Günter Eichberger
Nachts wieder Arbeit am Kolosseum. Es muss endlich fertig werden. Auch plane ich einen zweiten Eiffelturm. Eine Art Spiegelung des Originals, und zwar aus Glas und Sichtbeton. Diese Fülle von Vorhaben, wie von selbst huscht der Zeichenstift über das Papier.
Am Morgen danach Ernüchterung. Ich sollte mich doch lieber auf Einfamilienhäuser konzentrieren, schon wegen der Realisation. Aber das Verwirklichen war nie mein Metier, mir zerfließt immer alles viel zu schnell, ich kann meine Vorstellung nicht aufs Papier bringen. Als würde alles meinem Kopf Entsprungene die Flucht ergreifen, meine Pläne nehmen Reißaus vor mir, meine Absichten betrügen mich.
Möglicherweise finden sich an fremden Orten, die ich nie aufgesucht habe, exakte Ausführungen meiner geträumten Bauten. Das kann ich mir vorstellen. Ich fühle mich Cook/Fournier verbunden. Allerdings bin ich radikaler. Ich mache Entwürfe von Entwürfen, embryonale Projekte, die noch eine Zeitlang in mir weiter wachsen, bis sie abgehen. In dieser Flüchtigkeit fühle ich mich meinen Gebilden verbunden, als wären sie Körperfortsätze.
Das „Haus der Architektur“ habe ich als Provisorium geplant. Als einen mobilen Bau für Nomaden. Dann würde sich übrigens das leidige Mietproblem erübrigen. Ein Haus, das den Ort wechselt, ist sicher vor den Versprechungen der Volksvertreter, die sich hinterher als Lockangebote in Fallen entpuppen. Das wandernde Haus ist mein Beitrag zur Krise. Das Bestehende verlassen, bevor es Bestand hat. Auf und davon, ein architektonischer Eskapismus, meine ureigene Stilrichtung.
Ich sehe meine Bauten zwanghaft genau. Sie sind viel stabiler in ihrer Labilität als Computersimulationen. Manche sind ganz aus Nebel gemacht. Andere aus Wolken. Eine Brücke besteht aus einem Regenbogen.
Wenn ich erwache, zerfallen die Modelle, das ist ihr Charakter. Ich denke von mir selber ähnlich. Ich entwerfe mich, um mich zu verwerfen. Da reiße ich mich entzwei. Beginne von neuem mit mir. Architektur muss sich selber sprengen. Im Moment des Entwurfs.
Die Nacht sieht mich wieder am Werk. Meine Häuser stehen nur nachts. Mit den ersten Sonnenstrahlen verblassen sie. Meine Gedanken kreisen um leere Flächen. Meine Kunst wird sich ganz entschlossen der Leere stellen. Ich werde die Leere bauen.
Ich ziehe die Verkleidung von dem Bau. Darunter kommt das Nichts zum Vorschein. Strahlend in seiner Vollkommenheit.
Deutlich vernehme ich den Beifall des Feuilletons.
- Verfasser/in:
- Günter Eichberger, Glosse
