„Susanne Wenger on Susanne Wenger“
Initiationen einer großen Künstlerin.
Eine Notiz zu Susanne Wenger von von Wolfgang Denk
„Wenn ich Obatala erlebe, erlebe ich die ganze Welt ...da ist alles „eins“, die Realität ist, auch im archaischen Sinne, eine Totalität. Die großen Dinge kommen aus einer Welt – lebensräumlich früher als das Wort –, wo Kategorien einfach nicht nötig sind. Andererseits ist alles ein Labyrinth, aus dem man die eigene Identität erst herausfinden muss....“
Mitten im ersten Weltkrieg hat Susanne Wenger „unter einer Äonen Weltraumatemzüge alten Lindenbäumin in ihre frühesten Kindheitserinnerungen einatmend“ recht gutbürgerlich in Graz das Licht der Welt erblickt. Kindliche Hoffnungen an ihren Geistesbruder Jesus wurden ihr von der finsteren, barbarischen Welt bald gründlich zerbrochen. – Enttäuschungen, die sie Freundschaft mit Bäumen, Mur und Hochschwab suchen machen. Afrika-Entdeckung – Langsamkeit war für die gesundheitlich instabile, faszinierend schöne Susanne Wenger
der Weg, die notwendigen inneren Balancen zu stabilisieren. Kunst, „entartet“, Widerstand, Hinrichtungen der Freunde, Rettung der Freunde, Intimitäten, Zerstörung, zerbombtes Atelier – Verletzung und Krankheit, Art Club, Wien, Rom, Zürich, Paris...
Eine Brücke von der „ersten Realität“ zu den virtuellen, „vorauserinnerten“ Bildern entsteht durch Selbstauslöschung – Selbst-wieder-fi ndung – dramatisch-geheimnissuchende Selbstverwirklichung war die visionär-weibliche ganzheitliche Hoffnung Susanne Wengers nach all den Traumatisierungen in Europa . Normales Leben im Yorubaland für Susanne Wenger: „Anthropo – Aborea – Kathedralen – Wurzeln – Architrave“ und das „göttlich Transzendentale“ – Obatala, der weiße Orisha, Friedensengel mit dem gekreuzigten Jesus Christus gleichgesetzt – mit Freundin Maria war sie nazifeindliche Kommunistin – nimmt fließend die zentrale Rolle der Suche nach dem Gesamtkunstwerk, nach der Grenzauslöschung zwischen Kunst, Denken und „alltäglicher“ Realität ein. „Ajagemo, dieser Vulkan, dieser ganze Vulkan hatte religiöse Potenzen in mir abgelagert wie in einem Altarobjekt, und so war ich auch bereit, dem Ruf zu folgen: Wiederaufbau der Oshun-Sanktuarien-Initialzündung – der Sacred Oshun Groves of Oshogbo.“
Susanne Wengers ständig erneuerter Lebensmythos manifestiert immer wieder visionäre Bilder: aus der Wiege – senkrecht nach oben fixiert – erscheinen die dunklen Silhouetten der Äste der großen „Lindenbäumin“ kontrastierend zu den einflutenden Sonnenstrahlen, wie ein kosmisch-rhythmisches Aderngeflecht: in den informellen Strukturen der Groß-Skulpturen und Architekturen, den Ölgemälden und in den obsessiven Rhythmen der monumentalen Wachsbatiken immer wieder zu erkennen.
„Susanne Wenger on Susanne Wenger“, die Lebenserzählung berichtet unmissverständlich von diesen Eindrücken als der Basis, dem Grundgerüst der suggestiven Bildwelten. Eines der Geheimnisse der Kraftpotentiale der lebenslangen Erkenntnissuche, der Initiationen in das geheime und „offizielle“ Wissen der komplexen Götter-und-Menschen-Mythen der Yoruba-Religion und der Arbeit als schöpferisches Denken in spirituellen Dimensionen ist für Susanne
Wenger eine wirklich göttliche Quelle: nämlich am Ufer des Oshun-River, des geheiligten Flusses, auf einem Felsen zu liegen und das gleißende Licht durch die Kronen der Regenwaldriesen in sich aufzunehmen – Wachträume, Meditation, Bilder aus ihrer kindlichen Welt, von streunenden Wanderungen zu geheimen Plätzen an der Mur – der Fluss aus der „Urheimat“ wird mythogenetische Mutter des heiligen Flusses in Afrika – Bäume werden durch ihr Sehen zu heiligen Bäumen und abgelegene Wälder zu heiligen Hainen. Susanne Wenger ist eine europäische zeitgenössische Künstlerin ersten Ranges.
„Schöpferisches Denken und Kunst sind nicht messbar, sind sie doch Zeugnisse der Wahrheit, und diese Wahrheit, die eine Wahrheit, hat viele Gesichter. Über den Toren einiger Tempel in Tibet steht der Spruch: 1000 Mönche – 1000 Religionen.“