Stummfilm, Deutschland, USA 1927, Regie: Fritz Lang, Buch: Thea von Harbou, Kamera: Karl Freund, Günther Rittau, Musik: Giorgio Moroder. Mit: Gustav Fröhlich, Brigitte Helm, Alfred Abel, Rudolf Klein-Rogge, Heinrich George, Fritz Rasp, Helene Weigel, Theodor Loos.
Der Film von Fritz Lang aus dem Jahr 1927
hebt sich deutlich ab vom phantastischen Film der Stummfilmära und begründete in Deutschland ein neues Filmgenre: die Science Fiction. Die damals neuartigen Elemente gehören heute zu den gängigen Mustern der Gattung. Eine negative Utopie zeigt die Exposition; der Zukunftsstaat ist eine Klassengesellschaft: Während in der achtlosen Unterstadt die Arbeiter wie Sklaven hausen und zehn Stunden am Tag von der Maschine tyrannisiert werden, leben die Menschen der Oberstadt in einer Welt des Luxus und des Überdrusses.
Während der Dreharbeiten sagte Lang in einem Interview, er versuche, den brausenden Rhythmus unerhört gesteigerten, zivilisatorischen Fortschritts einzufangen. Die triviale Handlung ist nur Vorwand, Libretto für die Inszenierung von Bewegungsarrangements. Luis Buñuel: «Was für eine begeisternde Symphonie von Bewegung! Wie singen die Maschinen, wunderbar durchsichtig im Zentrum, durch die elektrischen Entladungen Triumphbögen gleich! ... Das äußerst lebhafte Funkeln des Stahls, die rhythmische Abfolge von Rädern, Kolben, von noch nicht erschaffenen mechanischen Formen, dies ist eine bewundernswerte Ode, eine ganz neue Poesie für unsere Augen.... Selbst die Zwischentitel, die auf- und absteigen, sich drehen, bald in Licht zerlegt werden oder in Schatten verschwinden, vereinigen sich in der allgemeinen Bewegung und werden selbst Bilder.»
Fritz Lang entwirft gigantische Apparate, deren Zweck nicht zu erahnen ist, und er zeigt das faszinierende Zusammenspiel mechanischer Abläufe in einem komplizierten Funktionsplan. Die Arbeiter sind Sklaven der Maschine, deren Rhythmus sie sich unterzuordnen haben. Der Maschinentakt bestimmt das Leben in Metropolis, die Technik erscheint als Moloch. Die Bedienung der Apparate zwingt die Arbeiter in strukturierte Einheiten: Wieder bilden Menschen Ornamente. Die Masse, in geometrische Formen gepresst, bewegt sich mechanisch-rhythmisch; in Rechtecken marschieren die Arbeiterkolonnen, während die vorwärtsstoßende Menge, zum Beispiel bei der Zerstörung der Maschinenzentrale, keilförmig gruppiert ist. Fritz Langs Regie ist vom expressionistischen Theater, aber auch vom russischen Avantgardetheater beeinflusst; den Inszenierungen Alexander Tairovs, die er bei dem Gastspiel des Moskauer Kammertheaters in Deutschland sah, entnahm er Anregungen für Metropolis. Die Masse bildet in diesem Film ein «gigantisches Ballett» (Buñuel).
Sergej Eisenstein, der Lang während der Dreharbeiten im Studio besuchte, zeigte sich besonders beeindruckt von den technischen Innovationen des experimentierfreudigen Teams. Um eine Explosion eindrucksvoll filmisch darzustellen, erfand Lang die Kamera-
schaukel. Die Kamera wurde dem Schauspieler, der zurückwich und sich an die Wand presste, entgegenge-
schwungen und kehrte in ihre Aus-
gangsposition zurück: Die Druckwelle der Detonation wurde augenfällig. Im Stummfilm mussten Geräusche optisch ausgedrückt werden; Pulverdampf signalisierte das Pfeifen der Arbeitssirene. Die Wolkenkratzer und kühnen Straßenkonstruktionen von Metropolis wurden, erstmals in einem Spielfilm, im Schüfftan-Verfahren aufgenommen: Die Einspiegelung winziger Modelle in Realszenen schuf die Illusion riesiger Bauten. 1925 antwortete Lang auf die Frage nach dem künstlerischen Stand des deutschen Films: Wir haben Architekten - der ganze Rest ist hoffnungslos schlecht. Für die Bauten von Metropolis zeichnete Otto Hunte verantwortlich, ihm spendete Buñuel enthusiastisches Lob: «Das Kino wird der zuverlässige Interpret der kühnsten Träume der Architektur sein.»
Die Verwirklichung dieser Träume brauchte zwei Jahre und verschlang immense Summen. Metropolis war auf eine Million Mark kalkuliert und kostete letztlich fünf Millionen (Lang widersprach dieser Behauptung und rief ein Schiedsgericht an, um die Herstellungskosten überprüfen zu lassen). Die Filmreklame warb mit eindrucksvollen Zahlenkolonnen: 1.300.000 Meter Film wurden abgedreht, 36.000 Komparsen, darunter 750 Kinder, beschäftigt und 1.600.000 Mark allein für Arbeitslöhne ausgegeben. Eine kostspielige Großproduktion erfordert Kompromisse - die sentimentale Handlung war gewiss ein Zugeständnis ans Publikum, und die ideologische Botschaft ist auch unter diesem Aspekt zu sehen: Die Verbrüderung von Kapital und Arbeit durch eine Führergestalt entsprach einem weitverbreiteten Wunschdenken, das sich später die nationalsozialistische Propaganda zunutze machte. Siegfried Kracauer fasste das internationale Echo der Filmkritik zusammen: «Metropolis beeindruckte das deutsche Publikum, die Amerikaner genossen seine technische Brillanz, die Engländer dünkten sich erhaben, und die Franzosen zeigten sich von einem Film, der ihnen wie eine Mischung aus Wagner und Krupp und im Ganzen als alarmierendes Zeichen deutscher Vitalität erschien, beunruhigt. Die geschäftlichen Erwartungen konnte Metropolis aber nicht erfüllen; der Film wurde für die Ufa zu einem finanziellen Fiasko: Der erhoffte Kassenerfolg in Amerika blieb aus und der deutsche Markt deckte - und auch das erst nach einigen Jahren - gerade ein Siebtel der Herstellungskosten.Text aus dem Buch "Fritz Lang" von Michael Töteberg, erschienen im Rowohlt Verlag, 1989, S. 53 - 61

