Mehr Mut zur Verschwendung!

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13/02/2011

Mark Wigley hat in Bezug auf den affirmativen Pragmatismus auf der Loopholes Conference gesagt, dass Architektur das Nachdenken über die Welt sei. Im Zentrum dieser Überlegung steht das Entwerfen als eine intellektuelle Praxis, die vereinfacht mit Erkenntnis oder Findung einer architektonischen Frage, Entwicklung von verschiedenen Szenarien und Entscheidungsfindung durch Auswahl beschrieben werden kann, denen ein Prozess der Ausarbeitung, Auswahl und des ständigen Verwerfens folgt. Doch was sind die Maßstäbe, die Verbindlichkeiten dieser Art ‚architektonisch zu denken’? Hier ist die Praxis des Denkens gemeint – dieses Denken ist eine Praxis.

Heutzutage ist niemand wirklich bereit, nur für das Denken zu zahlen. Das große Bestreben läuft in die Richtung, Objekte zu produzieren, die sich rechnen. Zurzeit wird an manchen Orten so viel gebaut wie noch nie, aber vieles davon kann kaum als Architektur bezeichnet werden. Insofern ist uns Architektur heute nichts wert. Es gibt auch keine Bereitschaft zu einer Verbindlichkeit des Bauens. Die Konsumation diktiert die Symbolik des globalen Zusammenlebens. Aber man lebt nicht in globalen Räumen, sondern in lokalen. Die Architektur spielt in diesem großen Bestreben, Objekte zu produzieren, mit. Das betrifft meist aber nur die spektakulären „Spitzen“-Bauten, die für Images herhalten müssen. Es gibt nur wenige gute Beispiele, die ihre Qualität aber nur ausspielen können, weil sie einen bestimmten Nerv einer Identitätsvorstellung treffen oder eine sehr spezifische Geste setzen. Ansonsten muss das Gebäude vor allem auf sich selbst aufmerksam machen, es muss sich selbst inszenieren. Diese spektakuläre Blendung ist auch ein Beweis für den Ausverkauf von Architektur – und dies ist eigentlich überflüssig. Der Überfluss ist aber ein täuschender Begriff auf das hin, was mit Verschwendung gemeint ist. In der traditionellen Bedeutung bezeichnet Verschwendung einen Luxus – etwas, das als Rest für die gezielte Nutzung verloren geht, über die eigentliche Funktion hinausgeht oder vom anderen Rand her betrachtet: Verschwendung ist auch das, was vor der Funktion ist, was Platz greift bevor die Funktion „angekommen“ ist. Überfluss hingegen beschreibt das, was noch einmal in den ökonomischen Kreislauf eingespeist wird, das Konsumverhalten nochmals ankurbelt, einen Gebrauch nahezu suggeriert, ‚nur’ weil der Preis so günstig ist. Der Preis regelt hier die Nachfrage bzw. den Gebrauch. Der Gebrauch wird auf diese Weise zu einem reinen Geldwert, der die Symbolik des Tauschwerts förmlich aussaugt. Baudrillard hat in seinem Werk über den symbolischen Tausch (1) die Vorstufen dieses Phänomens beschrieben. Die Agonie des Realen steht dabei der Symbolik des Tauschverhaltens gegenüber, die eine imaginäre Komponente über die Tausch-Täuschung beinhaltet.

Immer wieder wurde von Anthropologen das interessante Beispiel des Potlatch der Indianer der nordamerikanischen NW-Küste eingebracht, die einen antagonistischen Gabentausch pflegten, der im Verlauf von öffentlichen Festveranstaltungen mit einer regelrechten Verausgabung des Gebenden verbunden war. Diese Tauschhandlungen waren zentral mit dem sozialen und kulturellen Umgang ihrer Gesellschaft verknüpft, darüber wurde die soziale Anerkennung geregelt bzw. auch Ungleichheiten austariert. Im Potlatch kam es auch zur Zerstörung von Gütern, etwa kunstvoll gefertigten Metallplatten, die hohen symbolischen Wert hatten, der allein davon abhängig war, wie oft diese Platten schon den Besitzer gewechselt hatten. Der zeremonielle Tausch im Fest Potlatch war ein ökologisches und ökonomisches Korrektiv, die Möglichkeit einer Neuverteilung des Wohlstands innerhalb einer Gesellschaft.

Die tiefere Bedeutung des Potlatch liegt zwischen dem materiellen Reichtum und dem individuellen Anspruch auf Prestige – und das macht seine Täuschungsfähigkeit aus. Es wird hier mit Besitz gekämpft, aber trotzdem geht es vielmehr um das Sein und das Prestige als um das Haben. Der Besitz ist allerdings der Ausgangspunkt für den Potlatch. Georges Bataille beschrieb ihn als d a s Beispiel einer souveränen Konsumation. Er verstand diese risikoreiche öffentliche Verschwendung als kulturelle Notwendigkeit jedes Tauschverhaltens und baute darauf seine Allgemeine Ökonomie auf (2). Demnach dient die Verschwendung auch dazu, die Symbolik des Tauschverhaltens zu unterstützen. Nachdem Architektur maßgeblich in diese Abläufe miteingebunden ist, könnte man annehmen, dass Architektinnen und Architekten laufend an der Produktion dieser Verschwendung beteiligt wären. Dies stimmt aber nur bedingt, da die Verschwendung in diesem Fall nur am Geldwert gemessen wird, der wiederum lediglich dem Prestige der Investoren oder Sponsoren dient. Der Ausverkauf der Architektur wird als Verschwendung ‚getarnt’, allerdings nur aus dem Grund getarnt, weil Verschwendung nicht allein in Geld gemessen werden kann: Sie findet nur Platz im symbolischen Tausch.

Bei der Menge an Raum, die fortwährend auf den Markt geworfen wird und auch verkauft werden muss, hat man den Eindruck, dass da auch einiges ungenutzt übrig bleibt – Räume der Verschwendung entstehen dabei unabsichtlich. Hier wird nicht Raum im Sinne Lefebvres produziert, der auf eine sozial eingebundene Produktion abstellte, sondern vielmehr erfolgt eine Produktion des Geldes. Ablesbar wird dies zum Beispiel in den zahlreichen mediterranen Feriensiedlungen, die phasenweise wie Geisterstädte anmuten, weil sie nur temporär bewohnt werden. Im Regelfall bewohnen die Besitzer ihre Ferienhäuser nur wenige Wochen des Jahres, wohingegen die Arbeitskräfte, die genauso ‚temporär’ angeheuert werden, um diese Siedlungen zu errichten, in notdürftigen Baracken in der Umgebung hausen. Die Ferienhäuser müssen dann über die ungenutzte Zeit bewacht werden. Meist sind diese auch in künstliche Landschaften integriert, die aber auch einer klaren Funktion zugeordnet sind: Eine der wichtigsten „Landschaften“ in diesen Siedlungen ist mitterweile der Golfplatz. Die universelle Wirksamkeit des Geldes hat etwas Erschreckendes, weil der Wert des Geldes trotzdem nicht gleich bleibt. Deshalb muss das Geld wohl arbeiten und Räume produzieren, weil auf diese Weise lässt es sich am deutlichsten materialisieren.

Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, mit der Produktion von Raum auch Geld zu akkumulieren, allerdings liegt das Problem in der Ausschließlichkeit. Geld selbst ist ein quantitativer und kein qualitativer Wert. Daher kann auch die Produktion des Raumes nicht allein an ein Raumprogramm gebunden sein. Selbst in Wettbewerbsausschreibungen wird fast immer nur an die direkt verkaufbaren und eindeutigen Funktionen zuordenbarer Räume gedacht. Der Überfluss an Funktionen verunmöglicht dann meist die Entwicklung von etwas Spezifischem im Raum, das eine freiere Nutzung aufnehmen könnte. Das Spezielle wird dann oft nur über ein Bild, ein Rendering, transportiert, das einen Überfluss an Raum und auch Bildhaftigkeit suggeriert. In diesem Bild ist die Vorstellung, die Imagination, schon vorweggenommen und eine Realität dargestellt, die es so nicht geben wird: auch ein Ausverkauf des architektonischen Projekts.

Nachdem in der Architektur der Wert der Nutzung stark im Vordergrund steht, ist es vielleicht hilfreich, einen Seitenblick in den Bereich der Kunst zu tun, die der Nutzungsabhängigkeit nicht so stark ausgesetzt ist. Wenn Damien Hirst seine in Formalin eingelegten Mumien zu Höchstpreisen treibt, vor allem unter seinem eigenen Zutun sich mit den Preistreibern vorher abspricht, hat das nichts mit Verschwendung zu tun, sondern mit Überfluss. Der Überfluss wird im vornhinein gesteuert, um nur ein Ziel zu erreichen: den Wert eines Kunstwerks ausschließlich über seinen erzielbaren Preis zu bestimmen. Hingegen operiert die Verschwendung über eine Aussetzung, die den Ausgang einer Transaktion nicht eindeutig festlegt – und das ist ja auch das, was der Potlatch im Kern bedeutet. Die Verschwendung hat etwas Nihilistisches und beschreibt in diesem Sinn den eigentlich unvorhersehbaren Lauf des Lebens (‚Es kommt sowieso immer anders als man denkt’). Ein Bild von Jackson Pollock hat bis jetzt den höchsten Preis eingebracht, den jemals ein Kunstwerk erzielen konnte. Hier wurde wohl deshalb so viel gezahlt, weil das Werk von Pollock kaum einen direkt ablesbaren Wert zeigt. Oder anders formuliert: Entweder beginnt hier die Preistreiberei so richtig oder die Verschwendung ist komplett offensichtlich, was dem Zahler aber allemal Prestige bringt.

Nach der Wende war der sogenannte Palast der Republik in Bukarest, der von Ceauçescu über Jahre unter Zuhilfenahme hunderter Architekten erbaut wurde, schon fast für den Abriss freigegeben, da er ein Zeichen Symbol des alten, verhassten Regimes war. Anca Petrescu leitete als Chefarchitektin die Arbeiten an diesem Gebäude. Es ist mit seinen 330.000 m2 das zweitgrößte Gebäude der Welt nach dem Pentagon und war das ehrgeizigste und luxuröseste Projekt des Diktators. Angeblich brachte ihn erst ein Besuch im Präsidentenpalast in Korea auf die Idee, einen noch größeren zu errichten. Der Bau verschlang einen Großteil der Staatsausgaben und war gleichzeitig als Präsidentenpalast, als Parlamentsgebäude und als Residenz für Ceauçescu gedacht: ‚L’état c’est moi.’ Später wurde das Gebäude einerseits Ceauçescus Haus oder Haus des Volkes genannt. Es stellt einen eklektischen Baustil verschiedener französischer Stile über Jahrhunderte dar und zeichnet sich durch Louis XIV’sche Großzügigkeit aus. Ein ganzes Stadtviertel des alten Bukarest musste dafür verschwinden, und die Straße der Einheit wurde zentral-achsial an das Gebäude herangeführt. Es kann wohl als d e r Verschwendungsbau auf den Abwegen der Baukultur des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden. Die Raumhöhen sind komplett überzogen, die Verbindungsgänge sind äußerst großzügig, ebenso die Konferenz- und Empfangsräume. Man hat den Eindruck, dass ein falscher Maßstab erwischt wurde. Hier sind die Verschwendungsräume einfach übriggeblieben. Auch aufgrund der exorbitanten Heizkosten wurde über den Abriss diskutiert und abgestimmt. Schließlich setzte sich der Pragmatismus durch und der noch unvollendete und teilweise desolate Komplex wurde fertiggestellt und neuen Nutzungen zugeführt, was die Unvergänglichkeit von Bedeutung in der architektonischen Aussage Lügen straft. Es zogen das rumänische Parlament, ein Kongresszentrum sowie Ministerien und Ämter ein. Zusätzlich siedelten sich auch Firmen mit ihren Büros in dem Gebäude an. Es fanden sich doch einige, die wie in einem Schloss auf und ab wandeln und arbeiten wollten. Das Nationalmuseum für Moderne Kunst zog 2003 ebenfalls in dieses Gebäude und auf diesem Wege tauchte der alte Diktator nochmals in bildhaften Darstellungen als Simulation in ‚seinem’ Gebäude auf, das ihm als Residenz dienen sollte. So blieb ein Gebäude als Rest einer Geste der Verherrlichung, als unabsichtliche Verschwendung übrig und in seiner Größe offen für ein riesiges Nutzungskonglomerat – eigentlich ein Gebäude im Sinne der ‚Bigness’ von Rem Koolhaas. Eine Stadt in der Stadt mit einem Respektabstand zu den umliegenden Wohnsiedlungen.

Inzwischen sind die Rumänen auch wieder stolz auf ihr großes Gebäude. Für die meisten Bauträger und Investoren gilt ‚function follows money’, und es muss immer der Endverbraucher für die Bezahlung aufkommen. Hier hat wirkliche Verschwendung keinen Platz, obwohl richtige Verschwendung nichts mit Geldvergeudung zu tun haben muss. Eine solche Verschwendung kann daher nur von den Architektinnen und Architekten selbst übernommen werden – sozusagen als ‚echte’ Dienstleistung: dem Entwurf von Verschwendungsräumen. Verschwendungsräume wären dann auch Verschwindungsräume: die Räume, in denen das Raumprogramm verschwindet – der Horizont für all das, woran gedacht und was in eine Funktion gesiebt wurde. Dies wären Räume, die nicht wirklich einer utilitären Funktion entsprächen – und das wäre ja wirklich etwas Wunderbares. Dies wären dann Räume, die nur für das ‚Atmosphärische – Ästhetische’ oder auch ‚Öffentliche’ gut wären. Es wären Räume, in denen die Reste von Kultur oder Natur einen Ausdruck finden könnten. Diese Räume könnten dann von der Öffentlichkeit unterstützt werden, ihre Finanzierung wäre steuerlich absetzbar und jeder Investor würde einen Architekten beschäftigen – zumindest einen Verschwendungsarchitekten – den er nach der Verschwendungstheorie ohnehin benötigt: Nach Batailles allgemeiner Ökonomie ist Verschwendung notwendig, um größere gesellschaftliche Katastrophen zu verhindern. Die unproduktive Verausgabung ist zweckfrei. In der Ökonomie des Überflusses wird der Architekt also für die Verschwendung zuständig, weil die Kaufleute in ihrem eindimensionalen Kosten-Nutzen-Denken dazu nicht mehr in der Lage sind, ihnen die Verschwendung aber durch Begünstigungen schmackhaft gemacht wird und auch ihr Prestige steigt, wenn sie Verschwendungsräume für alle herstellen.

Schon Marx hat in seinem Kapital zwischen Tauschwert und Gebrauchswert unterschieden. Er meinte, dass der Gebrauchswert aus dem Tauschverhalten zurückzubekommen sei, die Eingebundenheit in das Konsumverhalten war der Horizont für seine Überlegungen. Allerdings forderte er auch, dass der Gebrauchswert für alle zurückzubekommen sei und nicht als Privatnutzen. Der vorhin beschriebene Gebrauchswert wäre ein kultureller und für alle, die den öffentlichen Raum nutzen und kein rein konsumistischer, wie er im alltäglichen Tauschverhalten in der Schnäppchenjagd zum Ausdruck kommt. Denn dieses Tauschverhalten ist natürlich an Geld gebunden und ermöglicht nur denjenigen den Gebrauch, die auch das Geld besitzen, Schnäppchen zu jagen. Es gibt die Tauschräume, in die man nur über Geld Einlass findet und jene, für die es nicht unbedingt notwendig ist. In ersteren wird das Geld seinem herkömmlichen Nutzen zugeführt, es wird etwas Bestimmtes gekauft – natürlich möglichst billig, es wird nichts verschwendet. Der andere Tauschraum ist ein symbolischer, transitorischer oder ein Restraum, in dem Verschwendung möglich wird oder auch nur die Aneignung eines Gebrauchs, der zunächst nicht festgelegt ist.

Absurderweise wird heutzutage bereitwillig für Kommunikation bezahlt, statt dass auf direkte Kommunikation in einem gemeinsamen Raum zurückgegriffen wird. Das Handy beschreibt einen Überfluss an Kommunikation. Nebenbei wird Raum verschwendet. Hier fällt Tauschwert und Gebrauchswert in Eines, was wohl zur aktuellen Verwirrung wesentlich beiträgt. Der Überfluss an Kommunikation, dem wir schon seit längerem ausgesetzt sind, fließt aber kaum in den alltäglichen Gebrauch des Raumes ein. Er fließt nicht ein in die Produktion des Raumes, er fließt nicht ein in den sozialen Raum und er verringert die plastischen Möglichkeiten des urbanen Raumes. Dabei ist es vor allem die sogenannte ‚Urban Frontier’, wie sie von Neil Smith (3) schon seit 1979 beschrieben wird, die immer wieder eine direkte Auseinandersetzung im Straßenraum provoziert. Durch den auch von ihm beschriebenen Revanchismus (ein Begriff, der noch aus der Zeit der Pariser Commune stammt) gibt es immer wieder das Bemühen von reaktionärer Seite, urbane Verschwendungsräume, Räume für eine Möglichkeit einer mehrdimensionalen Nutzung, einzudämmen. Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele, angefangen vom Zubetonieren der Häuserfronten in New Yorks Harlem in den 70er-Jahren, dem Absterben verschiedener Stadtzentren in den USA während der 80er und der forcierten Gentrifizierung, um solche Entwicklungen abzufangen – meist mit zweischneidigem Erfolg.

Neil Smith beschreibt vor allem den Kampf um den Tompkins Square Parc in New York ausführlicher, der ein gutes Beispiel für vergleichbare Auseinandersetzungen auch in anderen Gegenden abgibt. In den 90er-Jahren wurde nach einem politischen Wechsel die Null-Toleranz-Politik gegenüber den Obdachlosen und Nicht-Sesshaften ausgerufen. Der Tompkins Square Parc war bis dahin als öffentlicher Park genutzt worden und bot auch einigen Obdachlosen Unterschlupf, die dort ihre Hütten aufgestellt hatten. Diese Obdachlosen waren von der Bevölkerung der Gegend durchaus akzeptiert. Die Stadtverwaltung kam eines Tages mit Baggern, schob die Hütten weg und sperrte den Park. Dies war aber der Beginn einer langen Auseinandersetzung, weil die Bevölkerung rund um den Tompkins Square Parc mit der Sperre nicht einverstanden war. Allwöchentliche Demonstrationen einer bunt zusammen gewürfelten Menge von Menschen aus dem Viertel wurden abgehalten, kurzfristig musste die Stadtverwaltung einlenken, langfristig konnte aber der Prozess der Gentrifizierung in dieser Gegend nicht aufgehalten werden.

Schon die klassische Moderne produzierte in ihrer vordergründigen Orientiertheit auf das architektonische Objekt Raum im Überfluss. Aber dieser Raum im Überfluss ist als Hohlraum in der Stadt übriggeblieben, es gab keine Überlegungen auf seine Qualität hin, es war einfach dieser Rest, der zwischen der Infrastruktur für den Verkehr und den Objekten stehen geblieben ist. Es war ein verschwendeter Raum, oft auch ein wilder Raum, wie er in den Peripherien der wachsenden Städte aufgetaucht ist. Er wurde zwar genutzt, bot für manche auch Rückzugsmöglichkeiten, wurde aber mehrheitlich als desolat deklariert. Diese Verschwendungsräume waren unbeabsichtigt und nicht mehr Natur, noch waren sie bereits Kulturräume. Ihre Bestimmung lag genau dazwischen, was aber am Maßstab der Hochhausscheiben lag, die diese Räume grob strukturierten. Schlussendlich war man dann bemüht, Natur wieder künstlich in diese Bereiche zurückzubringen, die dann über die Jahre mit Grün förmlich zugewachsen sind – oder die ‚Freiräume’ wurden wiederum mit festgelegten Nutzungen belegt und entsprechend gestaltet.

Freiräume sind immer ein Potential für Auseinandersetzungen, weil immer ausgemacht werden muss, wer welchen Platz vereinnahmt, da die Interessen der Benutzer sehr unterschiedlich sein können. Naturräume sind ohnehin Verschwendungsräume, weil die Natur Verschwendung impliziert. Dies haben schon die amerikanischen Künstler in ihren Earthworks gezeigt. Michael Heizer ließ über Monate einen Einschnitt, das ‚Double-Negativ’, in einem Felsabbruch in Nevada ausheben, um ihn für die nächsten Jahrhunderte wieder den Kräften der Natur zu überlassen: ein absichtlicher Verschwendungsraum, der irgendwann von der Natur wieder getilgt werden wird. Um diesen Eingriff wirklich erleben zu können, muss man sich allerdings in diese Natur begeben. In der Natur gibt es Natur im Überfluss – es gibt n u r Natur.

Was der Mensch der Natur gegenüberstellen kann, ist die Verschwendung als dieses Stück Natur, das er aber künstlich setzen muss. Robert Smithson sprach von den natürlichen Schichten des Denkens und meinte damit Zeiträume. Olafur Eliasson beschreibt ebenfalls Zeiträume mit seinen künstlichen Schichten von Naturdarstellungen, die er in die Alltagsrealität integriert. Diese Maßnahme gelingt insofern, weil sie direkt wirkt. Die ‚Verschwendungsarchitekten’ wären dann alle gleichsam Kinder von Olafur Eliasson, der es als Künstler sehr gut versteht, das Wunderbare in den öffentlichen Raum zu tragen und damit haarscharf an wahrer Natur vorbeischrammt – und es damit schafft, die Menschen noch in Staunen zu versetzen. Hier wird die scheinbar nutzlose Natur fast zu Architektur und kann als solche ‚nutzlos’ sein, d.h. eigentlich der ‚Erbauung’ dienen, und das tut der Seele gut. Und: Unsere Seele ist Natur. Die Installationen von Eliasson sind in der ganzen Welt gefragt und sind meist keine kleinen Projekte, die man sich durchaus etwas kosten lässt. Dies zeigt aber auch, dass es nicht nur um Funktionen und Geldvermehrung geht, sondern um Ruhepole und Entschleunigung.

‚Verschwendung am Bau’ heißt also die neue Aufgabe für Künstler und Architekten, die sich dieses Themas annehmen, darüber nachdenken wollen. Ihnen käme eine nahezu ethische Funktion zu – sie würden sich auf den Restraum spezialisieren oder anders – als Antwort auf eine kürzlich im Architekturdiskurs gestellte Frage – ausgedrückt ‚sogar die Welt retten’. Heutzutage ist immer wieder von ‚Think Tanks’ die Rede. Eine nette Metapher – das Denken in Tanks abzulagern (früher waren das Schubladen), damit man es dann hervorholen kann, wenn man es braucht. Aber eigentlich braucht man dieses Denken sofort, in einer Welt, in der immer mehr abgedichtet wird, es braucht offene Zugänge und ein freies Denken, keine Bürokraten, die sich in Anordnungs- oder Veränderungserfüllungen, die nichts bringen, beweisen müssen. Übrig ist der Restraum, er ist öffentlich, hat keine Funktion, muss nicht bezahlt werden, ist transitorisch, ist Verschwendungs- und Verschwindungsraum.

Quellenverzeichnis:

(1) Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod. München Matthes & Seitz 1991

(2) Georges Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie. München Matthes & Seitz 1985

(3) Neil Smith: Urban Frontier. London Routledge 1996

BIOGRAFISCHE NOTIZ

Michael Homann arbeitet nach Studien, Projekten und Workshops in Graz, Marseille, Montevideo, Rotterdam und Wien als selbstständiger Architekt und Autor in Graz, ist Lektor für Architekturtheorie und Entwerfen und veröffentlichte kürzlich im Loecker Verlag unter dem Titel ‚global-specific’ ein Buch, dass die Bedeutung und Wirkung des Körpers und des ‚Spezifischen’ in Architektur und Stadt der ‚globalisierten Welt’ untersucht.

KONTAKT: studio@homann-architects.com

MICHAEL HOMANN

global-specific

Der Körper und das Spezifische in Architektur und Stadt

Löcker Verlag, 2010

300 Seiten, € 22,–

ISBN 978-3-85409-567-5

Verfasser/in:
Michael Homann, Essay

Weiterführende Links

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Publikation "global-specific. Der Körper und das Spezifische in Architektur und Stadt", von Michael Homann; erschienen 2010 im Löcker Verlag.

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