Lichtensteg 3, Wien – Haus für Flüchtlinge und Folteropfer

Eine Baulücke im noblen 1. Wiener Bezirk war Ausgangspunkt eines Projektes am Institut für Architektur und Entwerfen der TU Wien, das sich mit den Themen Flucht, Folter u

04/08/2010

Eine Baulücke im noblen 1. Wiener Bezirk war Ausgangspunkt eines Projektes am Institut für Architektur und Entwerfen, der TU Wien, das sich mit den Themen Flucht, Folter und Asyl auseinandersetzte.

Noch ist die Adresse Lichtensteg 3 im 1. Wiener Gemeindebezirk eine Baulücke. Doch ginge es nach den teilnehmenden 24 Architekturstudierenden und deren BetreuerInnen DI Regina Gschwendtner, DI Dr. Franz Karner und DI Dr.Wilhelm Luggin an der TU Wien, dann stünde in absehbarer Zeit ein schmales, mehrstöckiges Eckhaus dort, ausgewiesen als interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum für AsylwerberInnen, Flüchtlinge und Folteropfer. Auch deswegen ist das Projekt bemerkenswert, stünde doch dieses Haus für Flüchtlinge und Folteropfer im noblen Zentrum Wiens und wäre damit auch ein politisches Flagschiff – das dem Thema eine zentrale Bedeutung zumisst. Menschen, die hier Schutz begehren, dürfen nicht an den Rand, die Peripherie geschoben werden.

Die Aufgabenstellung wurde im Rahmen des Bachelorabschlusses bearbeitet. Den Beteiligten stand ein Semester zur Verfügung, um sich in die Materie einzuarbeiten, die Entwürfe zu erstellen und die Modelle zu bauen. Auffallend war, dass die Studierenden eine breite Diversität aufwiesen. Neben 13 österreichischen StaatsbürgerInnen kamen die TeilnehmerInnen aus Rumänien, Ungarn, Bosnien, Armenien, Serbien, Iran, Frankreich, Polen, Ägypten und Afghanistan.

Bestehende Beispiele

Im Zuge der Recherchen zu einem solchen Interkulturellen Beratungs- und Therapiezentrum wurde nach bereits bestehenden Beispielen gesucht und u. a. der Grazer Verein Zebra gefunden. Zebra ist eine seit 23 Jahren in dem Feld arbeitende Einrichtung, die sich mit der Beratung, Betreuung und Behandlung von MigrantInnen, Flüchtlingen und Folteropfern beschäftigt.

Die rund 25 hauptamtlichen, etwa 30 geringfügig beschäftigten und ca.100 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen bieten sowohl niederschwellige Beratung und Gruppenarbeit als auch höherschwellige psycho- und physiotherapeutische Angebote für KlientInnen an. Dies alles beinhaltet Sozialarbeit, Rechtsberatung und Bildungsangeboten. Zebra hat sich zu Beginn an international bewährten Vorbildern – wie etwa dem Kopenhagener RCT (Rehabilitationcenter for Torture Victims) – orientiert und ist mittlerweile in ein Netzwerk von ähnlichen Zentren auf der ganzen Welt eingebunden.

Hinzu kommen noch Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, die Herausgabe einer Zeitschrift sowie Verwaltung, Administration und Geschäftsführung. All diese – sehr unterschiedlichen –

Funktionen sind als Gesamtkonzept zu sehen und müssen im Haus Platz finden. Zu Zebra kommen jährlich mehr als 1.400 KlientInnen in die Beratung (2009: 1.461) und etwa 300 Personen, (2009: 284), verkürzt als TherapieklientInnen bezeichnet, durchlaufen das Therapieprogramm von Zebra.

Raumanforderungen

Aus dieser Vielfalt an Aufgaben und Tätigkeiten ergab sich für Planung und Entwurf eine Reihe von höchst unterschiedlichen Raumanforderungen, die es zu lösen galt. Franz Karner fasste die Herausforderungen in fünf wesentliche Punkte für den Entwurf zusammen:

1. Die spezielle Gruppe der Nutzerinnen erfordert spezifische räumliche Anforderungen. Es galt, die Anordnung und den Übergang von eher „öffentlichen“ zu eher „privaten“ Nutzungen zu lösen.

2. Die Lage warf spezielle Fragen auf. Ein sehr kleines – nach Osten orientiertes – Eckgrundstück im 1. Bezirk der Stadt Wien ergab schwierige Voraussetzungen für die Beleuchtung der Aufenthaltsräume, vor allem in den unteren Geschossen.

3. Trotz der kleinen Nutzfläche musste man eine räumliche Lösung finden, welche die vertikale räumliche Entwicklung des Gebäudes nutzt.

4. Angemessene gestalterische Mittel waren zu finden; ausgehend vom Entwurf über die räumliche Umsetzung bis zur richtigen Wahl der Materialien und den Einsatz von Licht, Schatten und Grünbereichen.

5. Schließlich musste eine, auf den umliegenden städtischen Kontext reagierende „Hülle“ entwickelt werden, die auch auf die unterschiedlichen inneren Funktionsbereiche reagiert und die besondere Situation des Eckstandortes in einer Blockbebauung mit reflektiert.

Die Projekte

Bei den meisten Projekten bildete eine Dachterasse den Abschluss. In einigen Entwürfen war diese für die KlientInnenarbeit vorgesehen, manche dachten dabei an die MitarbeiterInnen. Insgesamt herausragend war, dass sich die Studierenden viele Überlegungen bezüglich der Arbeitsbedingungen der Beschäftigten machten und so zu einer Reihe von Ideen und Vorschlägen kamen. So wurde etwa in einem Projekt mit flexiblen und je nach Bedarf leicht umzustellenden Büroplatzelementen experimentiert. Andere wiederum gingen großzügig mit den Frei- und Rückzugsräumen um.

Naturgemäß waren auch die KlientInnen in den Entwürfen im Blickpunkt der Überlegungen. Vor allem die unterschiedlichen Anforderungen im Haus, welches einerseits Intimität und Privatheit/Schutz bieten und andererseits Offenheit nach außen vermitteln sollte, forderten die Studierenden zu engagierten Leistungen heraus.

Sehr ambitionierte räumliche und gestalterische Lösungen beinhalten die Projekte von Stefan Mayr (Vivarium) und Elisabeth Etzler (Weitblick). Mayr entwarf im hinteren Bereich mehrgeschossige, begrünte Freiräume, die durch Terrassen und Balkone gegliedert werden. Das Projekt von Elisabeth Etzler wiederum arbeitet mit einer räumlich vertikalen Erschließungszone, die durch eine einläufige Treppe, als „Rückgrat“, und den auskragenden Bereichen in Richtung Lichtensteg hervorsticht. Beiden gelingt es trotz der räumlich beengten Situation, sehr viel Tageslicht in das Gebäude hineinzuholen.

Viele der im Bereich der Flüchtlingsarbeit tätigen Menschen werden beim Anblick der interessanten Entwürfe und Ergebnisse wohl zu träumen beginnen. Sieht doch der Alltag – draußen wie drinnen – erheblich anders aus. Die nackte Realität der meisten Einrichtungen heißt Raumnot, kein oder zuwenig Geld, um Räumlichkeiten adäquat auszustatten, Notlösungen allerorts.

Die Hoffnung, einen Ort der Sicherheit konstruieren zu können, wird meist zunichtegemacht, spätestens, wenn die KlientInnen zum nächsten Termin nicht mehr kommen können, weil sie aus ihrem Quartier abgeholt worden sind. Von Jahr zu Jahr, von Minister(in) zu Minister(in) Verschärfungen, die den Schutz vor Verfolgung zur Farce werden lassen. Umso erfreulicher ist es, wenn die am Projekt Lichtensteg 3 Beteiligten sich so intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und der Hoffnung auf einen besseren Umgang, bessere Gesetze für Asylsuchende und angenehmere Arbeitsbedingungen für die in diesem Bereich Tätigen wieder Nahrung geben. Lichtensteg 3 wird zwar nie verwirklicht werden, aber als Hoffnungsträger und architektonisch wertvoller Projektentwurf taugt es allemal.

WOLFGANG GULIS, geboren 1962 in Graz, Journalist und Publizist, Chefredakteur der Zeitung Zebratl (1990 – 2010) und langjähriger Mastermind bei ZEBRA (Interkulturelles Beratungs- und Therapiezentrum; Anm.).

Verfasser/in:
Wolfgang Gulis, Bericht

Weiterführende Links

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Wienkarte mit Lage des Bauplatzes
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Ansicht Projekt "Weitblick". Verfasserin: Elisabeth Etzler
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Schnitte Projekt "Weitblick". Verfasserin: Elisabeth Etzler
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Schaubild Café, Projekt "Weitblick". Verfasserin: Elisabeth Etzler
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Ansicht Projekt "Vivarium", Blick von der Kramergasse. Verfasser: Stefan Mayr
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Ansicht Projekt "Vivarium", Blick von Lichtensteg; Verfasser: Stefan Mayr
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Lageplan Projekt "Vivarium". Verfasser: Stefan Mayr
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Axonometrie Projekt "Vivarium". Verfasser: Stefan Mayr

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