffentlichen Stellen in Graz lediglich ermutigt wurden, das Projekt nochmals zu überdenken. Das ist eine sehr weiche Formulierung, die man allerdings nicht als Freibrief interpretieren darf, das Projekt ohne Veränderung umzusetzen. Denn dann, das wurde uns klargemacht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass Graz auf die Rote Liste der Unesco kommt. In der Verhandlung wurde der von uns bereits im Vorfeld ausverhandelte Vorschlag eingebracht, eine Expertenkommission zur Beurteilung des Projekts einzusetzen. Das stieß auf Zustimmung, da die Unesco in letzter Zeit immer wieder Probleme mit den Ergebnissen von Wettbewerben hat. In diesem Zusammenhang wurde auch angeregt, in Zukunft gleich Experten der Unseco bei Wettbewerben miteinzuschalten.
GAT: Wurde auch die Problematik diskutiert, dass in Altstädten wie jener von Graz auch eine ökonomische Notwendigkeit besteht, sich weiterzuentwickeln, um gegenüber Shopping-Malls außerhalb der Stadt konkurrenzfähig bleiben zu können?
StR. Rüsch: Der ökonomische Aspekt war das Hauptargument der Stadt Graz in den Vorgesprächen, wurde aber in der Verhandlung selbst nicht diskutiert. In einer Stellungnahme des Vertreters Österreichs bei der Unesco, Franz Neuwirth, wurde allerdings darauf hingewiesen, dass es sich beim Ausbau des Kaufhauses Kastner & Öhler, das ja seit 1893 bereits in der fünften Generation geführt wird, um kein Spekulationsobjekt handelt, und dass es für das ökonomische Überleben gegen die Konkurrenz am Stadtrand wichtig ist, dass hier Ausweitungsmöglichkeiten bestehen. Diese Stellungnahme Neuwirths ist ohne Gegenmeinung so zur Kenntnis genommen worden. Aus meiner Sicht ist eines jedenfalls klar: Es muss beides geben – den Erhalt der Altstadt und ihre Weiterentwicklung. Weil wir sonst beides verlieren. Wenn wir Investitionen in der Innenstadt an jenen Stellen, wo es möglich ist, nicht zulassen, laufen wir Gefahr, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Altstadt stark abnimmt. Und dann werden auch die Investitionen zurückgehen, und damit auch jene Investitionen in die Erhaltung und Sanierung.
GAT: Sie haben sich zuletzt zuversichtlich geäußert, dass in den Gesprächen mit der Expertenkommission eine Lösung auf Basis des bestehenden Entwurfes gefunden werden kann. Der Präsident der Icomos, Wilfried Lipp, hat sich gegenteilig geäußert: Für ihn „wird es mit einer Bearbeitung der Pläne wohl nicht getan sein.“
StR. Rüsch: Aus der Sicht der Stadt Graz ist es sehr wichtig, hier zu einem guten Kompromiss zu kommen. Dieser muss sich zusammensetzen aus der Ausweitungsmöglichkeit für Kastner & Öhler und einer sicherlich qualitativ hochwertigen architektonischen Form, die aber in den Kontext des Weltkulturerbes passt. Der Herr Lipp hat hier seine persönliche Meinung ausgesprochen, die sei ihm unbenommen. Aber wenn alles schon im Vorhinein klar wäre, bräuchten wir keine Expertenkommission.
GAT: Sollte es zu keiner Einigung kommen: Würden Sie, ähnlich wie Graz-Tourismus-Chef Hardt-Stremayr, der Rückgabe des Weltkulturerbe-Titels zustimmen?
StR. Rüsch: Ich finde es verwunderlich, dass diese Meinung gerade von Hardt-Stremayr kommt – weil meines Wissens jede Befragung von Touristen ein klares Ergebnis hat: Hauptattraktion in Graz ist die Altstadt. Man sollte sich daher vielmehr überlegen, wie wir die Altstadt, die unser größtes Potenzial ist, stärker mit der Idee des Weltkulturerbes imagemäßig verkaufen können. Ich halte nichts davon, einen Titel, um den wir uns lange bemüht haben, leichtfertig wieder wegzugeben.
GAT: Ein Wort noch zu Eggenberg, dessen Bewerbung um die Aufnahme in die Liste der Weltkulturerbe-Stätten auch Gegenstand der Gespräche in Vilnius war: Die Entscheidung wurde auf das Jahr 2007 vertagt – warum?
StR. Rüsch: Ich sehe diesen Aufschub sowohl für Graz als auch für das Weltkulturerbe sehr positiv. Die Zeit soll genützt werden, um klarere Richtlinien für Neubauten in der Altstadt zu schaffen und bis Anfang 2007 in Abstimmung mit der Unesco einen Masterplan für die Innenstadt von Graz zu erstellen, der festlegt, wo schutzwürdige Gebäude stehen, wo es Sanierungsbedarf gibt, und wo durchaus Entwicklungspotenzial drinnen ist. Auf Vorschlag der Unesco soll dieser Masterplan auch auf Eggenberg und seine Umgebung ausgeweitet werden – über die Aufnahme von Schloss Eggenberg in das Weltkulturerbe soll dann erst nach Vorlage des Plans entschieden werden. Ich halte den Aufschub aber auch gut für die Stadt Graz: Wir müssen wissen, dass, wenn Eggenberg Weltkulturerbe wird, der Unesco auch ein Mitspracherecht für die an Eggenberg angrenzenden Zonen eingeräumt wird. Und das sollte man sich sehr genau überlegen.
GAT: Könnte es sein, dass diese Überlegungen – wie zuletzt in Innsbruck geschehen – dazu führen, dass das Ansuchen der Stadt Graz um den Titel wieder zurückgezogen wird, um weitere Entwicklungen in der Umgebung dieser Stätte nicht zu verunmöglichen?
StR. Rüsch: Ich bin jedenfalls froh, dass nun im Rahmen des Masterplans auch für Eggenberg sehr genau überlegt werden muss, was die Stadt Graz in der Umgebung von Eggenberg an Stadtentwicklung vorhat.
- Verfasser/in:
- Fabian Wallmüller im Gespräch mit Stadtrat Gerhard Rüsch
