"Mexiko fasziniert mich seit langem"

Der 1968 geborene Grazer Bernhard Rehn ist Gründer des Büros archexperience und lebt seit 2003 als Architekt in Mexiko City. Auf Stippvisite in Graz gewährt er GAT Einbli

02/01/2008

Der 1968 geborene Grazer Bernhard Rehn ist Gründer des Büros archexperience und lebt seit 2003 als Architekt in Mexiko City. Auf Stippvisite in Graz gewährt er GAT Einblick in seinen Arbeitsalltag in einer der Mega-Cities dieser Welt.

GAT: Nach dem Architekturstudium in Graz und Stuttgart bist Du 2003 nach Mexiko City gezogen. Was hat dich dazu bewogen?

Rehn: Mexiko fasziniert mich seit langem. Während des Studiums hatte ich im Haus der Architektur, das muss so um 1993/94 gewesen sein, einen Vortrag von Jorge Legorreta gehört. Er sprach sehr eindrücklich über die Stadtentstehung von Mexiko Stadt und die aktuellen städtebaulichen, architektonischen, sozialen und ökologischen Probleme dieser Mega-City. Ich las alles, was ich an Architekturbüchern über Mexiko in die Hände bekam. Aber auch Jack Kerouacs Buch „On The Road“ oder William S. Burroughs „Naked Lunch“ haben mich neugierig gemacht und meinen Wunsch, dorthin zu gehen, verstärkt. 1996 war ich dann zum ersten Mal mit einem Stipendium in Mexiko und es folgten weitere Studienaufenthalte. 2003 erhielt ich ein Jobangebot in einem Architektur- und Ingenieurbüro, und ich nutzte dieses als Ausgangspunkt, um von dort aus die Fühler auszustrecken nach interessanteren Büros bzw. Aufträgen als Selbständiger.

GAT: Kannst Du kurz beschreiben, welche offensichtlichsten Unterschiede du zwischen dem Arbeiten in Österreich und Mexiko feststellst.

Rehn: Da gibt es einiges, was tatsächlich den gängigen Klischees entspricht, aber nicht immer 1:1 übertragen werden kann. Vor allem hier in Mexiko Stadt ist der Unterschied im Arbeitsalltag zu Europa geringer als in anderen Regionen des Landes.

Die Zeit ist ein Faktor, der anders aufgefasst und gehandhabt wird. Beim Entwurf kann man sich oft weniger Zeit lassen, aber mehr experimentieren. Baubehörden beispielsweise setzen Zeit häufig als Druckmittel ein, um Bestechungsgelder, so genannte „mordidas“, zu erhalten. Ohne „mordida“ wird in der Genehmigungsphase oft noch im letzten Moment ein „Mangel“ festgestellt.

Wenn es um die Ausführung geht, muss man sicherlich von einem anderen Qualitätsstandard ausgehen, als er in Österreich erwartet wird. Darauf muss sich der Architekt im Vorfeld entsprechend vorbereiten, um nachher nicht zu sehr enttäuscht zu sein. Man kann dies u. a. dadurch kompensieren, indem man sich gründlich mit den lokalen Bautraditionen, Arbeitstechniken, Materialien, etc. befasst, also etwas, das man ja generell machen sollte, wenn man in anderen Kulturregionen aktiv ist. In Österreich übliche Standards für Wärme- und Schallschutz können hier nicht so einfach angewandt werden, die Gesetzgebung ist eine andere, aber auch der Zugang zu Materialien ist oft nicht so gegeben. Und natürlich werden die Baukosten durch entsprechende Importe deutlich erhöht.

Auf größerer Maßstabsebene, wie im Städtebau, gibt es kaum planerische Instrumente, die kontrolliertes Wachstum der Stadt zulassen oder zugelassen hätten. Es wird meist „nachgebessert“. Informelle Aktivitäten und Entwicklungen überfordern die oft unvollständigen Planungsinstrumente. Allerdings versuchen kleinere Gruppen von Architekten und Stadtplanern in den letzten Jahren bestimmte Situationen auf Mikroebene zu untersuchen und evtl. neu zu strukturieren und zu verbessern. Auch Künstlerkollektive bearbeiten zunehmend Themen wie den öffentlichen Raum. Das städtebauliche Planungsdefizit hat natürlich auch großen Einfluss auf das Architekturgeschehen. Architekturwettbewerbe werden äußerst selten ausgelobt. Es werden eher kleine Gruppen von Architekten, die über entsprechende Beziehungen verfügen, von Privatleuten eingeladen, Vorschläge zu machen. Dabei stelle ich fest, dass die junge Architekturszene den regionalen Stil längst über Bord geworfen hat - man orientiert sich an europäischen, asiatischen und US-amerikanischen Vorbildern.

In Mexiko herrscht ein wahnsinniger Bürokratismus. Bürokratismus und Korruption gehen gut Hand in Hand, denn die Zermürbe-Taktik, die angewendet wird, wenn du den offiziellen Weg über die Ämter gehst, begünstigt natürlich korruptes Verhalten.

Und nicht zuletzt gibt es ein Phänomen, das es gerade den Architekten nicht ganz leicht macht: Mexikaner haben keinerlei Hemmung, zu kopieren, oder Ideen zu klauen. Dafür gibt es sogar einen eigenen Ausdruck. Die Mexikaner nennen das „lo fusilamos“- „Lasst es uns kopieren“.

GAT: Wie sieht die rechtliche Lage für Architekten aus, die einen österreichischen Hochschulabschluss haben? Gibt es für Dich Einschränkungen bzw. gibt es etwas Vergleichbares zu der Architektenkammer in Österreich?

Rehn: Es gibt eine Kammer; ich bin momentan zwar noch kein Mitglied, kann aber dennoch ganz normal als Architekt tätig sein. Das Verfahren ist noch im Gange. Nach erfolgter Anerkennung meines österreichischen Diploms steht dem Eintrag nichts mehr im Wege.

GAT: Deine Projekte reichen von Städtebau bis Bühnenbild. Wo liegt dein Interessensschwerpunkt? Wofür schlägt Dein Herz?

Rehn: Das kann man vergleichen mit Österreich vor etwa 10 Jahren, wo man sich wegen Arbeitsmangel in einem breiten Feld bewegte. Ich habe gemerkt, dass mich die Zusammenarbeit mit Künstlern ganz besonders interessiert. 2005 war ich Kurator für Österreich als Gastland im zweitgrößten Kulturfestival Mexiko in Guadalajara (Festival Cultural de Mayo). Von diesem Zeitpunkt an bin ich mehr und mehr in diese Szene eingetaucht und organisiere und kuratiere Ausstellungen. Für 2008 entwerfe ich das Bühnenbild zu Fidelio. Gastland in Guadalajara wird dann Deutschland sein.

GAT: Wie sind deine Produktionsbedingungen und -strukturen in Mexiko. Hast Du ein Büro, bist du Mitglied eines Netzwerkes?

Rehn: Ich habe ein eigenes Büro und bereite eine Partnerschaft mit Architekten und Künstlern vor – mit dem Berliner Architekten Thorsten Englert und der österreichischen Architektin, Fotografin und Grafik-Designerin Uli Stehlik. Es ist spannend wie der Büroalltag in mexikanischen Büros funktioniert: Es ist durchaus nicht unüblich, dass ein Büro mit 10 Mitarbeitern schon einen eigenen Büroleiter hat. Also es herrscht ein bisschen eine Großmannssucht. Um erfolgreich zu sein, musst du vor allem sozial aktiv sein und Netzwerke pflegen. Außerdem musst du die Leute in Mexiko von einer guten Idee überzeugen, ihnen die Investoren mitbringen und das ganze aktiv vorantreiben.

GAT: An welchen Projekten arbeitest Du momentan?

Rehn: U. a. arbeiten wir an einem Minimal Housing Projekt. Die Idee ist, Grundstücke zu finden, die zu klein oder zu kompliziert für eine Standardbebauung sind. Mexikanische Wohnungen sind oft sehr groß. Die durchschnittliche Neubauwohnungsgröße in Mexiko City liegt in gewissen Gegenden bei 90 m² und deutlich aufwärts, sozialer Wohnbau fängt allerdings schon bei 35 m² an. In Gated Communities können sie gut und gerne auch mal 600 m² haben. Das nennt sich dann Residential Plus. Für unser Projekt wollen wir eine jüngere Zielgruppe, zum Beispiel aus Europa gewinnen, die auch gerne in Maisonetten oder Splitleveltypen leben würden. Einheiten mit zweigeschossigem Luftraum, interessanter Lichtführung und Innenhöfen sollen ein Alternativangebot darstellen zu den momentan gängigen und eher uniformen eingeschossigen Flats mit ca. 100 m², eine luxuriöse Ausstattungen, voll verglaste Wohnbereiche zur Straße hin aufweisen und in den momentan angesagten Materialien Beton, Glas und Stahl gebaut sein. Wir möchten gerne schon im nächsten Jahr unseren ersten Typen realisieren.

Ein Projekt aus dem Kunstbereich wird gerade für Tijuana und San Diego vorbereitet. Es geht dabei um urbane Strukturen, die fotografisch festgehalten und dargestellt werden, wenn möglich zeitgleich an zwei verschiedenen Orten.

GAT: Sieht Graz dich wieder?

Rehn: Kurz oder mittelfristig wahrscheinlich eher nicht.

Schon eher alle zwei Jahre zu einem Besuch. Aber ich plane, gemeinsam mit einem Freund und Kollegen aus der Steiermark, eine Kulturplattform zu gründen. Sie soll Anlaufstelle für junge österreichische Künstler sein, die in Mexiko arbeiten möchten. Wir werden bei der Suche nach geeigneten Ateliers oder Galerien beispielsweise behilflich sein und Veranstaltungen kuratieren - und das Gleiche soll umgekehrt auch für Mexikaner in Österreich angeboten werden.

Verfasser/in:
Anke Strittmatter, im Gespräch mit Architekt Bernhard Rehn

Weiterführende Links

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Bernhard Rehn wurde 1968 in Ilz in der Steiermark geboren. Er studierte in Graz und Stuttgart Architektur, ist Gründer von archexperiece und lebt seit einigen Jahren in Mexko City.
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Beitrag Fritz Riedel bei der Ausstellung „Österreichische Kunst in Mexiko“, kuratiert von Bernhard Rehn, Festival Cultural de Mayo, 2005
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Ausstellung „Österreichische Kunst in Mexiko“, kuratiert von Bernhard Rehn, Festival Cultural de Mayo, 2005
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Entwurf und Ausführung des Bühnenbildes für die mexikanische Oper „Ildegona“ zur Eröffnung des 10. Festivals Cultural in Guadalajara, Mexiko, 2007
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Entwurf und Ausführung des Bühnenbildes für die mexikanische Oper „Ildegona“.
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Entwurf und Ausführung des Bühnenbildes für die mexikanische Oper „Ildegona“.
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Produktionshalle und Bürogebäude für KHS (Verpackungsmaschinen) in Zinacantepec, Mexiko, 2005
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Bürogebäude für KHS in Zinacantepec, Mexiko, 2005
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Bürogebäude für KHS in Zinacantepec, Mexiko, 2005
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omnipräsente Hausaltäre in Mexiko
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Produktionshalle für KHS in Zinacantepec, Mexiko, 2005
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