Ein später Samstagvormittag in Graz. Es ist einer der ersten warmen Tage im Jahr und die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel. Viele Menschen nutzen das traumhafte Wetter – um ihr Auto zu waschen. Genauer gesagt, um in einer langen Schlange anderer Autos – interessanterweise unverhältnismäßig vielen Audis – darauf zu warten, dass andere es waschen. An Menschen, die ihre Autos derart lieben, richtet sich das Konzept der Autopflege Carlovers in der Grazer Triesterstraße, die das Autowaschen mit einigem Mehrwert zu verknüpfen versucht.
Für die drei Architekten des Grazer Büros form,art war es zunächst ein ungewohntes Metier, in das sie sich für diese Bauaufgabe hineindenken mussten. Aufgrund eines ihrer ersten Projekte, dem Umbau der Chocolaterie De Naeyer am Kaiser-Josef-Platz, war der Bauherr mit dem Wunsch an sie herangetreten, ein außergewöhnliches Autopflegecenter zu entwerfen. Als Alternative zu den einfallslosen Anhängseln von Tankstellen und den garagenartigen Baracken, die hierzulande meist diese Funktion beherbergen, analysierten die Architekten mehrere Anlagen in Deutschland. Zu einem großen Teil stellten sich diese aber als „über-designed“ bis kitschig heraus und den meisten fehlte es schlicht an Funktionalität.
Für Carlovers entwickelten die Architekten ein Konzept, das eine der Bauaufgabe und dem Standort angemessene zeitgenössische Gestaltung mit einer ausgeklügelten räumlichen und funktionalen Struktur vereint. Diese zeigt sich vor allem in der Effizienz der Abläufe und in der Optimierung der Wegeführungen im und um das Gebäude. Trotz stringenter technischer Vorgaben wie der Länge der Waschstraßen und den notwendigen Radien für die Bewegung der Fahrzeuge gelang eine gute städtebauliche Lösung auf dem schwierigen Bauplatz zwischen mehreren höherrangigen Straßen. Der vom Cineplexx-Kino aufgespannte Platzraum wird gegen Süden abgeschlossen, gleichzeitig wird durch das Zurücktreten von der Straße und das massive Obergeschoß ein Gegengewicht zum Brauhaus Puntigam auf der anderen Straßenseite geschaffen und so eine Präsenz im Straßenraum erzeugt.
Schon beim Betreten unterscheidet sich das Bauwerk von anderen Bauaufgaben, denn der erste Kontakt des Benutzers mit dem Gebäude erfolgt nicht zu Fuß durch die Eingangstüre, sondern im Auto sitzend. Dem folgt auch die zurückhaltende Gestaltung der großteils transparenten Fassade des Erdgeschoßes. Nach dem „Check-in“ fährt man zuerst in die Waschstraße, die sich im ersten der beiden 50 Meter langen Reinigungsbereiche, die die Kubatur des Gebäudes bestimmen, befindet. Erst bei der Einfahrt in die, an der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes gelegene Innenreinigungsstraße übergibt der Kunde sein Auto an die Angestellten. Sich langsam auf einem Förderband bewegend, wird das Fahrzeug in mehreren Schritten gereinigt.
Währenddessen betritt der Kunde das Kernstück des Gebäudes: die zentrale, sieben Meter hohe Lobby. Von hier aus können über raumhohe Verglasungen beide Waschstraßen sowie der vorgelagerte Bereich für die Spezialreinigung überblickt werden. Überhaupt präsentiert sich das gesamte Erdgeschoß sehr transparent, sowohl die Außenwäsche als auch das Innenreinigungsband können durch Glasfassaden über die gesamte Länge auch von außen eingesehen werden. An einer, von den Architekten gestalteten Bar werden neben Beratung auch Getränke angeboten und Sitzgelegenheiten laden dazu ein, die Reinigungsschritte durch die Glaswände zu beobachten. Ein Fernseher und das im Möbel integrierte Aquarium wirken angesichts dieser Einblicke fast überflüssig.
Im auskragenden Obergeschoß befindet sich eine Bar, die auch getrennt von der Autopflege begehbar ist. Sie bietet neben dem Panoramablick über die Triesterstraße und Einblicken in den Reinigungsbetrieb auch ein ruhiges Atrium, in dem sich ein Frühstück in der Sonne genießen lässt, während unten das Auto gewaschen wird.
Spannender ist es aber sicher, in der Lobby auf das Auto zu warten, und durch die Glaswand die automatischen Bürsten, Wasserstrahlen und Sprühregen im Gegenlicht zu beobachten, die dem Raum eine lebendige Atmosphäre verleihen. Rechtzeitig zum letzten Schluck Espresso erscheint dann, wie von Geisterhand bewegt, das eigene, frisch polierte Auto. Besitzer und Auto werden nun wieder vereint und verlassen durch ein automatisches Tor das Gebäude, hinaus in den Sonnenschein, hinaus in den Sonnenschein, wo die nächsten staubigen Straßen schon warten.
PROJEKTDATEN:
Projekt: Carlovers Autopflege
Standort: Triester Straße 354, 8055 Graz
Bauherrschaft: Carlovers Autopflege GmbH
Ausführung: 2007 - 2008
Architektur: form,art (Dietmar Hammerschmid, Franz Seebacher, Andreas Pachl), Graz
Mitarbeit Architektur: Entwurf + Künstl. Oberleitung: form,art
Ausführungsplanung: Kreutzer Krisper Architektur
örtliche Bauaufsicht: Scherzer & Valent (Peter Scherzer, Gernot Valent)
Mitarbeit ÖBA: Frank Ulrich
- Verfasser/in:
- Martin Grabner, Bericht
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