Eine Ausstellung über Architektur und Städtebau von Konstantin Melnikow in den Jahren 1921-1937, zu sehen bis 13.04.2006 im Ausstellungszentrum im Ringturm, Wien.
Der offiziellen Definition der marxistischen Architektur als „dialektische Einheit von Technik und Ideologie“ entsprachen Konstantin Melnikows architektonische Entwürfe nie zur Gänze; zu sehr sind sie ausdrucksvolle Komposition, durchdrungen von der Lust an der plastischen Formgebung. Das ungewöhnliche Talent des 1890 in Moskau geborenen Bauernsohns fiel schon auf, als der 13-jährige seine erste Arbeitsstelle antrat. Gefördert und unterstützt von seinem Arbeitgeber konnte Melnikow die Moskauer Schule für Malerei, Plastik und Architektur absolvieren. Bald nach dem Diplom in Architektur (1917) wurde er in die Moskauer Stadtplanungsabteilung berufen, wo bis 1920 am Plan für das „Neue Moskau“ gearbeitet wurde.
Seine Karriere begann also in den „goldenen Jahren“ nach der russischen Oktoberrevolution steil, wurde jedoch aus politischen Gründen unter Stalin 1937 jäh beendet, als ihn Stalins Nomenklatura als praxisfernen Idealisten denunzierte und ihm den Berufstitel aberkannte. Zu diesem Zeitpunkt war Melnikow 47 Jahre alt und im Westen bekannt und geschätzt, seit die sowjetische Architektur mit dem von ihm geplanten Pavillon für die Pariser Kunstgewerbeausstellung 1925 einen triumphalen Auftritt feierte. Für die Pariser Stadtverwaltung projektierte der Architekt während seines Aufenthalts eine völlig neu organisierte Garage über die Seine (!) für 1000 Autos, die allerdings Papier blieb. Zurück in Moskau realisierte Melnikow dann nach 1926 vier Garagen. Bis 1930 entstanden jene originellen Entwürfe für Arbeiterklubs, die am deutlichsten zeigen, dass Melnikow der künstlerischen Erscheinung, dem ausdrucksvollen Äußeren eines Bauwerks mindestens so große Bedeutung beimaß wie der rationellen Konstruktion und funktioneller Organisation. Dabei löste er die räumliche Komposition der Gebäude in immer wieder neuer, überraschender Weise. „Das Schöpferische beginnt dort, wo man sagen kann – das ist von mir“, sagte er.
Mehr als dreißig seiner Projekte und realisierten Werke und damit alle wichtigen Arbeiten der konstruktivistischen Periode sind in der bis 13. April gezeigten Schau seiner architektonischen und städtebaulichen Arbeit im Ausstellungszentrum der Wiener Städtischen Versicherung zu sehen. Die Ausstellung besticht durch rund dreißig sorgfältig gebaute Modelle, die die komplexen räumlichen Vorstellungen Melnikows sehr anschaulich zeigen. Diese Modelle sind Resultate der Zusammenarbeit der Architekturfakultäten des Polytechnikum Milano, der Technischen Uni Delft und der Universität Stuttgart und wurden von der EU gefördert. Unterstützung vom Westen müsste den noch in Moskau vorhandenen Bauten Melnikows, vor allem seinem berühmten eigenen Atelier- und Wohnhaus und dem Russakow-Arbeiterklub zuteil werden, um diese Ikonen einer russischen Blütezeit der Architektur vor dem Verfall zu retten.
Trotz der vielen Gruß- und Dankesworte zahlreicher offizieller Vertreter der russischen Botschaft, der Moskauer Stadtplanung und der Moskauer Städtischen Versicherung, die zur Vernissage erschienen waren, ist von russischer Seite nicht viel zu erwarten. Ins Unendliche steigende Bodenpreise, der gigantische Bauboom und das Fehlen eines Bewusstseins für dieses baukulturelle Erbe lassen jetzt, wo der Sohn des Architekten, Viktor Melnikow, vor zwei Wochen mit 92 verstorben ist, das Schlimmste befürchten. Er hat, allen Widrigkeiten zum Trotz, bis zuletzt in dem Haus aus zwei zylindrischen Körpern gewohnt, über dessen Eingang in großen Lettern selbstbewusst geschrieben steht: Konstantin S. Melnikow, Architekt.
Moskau - Melnikow
Architektur und Städtebau von Konstantin Melnikow 1921-1937
_ Ausstellungsort:
Ausstellungszentrum im Ringturm
Wiener Städtische Allgemeine Versicherung AG
Schottenring 30, 1010 Wien
_ Dauer der Ausstellung:
16.02. - 13.04.2006
_ Öffnungszeiten:
Mo bis Fr: 9.00 bis 18.00 Uhr, an Feiertagen geschlossen
- Verfasser/in:
- Karin Tschavgova, Kommentar





