Macondo -- eine andere Weltausstellung

Macondo im 11. Wiener Gemeindebezirk dient seit mehr als 50 Jahren als Siedlung für Flüchtlinge aus vielen Nationen und besitzt eine selbstorganisierte Gartenanlage.

10/04/2010

ARQUITECTOS, Heidi Pretterhofer, Dieter Spath

Migration durch Kriege Macondo, die Geschichte einer anderen Art Weltausstellung und Beispiel österreichischer Asylpolitik. Die Siedlungsgeschichte Macondos beginnt 1956 mit Flüchtlingen aus dem Ungarnaufstand, die in der ehemaligen Kaserne im 11. Wiener Gemeindebezirk untergebracht werden konnten. Als Spiegelbild der weltpolitischen militärischen Auseinandersetzungen diente und dient Macondo nun bereits mehr als 50 Jahre als Auffangnetz für Flüchtlinge u.a. aus Chile, Vietnam bis zu aktuellen Flüchtlingen aus dem Tschetschenienkrieg. Heute leben in Macondo in für unterschiedliche Dauer Migranten mit offiziellen Aufenthaltsstatus aus mehr als 20 Nationen.

Kommune im Ausnahmezustand

Mitten in der ehemaligen Kaserne hat sich über die Jahrzehnte eine Gartenanlage entwickelt, in der sich die BewohnerInnen unterschiedlicher Herkunft selbst organisiert haben.

Die Benutzung und die Errichtung der Gärten erinnert einen mehr an die Buntheit von informellen Siedlungen der südlichen Hemisphäre, denn an Nutzgartengemeinschaften, wie wir sie z.B. im deutschsprachigen Raum kennen. Die Geschichte dieser Gartenanlage geht jedoch gerade zu Ende, da der Eigentümer, die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die Gärten rechtlich sanieren und nach dem Prinzip von Schrebergärten an die Bewohner verpachten möchte. Diese Situation hat den großen Teil der informellen Gärten bereits zum Verschwinden gebracht und die Frage nach einem anderen gemeinschaftlichen Grünraum für Macondo steht an.

Macondo eine Insel in Heterotopia

Das über 50 Jahre entstandene Milieu von Macondo wurde auch durch die städtebauliche Insellage im Südosten Wiens begünstigt. Die Nachbarschaft von Macondo ist eine Infrastrukturlandschaft aus Großkläranlage, Autobahn, Hafen, Logistikzentrum, Großmarkt und Landwirtschaft. Das Entstehen eines funktionierenden anderen Lebensraumes in Wien, der von mehr als 20 Nationalitäten ständig neu geprägt wird, wurde auch dadurch ermöglicht, dass er in keinem unmittelbaren Austausch mit benachbarten Wohnsiedlungen steht. Die Nachbarschaft zu Großmärkten hat eher zu humorvollen Grenzkonflikten und informellen Märkten geführt, die einen an eine Welt außerhalb von Wien erinnern.

Unsichere Zukunft von Macondo

Als zweiter aktueller negativer Einschnitt für die Flüchtlingssiedlung ist die Schließung des Hauses des Österrischen Integrationsfonds, das in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Siedlung logisch erweitert hat. In diesen Wohnbauten konnten Flüchtlinge mit offiziellem Aufenthaltsstatus zwischen einem und fünf Jahren wohnen. Die beiden Häuser wurden von einem Team des österreichischen Integrationsfonds vor Ort betreut. Das vorrübergehende Konzept, diese Gebäude als Schubhaft für Flüchtlinge mit nicht gewährtem Aufenthaltsstatus zu verwenden, konnte im Keim erstickt werden. Diese Idee wäre wohl ein geschmackloser Umgang mit Flüchtlingen in Österreich gewesen und hätte das ohnehin labile Gleichgewicht der Siedlung zum Kippen gebracht.

Cabula6 in Macondo

Genau in diesem Moment der Umstrukturierung beschäftigte sich die Künstlergruppe Cabula6 mit Macondo. Den beiden Künstlern Claudia Heu und Jeremy Xido und ihrem erweiterten Team gelingt es sich über künstlerische Methoden intensiv mit den sozialen Kräften der Flüchtlingssiedlung zu befassen. Als Artists in Residenz wohnten sie während eines Jahres in der Siedlung und wurden dadurch als weitere "Migranten" der Flüchtlingssiedlung akzeptiert. In einem zum kleinen Veranstaltungszentrum recycelten Schiffscontainer wurden in Macondo von Frühling bis Herbst 2009 Veranstaltungen organisiert, Treffen, Begegnungen inszeniert und spezielle Programme für die Bewohner entwickelt, wie z.B. ein Graffiti-Workshop. Auf einem extra angelegten Areal um den Container wurde das Abbruchmaterial der Gartenhäuser zur Wiederverwertung sortiert. Der so entstandene "Recycling Garten"

funktionierte als Tauschzentrale und Kommunikationsinstrument der multiethnischen Bewohner von Macondo. Durch den Umbau des Containers mit vereinten Kräften der Bewohner von Macondo wurde bereits der Grundstein für den nun geplanten "Community Garden" gelegt.

Community Garden

Ein Teil der Arbeit von cabula6 in Macondo mündet in ein bereits eingereichtes Projekt für einen Community Garden in Kooperation mit der Gruppe Gartenpolylog. Ein Gemeinschaftsgarten gibt auf mehreren Ebenen eine Perspektive für eine funktionierendes Zusammenleben in Macondo. Durch das Verschwinden der selbst organisierten Gärten verschwand auch ein wesentliches Standbein des multiethnischen Zusammenlebens. Ein Community Garden setzt auf das gemeinsame Gärtnern zur Bildung einer Gemeinschaft. Nicht zuletzt ist das Pflanzen und Verkochen von selbst gezüchtetem Gemüse und Kräutern ein wesentlicher Faktor des Bezuges der Bewohner zu Macondo. In der abschließenden Performance von cabula6 im Wiener Tanzquartier ist genau die nationale Küche der Bewohner der Ausgangspunkt für das gemeinsame Dinner von Veranstaltungsbesuchern und Bewohnern von Macondo.

Story Telling Macondo

Als Zusammenfassung und Auftakt für Macondo entsteht eine Publikation, in der eine Auswahl der Fülle des recherchierten und künstlerisch aufgearbeiteten Materials zum Phänomen Macondo publiziert werden soll.

Verfasser/in:
ARQUITECTOS, Heidi Pretterhofer, Dieter Spath

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